Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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HANS THO.MA

SELBSTBILD NIS

HANS THOMA ZUM THEMA „KUNST UND STAAT

Das zweite Juniheft der „Gesellschaft"
brachte aus Thomas Feder einen kleinen
Aufsatz, Betrachtungen zu dem im Titel ge-
nannten Thema, die nicht nur eine Fülle der
beachtenswertesten Wahrheiten über Kunst-
förderung durch Staat und Menge, über
Künstlerschicksal und Künstlerentwicklung
enthalten, sondern auch dem liebenswürdigen
Bilde unseres schwäbischen Meisters gar
manchen ergänzenden und kennzeichnenden
Zug beifügen. Teilen diese Betrachtungen
doch mit, was Hans Thoma aus seinem eigenen
Schicksal gelernt hat, aus einem Künstler-
leben, das an Enttäuschungen seitens des
Publikums so reich war und doch innerlich
so rein und schön verlaufen ist, wie Weniger
Geschick. Mit einer abgeklärten Ruhe, mit
einem feinen, überlegenen Lächeln, spricht
Thoma auch davon, als von einem Unabänder-
lichen. Dass er, der alles aus eigener Kraft
wurde, was er ward, er, der bis zu seinem
fünfzigsten Jahre nur von Einzelnen gewür-
digt und gefördert worden ist, dass er von
einer Förderung des Künstlers durch Staat
und Publikum nicht viel hält, das kann man

(Nachdruck verboten)

sich ja wohl denken! Fehlt auch seinen
Worten jede Schärfe, es klingt doch ein wenig
schmerzlich, wenn er sagt:

„Wenn in der Zeit, als ich von den Kunst-
zünftigen geächtet war, als das Sonntag-
vormittags-Kunstvereinspublikum in mehre-
ren Kunststädten, wo ich ausstellte — „mehr
der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe" —
über meine Bilder schimpfte und spottete, sich
eine Vereinigung gebildet hätte, welche die
besten Kunstabsichten vertreten hätte, so
wäre sie sicher nicht darauf gekommen, mir
irgend eine Arbeit zuzuwenden. Jetzt würde
sie es vielleicht thun, sie würde wohl Böcklin
die schönsten Wände zur Verfügung stellen,
aber sie würde wohl auch kaum irgend einem
jungen Künstler, der ganz im stillen für sich,
also wieder einmal anders, sich entwickelt,
ihre Beachtung zuwenden; ja, ich habe so-
gar gefunden, dass solche Vereinigungen mit
edlen Programmen mir am allerfeindlichsten
waren!"

Man sieht, der Künstler hat sich in seiner
teuer erkauften Menschenkenntnis durch die
späte Umkehr der „öffentlichen Meinung"

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