Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Die neue amerikanische These im Städtebau

Eine Bilanz über die Entwicklung der amerikanischen Städte

von Martin Wagner

In dem Oktober-Heft der amerikanischen Zeitschrift „Survey Graphic"
(Jahrgang 21( Nr. 7) leitet der Städtebau — Schriftsteller Carol Arono-
v i c i eine Artikelserie über das Schicksal der amerikanischen Städte ein,
die für die Neuorientierung auch des deutschen Städtebaus von so großer
Bedeutung ist, daß wir sie hier in einigen Ausschnitten wiedergeben
wollen.

1. Let the Cities perish!

von Dr. C. A r o n o v i c i.
„Die Zeit ist in diesem Lande vorüber, in der unsere Städte dem Lauf der
Evolution und Revolution — charakterisiert durch Pioniertum, Urbar-
machung und Widerstand — folgen mußten. Wir haben genug Erfahrung
genossen und haben dafür einen sehr hohen sozialen und ökonomischen
Preis bezahlt.

Wir sind nicht länger mit einem Niveau zufrieden, das das Leben nur
möglich macht. Eine neue Zivilisation verlangt, daß das Leben zu er-
tragen und angenehm sei.

Der Stadtplaner der letzten zwei Jahrzehnte war zu dem Vorurteil gekom-
men, daß die Menschenbewegung große Schritte vorwärts getan habe.
Schnelligkeit ist gewachsen Entfernung ist überbrückt, und durch den all-
gemeinen Gebrauch des Autos ist schnelle Beförderung individualisiert.
Hierdurch ist eine Massenplanung und eine Massenproduktion der Trans-
portmittel, wie Eisenbahnen, Aufzüge, Untergrundbahnen, Wagen, Autos
hervorgerufen. Die Zivilisation ist auf Räder gesetzt und die Planer haben
darüber gegrübelt, wie die Abfertigung zu beschleunigen und Verwirrung
zu beseitigen sei. Die Besessenheit, Zeit zu gewinnen, ist an Stelle der
Vernunft getreten; in der Tat, wir haben Bewegung mit Fortschritt
verwechselt und Zeitgewinn mit Wirtschaft!

Letztens werden vier Facta deutlich bei der Untersuchung der modernen
Großstadt, und zwar:

1. Daß die tätige und wachsende Industrie gefunden hat, daß sie nicht
länger von dem großen Stadtzentrum abhängig ist( weder in bezug auf
Produktionserleichterung, noch auf Rohmaterialzuführung, noch auf Ver-
teilung der Produkte.

2. Daß die Stadtplanung (wie wir sie bisher gewohnt waren) den moder-
nen Industrialismus mit der städtischen Oekonomie nicht in Ueber-
einklang zu bringen vermochte, so daß in einigen Stadtgebieten sich
Werte anhäuften, während in anderen Veralterungen und Wertverluste
eintraten.

3. Daß die Industrie nur einen geringen Teil der städtischen Aktivität dar-
stellt und daß die große Beschäftigungsquelle mehr auf dem Gebiete der
Warenverteilung, der Berufsausübung und der Herstellung von Gebrauchs-
und Luxusartikeln liegt.

4. Daß die Zeiteinteilung bei der menschlichen Tätigkeit von der Philo-
sophie der Arbeit hinstrebt zur Philosophie der Muße, und daß der
Industrialismus, der die Handarbeit durch die Maschinenarbeit ersetzt, in
die Stadtplanung ein weitgehendes Element der Muße einfügt, wie es
bisher nur zufällig sich bei der Lebensarbeit des Einzelnen einstellte.

