Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Bemerkungen

Magdeburg

„Vom Sinn und Unsinn heutigen Wohnhausbaues"
Unter dem Titel „Es wachse das Haus" — Untertitel siehe oben, hielt vor-
längst ein Herr Hellmut Mebes, Dr. Ing. aus Berlin, einen Vortrag in
Magdeburg, nach Form und Inhalt gleich unzulänglich. Ziel des Redners
war es, die Idee des wachsenden Hauses abzulehnen. Er tat das unter
Verzicht auch auf oberflächliche sachliche Darlegungen durch allzu per-
sönlich gefärbte, in solcher Form und in solcher Umgebung ungehörige
Angriffe gegen Martin Wagner, ohne daß es ihm gelungen wäre, ver-
ständlich darzulegen, daß es seiner Ansicht nach darauf ankomme, jedem
Stande den ihm adaequaten unveränderlichen Wohntyp zu schaffen. Ein
aus Fachleuten und Laien durchschnittlich zusammengesetztes Publikum
quittierte durch wachsende Unruhe und schließlich kaum mehr unter-
drücktes Gelächter.

Die Tatsache eines solchen Vortrages wäre an sich belanglos und man
könnte sich darauf beschränken, den Veranstaltern, dem Magdeburger
Verein für deutsche Werkkunst, sein Beileid in der Lokalpresse auszu-
sprechen — wenn nicht eben dieser Herr Hellmut Mebes kurz nach
seinem hiesigen Fiasko eine Vortragsreise nach Norwegen angetreten
hätte, um dort in verschiedenen Städten, vermutlich doch ebenso zu
sprechen.

Sollte es nicht Mittel und Wege geben, zu verhindern, daß das Deutsch-
tum im Auslande sich so darstellt? In diesem Falle kann man nur hoffen,
daß das norwegische Publikum entweder sehr wenig deutsch verstand
oder soviel, daß es in der Lage war, den geistigen Ort des Redners ohne
Verallgemeinerungen zu bestimmen. Dexel.

Russische „Heimkehrer"

Die Ausführungen in Heft 6/7 haben uns eine ganze Reihe interessanter
Aeußerungen aus dem Kreise der Leser eingebracht. Die Frage steht heute
ohne Zweifel im Brennpunkt des Interesses. Wir brachten in Heft 8
als weitern Beitrag zu der Diskussion, den schon im August geschriebenen
„offenen Brief" von Leberecht Migge, der letzten Endes auf das-
selbe Problem hinweist wie Hans Schmidt im vorletzten Heft.
Es ist für den ganzen Verlauf dieser Auseinandersetzung im höchsten
Grade peinlich, wie in den letzten Monaten einzelne frühere Mitarbeiter
der „Gruppe May", die aus irgend welchen Gründen Rußland verlassen
haben, nun aus dem Ressentiment ihres persönlichen Mißgeschickes
heraus gegen die Arbeit ihrer in Rußland zurückgebliebenen Kollegen
Kapital zu schlagen suchen und in öffentlichen Vorträgen und Zeitungs-
aufsätzen all den Atelierklatsch ausbreiten, der offenbar ihre einzige Er-
innerung an die Arbeit drüben geblieben ist. Wer sich 1930 so sehr um
die Sensation bemüht hat, „mitgenommen" zu werden, der sollte heute,
wenn ihm persönlich die Expedition missglückt ist, den Takt haben, zu
schweigen.

Daß die Berichte dieser „Heimkehrer" heute von der großen Tagespresse
gierig aufgegriffen und dann bis in die letzten Provinzblätter kolportiert
werden, ist verständlich. Wir meinen aber, wichtiger als diese meist so
großspurig aufgezogenen Märchen seien die prinzipiellen Fragen, die
heute zwischen Rußland und Westeuropa ausgetragen werden — eine
Diskussion, in welcher, wenn nicht alles trügt, Westeuropa langsam wieder
die Führung übernimmt, nachdem es sich von der ersten Verblüffung über
die russischen Pläne erholt hat.

