Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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gewissen Kinderbüchern unserer Tage als von künst-
lerischen Bilderbüchern zu sprechen. Kaum mit
Recht, denn sie können nicht Bilderbücher sein in
unserm Sinne. Vergeblich suchen sie nach Stuften,
die ein Leben gestalten, das erlebenswert sei. Ma-
gere und unglückselige Erfindung, technische und
dekorative Probleme. Als einzige Resonanz bleibt
das Kindeileben und die Welt der Organismen.
Mit dem Blumen- und Tierbilderbuch rührt der
Reichtum der Ostasiaten, Japans und mehr noch
Chinas, an unsere Armut. Ich wage kaum, Krei-
dolf zu nennen, so hoch ich seine Technik und
seinen Geschmack schätze. Wohl hat er uns die
Buntheit der Farbe errungen. Aber seine Erfin-
dungen, oft und laut als Ausfluss germanischen
Kinderstaunens vor der Welt der Dinge gepriesen,
bleiben ergrübelt und erzwungen, oder tantenhaft.
Naiver und stärker ist Karl von Freyhold, der ihm
auch in der Kürze des Ausdruckes und im Kolorit
überlegen ist. In Freyholds und Hofers Bilderbuch-
zeichnungen sind kompositionelle Probleme ange-
schlagen, die im Ringen dieser Künstler um eine
monumentale Malerei weiterklingen.

Man wird nicht erwarten , dass ich den Über-
fluss unserer humoristischen und politischen Witz-
blätter dem modernen Bilderbuche aufrechne.
Dem grossen Talent Wilhelm Buschs gab die Zeit
keine Aufgabe, die ihn unsterblich machen konnte.

Als ein kluger Mann hat er das wohl gefühlt und sich
auf seinen engen Garten beschieden. So wurde er
in gewissem Sinne ein satirisches Gegenstück zu
Ludwig Richter, nur um ein Menschenalter zu spät
geboren. Was sich am Aktuellen vollendet, hat
nicht immer ein Testat für die Zukunft. Sicher
lebt in den satirischen Zeichnungen des Simpli-
zissimus, mehr noch in seinen Flugblättern, der
wehrhaft-trotzige Geist der Renaissance. Warum
hat der politische Konservativismus keine Flugblatt-
zeichner vom Rhythmus der Th. Th. Heine und
Rudolf Wilke? Ich erinnere an ein Blatt von Heine,
kurz nach der Reichstagswahl von i 007 ausgegeben,
ein spottheisses Todeslied dem Liberalismus. Hart
und scharf wie ein Messerstich, ein Töten, wie
es nur grimmer Hass aus grosser Liebe anthun
kann.

Die Zukunft wird über diese Dinge richten.
Sie wird sie suchen, und sie werden ihr grösser und
wichtiger sein als hundert Bilder, in denen wir
heute nach rein künstlerischen Qnalitäten suchen,
ohne des Gegenstandes zu denken. Denn das ist
ein Eigenes des Bilderbuches: es stellt sich zwar
vor das Forum der Kunstgeschichte, aber wuchtiger
legt es sich in die Wage des Kulturhistorikers. Oft
ist es ihm die allein zu hörende, die entscheidende
Stimme. Die Stimme des Künstlers, die allein
Wahrheit redet in menschlichen Dingen.



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