Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Während der erste Abschnitt des Kanals bei Dmitrow eine Wasserspiegel-
höhe von 120 m über N. N. aufweist, beträgt seine zweite Etappe, in der
der Kanal dem Flußlauf der Dachroma folgt, 130 m. Im weiteren folgen
zwei Schleusen zu je 15 m, sodaß der Kanal bei der Station lkscha den
Höchststand seines Wasserspiegels mit 160 m über dem Meeresspiegel,
d. h. 40 m über seinem Anfangsniveau erreicht. Zur Hebung der Gewässer
aus der Wolga bis zur Wasserscheide werden 4 Pumpstationen errichtet.
Auf der Strecke der Flußtäler lkscha—Chimka, die der Kanal durch natür-
lichen Fluß zurücklegt, ist der Bau einer Anzahl von Längsdämmen vor-
gesehen; außer der Regulierung des Wasserspiegels haben sie die
Aufgabe, mehrere kleine Flußläufe dem Kanalbett einzuverleiben.
An dieser Stelle liefert der Kanal Wasser für zwei große Stau-Seen, die
aus sanitären Gründen abseits des Schiffahrtsweges liegen und als
Klärbecken für die Trinkwasserversorgung Moskaus dienen. Bis zum
Einfall in das erste Klärbecken führt der Kanal 20—30 cbm/Sek. Wasser
mit sich.

Der erste dieser Seen, der das Kljasmatal füllt, hat einen Inhalt von etwa
60 000 000 cbm; er ist mit dem zweiten See, der etwa 10 000 000 cbm faßt,
durch einen 8 km langen Zufluß verbunden. Dieses letzte Staubecken
befindet sich bereits bei Mytischtschi, einem bewaldeten und wenig be-
siedelten Vorort von Moskau. Von hier aus gelangt das Wasser direkt zu
den Wasserwerken. Die Wasserentnahme aus diesem, durch eine Schutz-
zone gesicherten Klärbecken geschieht zum Teil durch Bohrung unter
Ausnutzung des dortigen Sandbodens, dessen natürliche Durchlässigkeit
den Filtrierprozeß der Wasserwerke bedeutend erleichtert.
Vor dem Einfall in das erste Staubecken, zweigt der Kanal mit einer für
die Schiffahrt ausreichend bemessenen Wassermenge von 10—15 cbm/
Sek. ab, und fällt durch eine Schleusenanlage 1"8 km südlicher in die
Moskwa bei Schtschukino.

Die 4 Pumpwerke des Kanals werden aus je 4 Haupt- und einer Reserve-
pumpe bestehen, mit einer Leistungsfähigkeit von 12,5 cbm'Sek. und
einem Verbrauch von 30 kwstd. Ihre ununterbrochene Energiebelieferung,
sowie die der vorgesehenen elektrischen Treidelbahnen, erfordert Strom-
erzeugung in größtem Umfange. Da jedoch das Kanalprojekt mit der Re-
konstruktion der Wolga, d. h. mit ihrer besseren Schiffbarmachung eng
verknüpft ist, ergibt sich die für den Betrieb der Pumpwerke erforderliche
Elektrokrafterzeugung gleichsam von selbst. — Es werden nämlich von
den Wolgaquellen bis Rybinsk mehrere Staudämme mit angegliederten
Kraftwerken errichtet, so bei Rshew, Stariza, Fedorowkaz, Kaljasin-
Uglitsch. Durch die gemeinsame Stauhöhe der Dämme von 100 m werden
mehr als 1 400 000 kwstd. jährlich erzielt werden. Schon die Kraftwerke
bei Stariza und Uglitsch allein — mit einer Kapazität von je 300 000 000
kwstd — werden den Bedarf der Pumpstationen bei weitem überbieten.
Die darüber hinaus erzielte Energie dieser zwei Stationen und der
übrigen Kraftwerke, werden Moskau und die umliegenden Gebiete der
Kraftstationen bis auf 200 km im Umkreis mit Licht und Kraft versorgen.