Die Wirtschaftsproduktion von gestern scheint der Gesellschaft den
Rücken zugekehrt zu haben und es muß eine neue Art sozialer Wirtschaft
gefunden werden, die die Macht der Maschine; uns mit Gütern zu über-
fließen, überwältigt durch eine neue Verteilungswirtschaft der Güter und
eine neue Philosophie der Muße. Wir haben nicht nur genug Güter für

alle Bedürfnisse unseres Volkes, wir haben auch genug Maschinen und
können noch mehr Maschinen erzeugen, so daß unsere ganze Güter-
erzeugung einer kleinen Aristokratie von Beschäftigten vorbehalten
bleibt und eine große Majorität von Unbeschäftigten vorhanden ist, deren
einziger Ausweg eine Revolution ist zum Zwecke, die gegenwärtige
wirtschaftliche Ordnung in einen Zustand umzuändern, in dem man die
Maschinen mehr für den menschlichen Komfort als für das menschliche
Elend zu benutzen versteht.

Der Metropolitanismus von heute mit seinem Dienstmädchen der
Groß Stadtplanung, wird uns nicht sehr weit bringen, weder in der
Rekonstruktion des Großstadtzentrums, noch in der Entwicklung der
davon abhängigen Gemeinden. Nötig ist eine vollständige Emanzipation
der Vorortgemeinden von der Metropole. Solange Newyork, Boston;
Chicago oder Los Angeles die umliegenden Gemeinden zwingen können,
ihnen Tribut zu zahlen, solange Geschäftemachen und kultureller Parasi-
tismus von dem Großstadtzentrum aus bestärkt und sogar geplant werden,
solange ist geringe Hoffnung auf soziale, kulturelle und ökonomische
Unverletzlichkeit der kleineren Vorstädte. Sie werden mehr Schlafräume
bleiben, für deren Benutzung ihre Bevölkerung Tribut zu zahlen hat, bis
die Metropole wie eine Hydra auch ihre physische Existenz in den politi-
schen Körper einer verfallenen und korrupten politischen Organisation
hineingezogen hat.

Der „Philadelphia Tri-State Metropolitan-Plan", der „Port of Newyork
Authority Plan", der „Niagara Falls International Plan" sind Anzeichen
eines neuen regionalen Erwachens, wobei Wassergrenzen eher als
regionale Verbindungen, als regionale Barrieren angesehen worden sind.
Im Jahre 1588 stellte ein italienischer Schreiber, namens Botero, die
Theorie auf, daß keine Gemeinde für sich alleine bestehen kann, und daß
die Größe einer Stadt von dem Gebiete abhängt, in dem sie ihre mensch-
lichen, ökonomischen und sozialen Hilfskräfte findet. Humboldt, Guyot,
Ratzel( Ritter, Reclus, Vidal de la Blanche, Le Play, Geddes, Rüssel Smith
haben alle auf eine Klarstellung regionaler Belange als eines Faktors
menschlicher Zivilisation hingearbeitet; und die Regionen bestanden
weiter trotz politischer Ignoranz und kommerzieller Gier und schafften
soziale und ökonomische Einheiten, ohne von menschlicher Kooperation
etwas zu wissen.

Mit dem Zusammenbrechen der künstlichen politischen Grenzen, mit der
Bevölkerungsbewegung hinaus aus den verkrampften und technisch ver-
alteten Bevölkerungszentren tritt ein neuer Gemeindeaufbau (Städtebau)
in die Erscheinung, wobei Regionalismus die natürliche Einheit ist, in der
die neue Ordnung kommunalen Lebens ihre Verwirklichung finden muß.
Wir benötigen eine neue Fassung der Beziehung
zwischen dem Menschen und seiner Umgebung, zwi-
schendemMenschenundseinerArbeit,zwischender
Gemeinde und dem Menschen. Die neuaufzustellende Region
mit ihren mannigfachen Hilfskräften, mit ihren neuen Problemen des
Gemeindeaufbaues und Gemeindelebens, und zwar in Harmonie mit der
neuerlich gewonnenen Gelegenheit zur Muße, bietet reiche Möglich-
keiten für revolutionären, sozialen Neuaufbau.

Wenn unsere Zivilisation dem Verfall zu entgehen versucht, indem sie
das Leben auf die Nebenwege und den Industrialis-
mus auf die Hauptwege verweist( so müssen wir dagegen
feststellen, daß unser Land in zusammengedrängten Haufen bevölkert ist,

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