Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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Abgüsse nach Antiken und mittelalterlichen Werken,
die jetzt auf den Korridoren der Akademie stehen.
Über das alles wird gleich ein „Generaldirektor" ge-
setzt.

„Er hat die Aufgabe, in Kunstdingen bestimmte

PARIS
Das grösste Ereignis der letzten Monate war die
Ausstellung der Futuristen, der ein noch nie erlebter
äusserer Erfolg beschieden war. Während dreier Wochen
haben täglich über tausend Personen die Galerie Bern-
Pläne zu verfolgen und den maassgebenden Instanzen beim jeutie besucht. Als eines Nachmittags F. T. Mari-
Vorschläge wegen der Ausgestaltung der Galerie und netti, der Gründer und Heerführer der Futuristen, in
in anderen Fragen des Kunstlebens zu machen." Die den engen Räumen des Kunstsalons einen Vortrag hielt,
städtische Galerie in ihrem jetzigen Zustande ist ein drängte sich die Menschenmenge bis weit auf das
Unikum. Zunächst einmal ist der Leiter nach alter Tra- Straßenpflaster. Da die l'cole des
dition kein Museums-
fachmann, sondern ein
braver Maler Hempel.
Die Auswahl für die
Galerie einer solch be-
deutenden Stadt ist an
nichts denn am Zufall
orientiert. Der Bestand
ist schon geradezu
outriert lückenhaft. In
der Görlitzer Ruhmes-
halle erhält man einen
besserenUberblicküber
die DüsseldorferKunst,

als in der Gemälde-
galerie der Kunststadt
am Rhein. Die besten
Sachen hängen da üb-
rigens in den Thür-
leibungen.

Es scheint jetzt ein
frischer Zug an ihnen

vorbeistreichen zu
wollen. Ein neuer Herr
geht durchs Haus. Düs-
seldorf hat einen neuen

Oberbürgermeister,
der schon einen Wett-
bewerb für einen Gene-
ralbebauungsplan der
Stadt ausschrieb. Wenn
aber die ganze Be-
wegung Erfolg haben
soll, so muss die Bür-
gerschaft darüber auf-
geklärt werden, dass ihr satter Stolz auf Düsseldorf als
Kunststadt aller Entwickelung schon beim Hinsehen den
Magen verdorben hat. Dabei sind in Privatsammlungen
prachtvolle Stücke, Cezannes, Van Goghs (das Schlaf-
zimmer, die Pappeln) Gauguins und viele von den besten
Jetzigen. Eine Ausstellung von „Kunst der Jetztzeit aus
Düsseldorfer Privatbesitz" würde sicher nicht schlechter
abschneiden, als die letzthin in Köln. Die Museen der
rheinischen Städte haben sich längst den Modernen ge-
öffnet, Köln, Elberfeld, Barmen, Krefeld. Warum sollte
in Düsseldorf die Reaktion weiter herrschen? P. M.

BRUNO TAUT, DETAIL DES BEAMTENERHOLUNGSHEIMS IN HARZBURG

Kolonne radaulustiger
Schüler zu diesem Vor-
trag abgeordnet hatte,
endete er mit einer
Schlägerei. So leiden-
schaftlich ist wohl noch
niemals die Kunst um-
stritten worden; aber
auch wohl niemals mit
weniger Recht. Der
Futurismus, den man
als Zeiterscheinung
besser Epatismus nen-
nen sollte, kennzeich-
net sich durch anar-
chistische Zerstörungs-
gelüste und tollkühne
Verblüffungs versuche.
Vor drei oder vier Jah-
ren veröffentlichte der
italienisch-französische
Dichter und Schrift-
steller F. T. Marinetti
in dem sanften, milden
„Figaro" einen Aufsatz
„LeFuturisme",indem
er in wilden Worten
die Zetstörung aller
Denkmäler, Kirchen,
Museen und Biblio-
theken forderte, in dem
er nach Blut, Raub,
Krieg und Zügellosig-
keit schrie (pour epater
lesgens). Der„Figaro",
der sich diesen Leitartikel mit 4000 Francs hatte be-
zahlen lassen, sorgte sich nicht darum, dass er manchen
freundlichen, alten Marquisen durch diese Epistel
Alpdrücken und Ohnmachtsanfälle bereitete und einem
VerblüfFungskünsfler den Weg zum Ruhm ebnete.
Marinetti setzte weiter Zeitungen, Buchdrucker und
Verleger Italiens und Frankreichs in Bewegung, ver-
schenkte seine futuristischen Romane und Gedichtbände
auflagenweise, Hess willige Literaten über sich selbst
Schriften verfassen, verteilte sie ebenfalls nach allen
Seiten, Hess gegen Barzahlung von 40 000 Francs ein

einer b

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