In diesem ganzen Fragenkomplex sind die Arbeiten der deut-
schen Architekten in Rußland von größtem Wert für uns, und
darum werden wir hier immer wieder ihre neuesten Projekte publizieren,

gleichgültig, ob sie eines Tages so oder anders oder gar nicht ausgeführt
werden. Denn in ihnen spricht sich die Auseinandersetzung am unmittel-
barsten aus, sie sind vorläufig die eigentlichen, für uns sichtbaren Resul-
tate dieses großen Prozesses, der sich drüben abspielt. Mit der Zeit wird
sich ja wohl auch der Stab der ausländischen Fachleute in Rußland
läutern, so daß wir nicht mehr das für beide Teile peinliche Schauspiel
erleben, daß blutjunge kleine Zeichner irgend eines deutschen Hochbau-
amtes nach ihrer Rückkehr großartige „Stadtpläne" vorweisen, die sie
„im Auftrag der Sowjetregierung" für irgend welche fabulöse Unter-
nehmungen im fernen Osten angefertigt haben wollen!

Die Architektur im Dritten Reich.

Herr Schultze-Naumburg und seine Adepten verkaufen das Fell des
Bären, bevor sie ihn erlegt haben. Als das Büchlein von Karl Willy
Straub, Die Architektur im Dritten Reich (Verlag Wede-
kind, Stuttgart) mit dem tönenden Vorwort von Schultze-Naumburg, ge-
schrieben wurde, hatte sich zweifellos der Glaube an den bevorstehen-
den Anbruch des Dritten Reiches in vielen Köpfen festgesetzt. Jetzt aber,
wo die Schrift in den Buchhandlungen liegt, ist die Vergoldung schon
merkbar abgeblättert. So könnte man dieses überaus schwächliche
Pamphlet gegen das neue Bauen (das sachlich so wenig fundiert ist, daß
es Le Corbusier mit dem Dornacher Anthroposophentempel in einen
Topf wirft!) ruhig beiseite legen, wenn es nicht typisch wäre für die Art,
wie heute die Köpfe junger Menschen durch Schlagworte vernebelt
werden. Es geht in diesem Dritten Reich alles beneidenswert einfach zu.
Der Marschbefehl lautet: „In dieser individuellen Gestaltung hat der
Architekt des Dritten Reiches die Ausdrucksformen des Sehnens nach
einer Vertiefung des Lebens zu sehen" (S. 25). Und die soziale Frage ist
spielend gelöst: „Der den Lockungen der Großstadt und dem vermeint-
lichen Komfort der Mietskaserne erlegene Land- und Bodenflüchtige
wird wieder den Pflug zur Hand nehmen und die Mietskaserne mit dem
erdnahen Bauernhaus vertauschen" (S. 40). Wenn dann als Kronzeugen
für die „Wohn- und Lebensform des Dritten Reiches" schöne alte Bauern-
dörfer und Bauten von Schmitthenner abgebildet werden, so ist dagegen
wenig einzuwenden. Daß aber auch die trostlose Reißbrettarchitektur
der neuen Kliniken in Freiburg i. Br. als „Beispiel für Baukunst" gezeigt
werden, das geht selbst der in ästhetischen Fragen so duldsamen Stutt-
garter „Bauzeitung" auf die Nerven! (S. Nr. 29 vom 15. 10., S. 350).
Es wäre sehr gut, mit ernsthaften Gegnern des neuen Bauens einmal
die Frage der Resultate der ganzen Bewegung zu diskutieren. Aber
dabei müßte wenigstens die primitivste Kenntnis der heutigen soziolo-
gischen Grundlagen der Architektur vorausgesetzt werden dürfen. Ich
vermute, daß ein einziger Spaziergang in der Umgebung einer Großstadt
alle die, die guten Willens sind, der heutigen entsetzlichen Not zu
steuern, sehr rasch auf einer Plattform vereinigen würde. Die Zeit der
aesthetischen Diskussionen ist endgültig vorbei, und wer wie Straub (und
offenbar auch Schultze-Naumburg) keine Ahnung hat von den Schwierig-
keiten der Bodenfrage, der Mietpreisgestaltung und der Arbeitsbeschaf-
fung, wer heute noch so tut, als ob jedem „Volkgenossen" ein Haus im
Stil der Gartenlaube versprochen werden könne, der begeht eine be-
denkliche Demagogie. Ich wiederhole die Frage im vorletzten Heft, S. 155:
wann endlich werden innerhalb der sog. proletarischen Parteien junge
Menschen von Verantwortung aufstehen und diese Propheten darüber
aufklären, wie es wirklich aussieht in der Welt? Gtr.

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