Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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I

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flnd an vr. C. v. Lüt',l>W
(Wicn,TheresiLiiumgasse
25) od. an die Vevlttgsl).
(Leipzig. Königsstr. 3),

9. Äinri

Nr. 35.

Mscraie

1376.

Bciblatt zur Zcitschrist siir bildcndc Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Adonnenten der „Zeitschrift fnr bildende Knnst" geniiz; für sich aNein bczogen
tostel Ler Jahrgang 9 Mark sowohl im Bnchhandel wie auch dei Len deutschen und österreichischen Postanstalten.

Juhalt: Die Jahres-Ansstellung im Wiener Künstlerhanse. III. — Zwcck und Ziel der Knnst- und Kunstindustrie-Ansstellung in München. (Schlnß.) —
F. A. Zetter ch. — Prof. A. Achenbach. — Ocsterreichischer Kunstvcrein; Ansstcllnng der Werke F. Dreber's. — Archäologische Gesellschaft in
Berlin; Der Zakvberthnrm in Augsburg. — Die Sammlnng Schaepkens. — Jnserate.

Die Zahres-^ussteUnng im Wiener Lünstler-
hause.

iii.

Daß die Landschaft diesmal, wie gegenwärtig
überhaupt aus allen Ausstelluugeu, stark vertreten ist,
gehört mit zu deu Zeichen der Zeit. Jst doch unser
modernes Naturbedürsniß eine verhältnißmäßig noch jnnge
Errungenschaft, nnd sind wir doch sogar zu der Be-
hauptung berechtigt, daß die wahre Naturempfindnng erst
zn Beginn der modernen Kultnrstufe sich einstellte. Znr
Zeit der wiedergeborenen großen Kunst siel es keinem
Maler ein, aus der umgebenden Natur viel Wesens zn
machen, und er wäre mit ihrer Wiedergabe keinem Verlan-
gen der Zeitgenossen entgegengekommen; mit welch' seinem
Naturgesühle auch der landschaftliche Theil ans einzelnen
Rasfaelischen Bildern poesievoll stilisirt ist und welch'
großartigen naturalistischen Wurf anch die stimmnngs-
voll als Hintergrund verwendeten Landschaftsbilder aus
gar manchen Werken Tizian's ausweisen, immer sind
diese Naturbilder blos in Absicht auf das Figürliche
der Darstellung hinzukomponirt und nirgends Selbstzweck.
Eine ganz neue, auf der Natur beruhende Weltanschannng
mußte zuvor durch Cartesins und durch den Spinoza-
schen Pantheismus zum Durchbruch gelangen, ehe die der
Natur unmittelbar hnldigende Landschaftsmalerei zn den
Leistungen eines Claude Lorrain, van Goyen, Jacob
Ruysdael und Hobbema sich emporschwang. Unsere Zeit
vollends, in welcher, Dank dem Motor des Dampses,
sast jeder Kunstfreund ans eigener Anschauung nicht
blos den allgemeinen Charakter eines Landschaftsbildes,

sondern sehr oft die spezielle Vedute kontroliren kann,
geht natürlich weiter; es möchte Jedermann nicht blos
eine „italienische" oder „Alpen"- oder „Wald"-Land-
schaft besitzen, in welch' allgemeinen Kategorien man sich
früher bewegte, sondern diesen oder jenen Gebirgszug,
Gletscher, See oder Baumschlag, welcher ihm anf
einer seiner Reisen besonders zugesagt hat. Abgesehen
davon, sind die Liebhaber auch dahinter gekommen,
daß die Lust an einer Landschaft bedeutend länger
vorhält, als an einem Genrebild, weil die Figuren
des letzteren denn doch immer denselben Ausdruck bei-
behalten und dieselben Empfindnngen wachrufen, wLH-
rend eine gute Landschast wegen ihrer auf die Phantasie
des Beschauers je nach dessen Stimmung meist ver-
schieden wirkenden Elemente und wegen ihres häusigen
Kontrastes mit dem momentanen Charakter der umgeben-
den dUrtur, der Witterung und Jahreszeit, den Beschauer
sehr ost in anderer Weise anregt und in ihm das Ge-
sühl des Ueberdrusses nicht so leicht auskommen läßt.
Daraus erklärt sich die gegenwärtige Ueberproduktion
auf diesem Gebiete und das relativ größere Geschick,
welches auf demselben zn Tage tritt, da heute in jeg-
licher Kunst das Talent, „Stimmung" zu machen unv
bei dem Genießenden eine Ergänzung des Kunstwerkes
aus Eigenem zu veranlassen, weit allgemeiner ist, als
der Drang und die Gabe ätterer Kunstepochen, in klaren
Formen den Gevanken voll auszugcstalten.

Leider ist diesmal auch unter den Landschaften keine
eigentlich bedeutende nene Leistung zn verzeichnen. Eine
„Landschaft" von Lichtenfels ist wohl im großen Stile
koncipirt nnd kräftig, mit voller Beherrschnng der Linien
und Farben dnrchgeführt; allein das Motiv ist für die
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