Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Heinecken16) gibt bereits richtig an, dafs die
Folge aus 14 Blättern bestehe, Bartsch zählt in-
des 15, von denen er ohne nähere Beschreibung
unter Nr. 65 die Maria, unter 76 den Thomas
und unter 77 Matthias nennt. Letzterer ist je-
doch unter Nr. 73 richtig beschrieben und wird
von Bartsch nur irrthümlich „Mathäus" genannt.
B. 77 existirt überhaupt nicht, da ja die Zahl
der Apostel sonst 13 betragen würde. Die voll-
ständige Folge kam erst 1836 an die Albertina,
so dafs Bartsch für seinen »Peintre-Graveur«
nur das Exemplar der Hofbibliothek benutzen
konnte, an welchem der Thomas B. 76 fehlt.

Die Benennung einzelner Apostel, wenigstens
der fünf letzten, könnte strittig sein. Ich habe
die von Bartsch gewählte beibehalten, mit Aus-
nahme des Matthias, den Bartsch Mathäus
nennt, der aber fast immer am Beil kenntlich
ist, während Mathäus Lanze oder Hellebarte,
mitunter auch ein Schwert führt. Jakobus minor
B. 72 wird zwar in allen gestochenen Folgen
des XV. Jahrh., wo den Aposteln ihr Name
beigegeben ist, mit einer Keule dargestellt,
da er aber in einer anderen Apostelfolge Is-
rahels (B. VI. 297. 30) ausnahmsweise mit dem
Walkerbaum vorkommt und hier unmöglich
am Schlufs der ganzen Reihe neben Simon er-
scheinen kann, liefs ich es bei_, der Benennung
von Bartsch. Bei paarweiser Anordnung der
Apostel, wie sie schon im Werk des Meisters
E S vorkommt, liebte man es, dem Petrus an
Stelle des meist fehlenden Paulus den Andreas
beizugesellen und Johannes mit Jakobus major
als Brüder zu vereinigen. Philippus und Ja-
kobus minor gehörten dann ebenso zusammen,
wie die Brüder Simon und Judas, die den Schlufs
der Folge bildeten. Ihre Reihenfolge läfst sich
leicht durch den Wortlaut der nicht selten bei-
gegebenen Kredostellen fixiren.

Die alten Meister, deren ikonographische
Kenntnisse man heute gern zu überschätzen
geneigt ist, nahmen es mit der richtigen Ver-
theilung der Apostelattribute selbst nicht gar
genau. Petrus, Andreas, Johannes, Jakobus
major haben zwar fast ausnahmlos die gleichen
Abzeichen: Schlüssel, Schrägkreuz, Kelch, Pil-
gerstab und Kreuzstab, Thomas findet sich aber
mit Lanze oder Winkelmafs, Mathäus mit
Schwert, Lanze oder Hellebarte, Matthias mit

15) »Neue Nachrichten« I., S. 453. 60.

Beil oder Hellebarte, Simon mit Kreuz, Schwert,
Lanze oder Säge. Letztere ist meist das Ab-
zeichen des Judas Thaddäus, der nur in unserer
Folge die ihm von Bartsch in der Regel mifs-
verständlich zugewiesene Keule hält. Gegen
alle Tradition gab endlich gar der Meister mit
den Bandrollen in einer nach dem Meister E S
kopirten Folge (P. IL 229. 132 bis 137) dem
Philippus das Beil, dem Thomas einen Kreuz-
stab, dem Matthias das Kreuz, dem Simon die
Lanze und dem Mathäus den Walkerbaum.1")

In Israhels Apostelfolge trägt nur Bartholo-
mäus Schuhe, alle übrigen sind barfufs. Auf diese
Eigenthümlichkeit, die sich bei den meisten
Folgen des XV. Jahrh. beobachten läfst, wies
ich schon an anderer Stelle hin, ohne sie be-
gründen zu können.17) Inzwischen machte mich
Dr. Eduard His in Basel darauf aufmerksam, dafs
der hl.Bartholomäus, zufolge der »Caracte'ristique
des Saints« des Jesuitenpaters Cahier, der Patron
der Gerber und Lederer — jedenfalls wegen
seines Martyriums — sei. Wahrscheinlich also
trägt er als Abzeichen dieser Würde auch da
Schuhe, wo seine Genossen sämmtlich barfufs
einhergehen.

Der geduldige Leser möge mir diesen Ex-
kurs auf ikonographisches Gebiet verzeihen.
Was das eigentliche Thema meiner Abhand-
lung anbetrifft, so mufs ich mich zum Schlufs
damit begnügen, auf die einstige Existenz einer
Anzahl bedeutender Werke des älteren Holbein
hingewiesen zu haben, und zwar solcher, die vor
1503, dem Todesjahr Israhels van Meckenem,
entstanden sein müssen. Sind sie wirklich im
Sturm der Zeiten zu Grunde gegangen, wie
manch anderes Kleinod deutscher Kunst, oder
harren sie verborgen einer fröhlichen Aufer-
stehung? — Wenn auch das Letztere kaum
noch zu hoffen ist, so wäre ich schon zufrieden,
mit dieser Studie dem auf dem Gebiet der
Malerei besser bewanderten Forscher den Blick
auf ein benachbartes Feld eröffnet zu haben,
auf dem noch manch' unbegangener Pfad zu
den Quellen der Erkenntnifs führen mag.

Dresden. Max Lehrs.

16) Diese Angaben beruhen lediglich auf solchen
Apostelfolgen des XV. Jahrh., bei welchen durch Bei-
schrift der Namen die Identität der einzelnen Apostel
nicht zweifelhaft ist.

17) Der Meister mit den Bandrollen (Dresden 188G).
p. 11, Anm. 5.
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