Die Gesamtlänge des Kanals beträgt 128 km, seine Erdarbeiten werden
43 000 000 cbm erreichen. Der Normalquerschnitt des Kanals hat 60 m im
Wasserspiegel, 40 m Sohlenmaß und 4,75 m Tiefe, sodaß Lastkähne mit
400 t Fassungsvermögen und einem Tiefgang über 3 m den neuen Schif-
fahrtsweg bequem werden befahren können.

Der durch die Errichtung des Kanals entstehende Transportweg wird, —
Voranschlägen zufolge, — bereits zum Ende des ersten Jahrfünfts nach
seiner Eröffnung eine Lastenbeförderung von 10 000 000 t erreichen. Da
für ein weiteres Anschwellen der Lastenbeförderung die einfachen
Schleusen nicht ausreichen würden, sieht das Kanalprojekt den Bau von
Parallelschleusen vor.

Im Zusammenhang mit dem neuen Wasserweg steht die Rekonstruktion
des Moskwa-Flusses. Um das Anlaufen städtischer Binnenhäfen für größte
Lastkähne zu ermöglichen, wird der Wasserspiegel im Bereiche Groß-
Moskaus mittels drei Schleusen-Dämmen auf 7m gehoben. Hieraus ergibt
sich ein vollständiger Neubau der Hafenanlagen und ein teilweiser Umbau
der Kanalisation. Die Moskauer Brücken, die in der Mehrzahl sehr niedrig
sind, werden durch neue ersetzt werden müssen.

Die direkte Verbindung der Stadt Moskau mit der Wolga verkürzt den
Wasserweg nach Nishnij-Nowgorod, der neuen, wichtigen Industriestadt,
um 250 km. Vor allem aber entsteht eine direkte Verbindung nach Norden

— zur Ostsee und zum weißen Meer; nach Süden — zum kaspischen
Meer und über den Wolga-Don-Kanal bei Stalingrad zum schwarzen Meer.

— Während Moskau von Norden her, — über das mariinische Kanal-
system, — hauptsächlich Baustoffe wie Holz, karelisches Gestein und
Rohstoffe für die chemische- und Porzellanindustrie zufließen werden,
beliefert Südrußland die Hauptstadt mit Naphta- und Industrieerzeug-
nissen.

Mit seiner Länge von 128 km tritt der Kanal an die zweite Stelle der Welt.
Er übertrifft somit den 88 km langen Panamakanal bei weitem, und bleibt
lediglich hinter dem Erie-Kanal zurück, — dem Verbindungsweg zwischen
Atlantik und Erie-See.

Zur Vollendung des Wolga-Moskwa-Kanals ist eine außerordentlich kurze
Zeitspanne vorgesehen, und zwar soll sie planmäßig zum Ende des Jahres
1934 erfolgen. In diesem Zusammenhang ist es interessant, zum Vergleich
festzustellen, daß für den Bau des Panama-Kanals 30 Dahre —, des Suez-
Kanals 11 Dahre —, des Kieler-Kanals 8 Jahre verwendet wurden. Trotz-
dem die Einhaltung des Termins eine weitestgehende Mechanisierung
der Bauarbeiten voraussetzt, wird die Zahl der am Kanalbau beteiligten
Arbeiter 100 000 übersteigen.

Die Arbeiten sind bereits an verschiedenen Stellen in Angriff genommen
worden, eine Anzahl von Arbeiterstädten und Depots sind errichtet.
Spätestens bis März 1933 soll das technische Projekt in allen seinen
Einzelheiten vorliegen; gestützt darauf wird die praktische Vollendung
des Planes mit Nachdruck betrieben werden. Boris Martens.

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Arbeiterhäuser
in Dnieprostroi
Workers dwelling
houses at Dnie-
prostroi

Habitations ouvrie-
res ä Dnieprostroi
Aus der Zeitschrift,
from the magazine,
de la revue „Das
neue Rußland".

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