Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Es soll weiter erinnert werden anHausZeller in der Reinsburgstraße, an die Villa
Hauff an der Gerokstraße, an das hohe Dach der Blindenanstalt (die auf einer
der Höhen steht), an die ländliche Romantik der Erlöserkirche und den Kontrast
ihrer heutigen Umgebung, an das Gustav Sieglehaus usw., alles Bauten, die
entweder auf Fischer oder auf seinen direkten Einfluß zurückgehen. Nicht ver-
gessen darf man die Altstadt-Sanierung (Geißplatz), die schon nach ihrer
Erstellung wieder hätte saniert werden müssen und — dann die Uebernahme
Fischer'scher Auffassung für die Baugewerkschule durch Schmohl, die das
Gros der Architekten und Bautechniker erzieht. Weiter erwähnen muß man den
verkehrtechnisch wie städtebaulich unmöglichen Aufteilungsplan Fischers
für das neue Bahnhofsviertel. Stuttgart hat Glück gehabt, daß ein Schüler
(Neidel) von Bonatz und letzterer selbst die Grundlagen für die heutige
Straßenführung dieses Gebietes geschaffen hatte.

Der Stuttgarter Bahnhof (1912), bei seiner vornehmen Haltung und Hinweis auf
das Kommende — wohl seiner Zeit weit voraus und die bedeutendste Archi-
tektur in der Stadt — ist klassizistisch-romantisch. Der Anlauf, den Bonatz mit
diesem Bau für die Entwicklung gegeben hatte, ist leider stecken geblieben,
nur das Formale, Romantische wurde bestimmend bis vor wenigen Jahren von
den Architekten weitergeführt.

Das Ateliergebäude von Pankok (1905) konnte wie jene Rückfronten der Miets-
kästen trotz seiner schon damals richtigen Erkenntnis und Konsequenz erst
Jahrzehnte später Widerhall finden, und auch da bis heute nur vereinzelt.
Wenn aber die Besten einer Zeit — Potenzen, Begabungen, anerkannte Meister

— solchen Irrtümern erlagen, wer will dann Bauämter oder Architekten, —
Schüler der Schule — verantwortlich machen?

Man muß auch solches Geschehen als den zwangsläufigen, unabwendbaren
Ablauf des Schicksals einer Zeit hinnehmen. Heute diese Dinge festzustellen,
Zusammenhänge und Ursachen zu sehen, mag in mancher Hinsicht leichter sein

— aber sie nicht auszusprechen, wäre gleichbedeutend, sie nicht gesehen zu
haben.

Ausblick.

Dezember 1932 — die Stadt und die Architekten — nicht Schulen — haben
erreicht, daß Irrwege und Umwege am Ende sind. Die Architekten sind satt des
individualistischen Spiels und des zufälligen Wechsels. Man ist klarer, sehen-
der geworden. Bauen ist vom Handwerk zur technischen Wissenschaft ge-
worden. Die Gestaltungsprinzipien gehen aus vom Material und Zweck — von
der Funktion und vom Kalkül. Die „Stilgesetze" des neuen Bauens sind weiter,
wahrer, entwickelter und reifer. Sie sind allerdings schwerer faßbar in Worten
und Rezepten. Sie sind zeitloser, zukünftiger, allgemeingültiger — unabhängig
von Grenzen und Völkern. Sie sind Weltsprache, Weltgut der Architekten
geworden. Ihr Ziel ist eine andere Reinheit, eine neue Schönheit, eine andere
Welt.

Stuttgart scheint heute aber in den Köpfen seiner Architekten wie in den
Interessierten seiner Bewohner Hoffnung auf den neuen einheitlicheren und
gleichgerichteten Bau- und Formwillen haben zu können. Die Hänge, das Gros
der Neubauten dieser Alltagshäuser gesehen, bestätigen allerdings das
Gegenteil. Trotzdem, ja umso mehr, umso sicherer kann man an diese Hoff-
nung glauben, weil ein Tiefpunkt gleichzeitig ein Ende und der Anfang des
Neuen ist.

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Schale in Icora-Glas der Württ. Metallwaren-
fabrik, Geislingen. (WMF)
Icora glass bowl from Württ. Metallwaren-
fabrik at Geislingen.

Coupe en verre Icora de la Württ. Metall-
warenfabrik, Geislingen.

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