Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz auS Paris.

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Wir kvnnen jetzt einen „Verein unabhängiger
Künstler" 6n niinis.tnr6 in Thätigkeit sehen. Die
französischen Aqnarellisten haben eben in der Rue
Lafitte ihre dritte Ausstellung eröffnet. Sie sind es,
die das Beispiel gegeben haben! Jm Jahre 1879
konstituirten sie sich als Verein auf Grundlage von
Statuten, inieteten ein Lokal und wählten aus ihrer
Mitte einen leitenden Ausschuß. Jn Frankreich war
das etwas Neues und Gewagtes. Es fehlte nicht an
diisteren Prvphezeiungen. Keine ist eingetroffen, der
Verein prosperirt. Vielleicht hat man sich bisweilen
etwas gezankt (es befinden sich zwei Frauen uüter
den Mitgliedern des Vereins), jedenfalls hat das Publi-
kum nichts davon gemerkt und versammelte sich jedes
Jahr ani bestimmten Tage in den hübsch eingerichteten,
abends sehr schön beleuchteten Räumen, in denen man
mit sehr wenig Ausnahmen die bedeutendsten Aquarell-
maler Frankreichs vertreten findet. Es ist eine wahre
Augenweide, zwischen all diesen schönen, hübsch einge-
rahmten und vorteilhaft gehängten Bildern herumzu-
spazieren. Da giebt es nichts Mittelmäßiges und viel
Ausgez'eichnetes. Meine Empfindung sträubt sich da-
gegen, Kunstwerke nach der Nummer zu klassifiziren;
ich begreife nicht, daß man Künstler wie Schüler ein-
pferchen und demjenigen die Nummer 1 geben kann,
der die wenigsten Fehler gemacht hat. Nehmen Sie
also die Reihenfolge, in der ich von unseren Aqua-
rellisten spreche, sür nichts anderes, als für den Gang,
den eben meiye Feder nimmt — und nicht für irgend
eine hierarchische Rangordnnng. Der Reiz des Aquarells
besteht darin, daß es etwas Familiäres und Liebens-
würdiges hat; es gleicht dem Lustspiel, welches nur
selten zum Drama wird. Sehr gut hat das z. B.
Herr Heilbuth verstanden; er wählt sich in der Um-
gegend von Paris irgend einen reizenden Platz und
bevölkert ihn mit anmutigen Pariserinnen an einem
schönen Sommer- oder Frühlingstage. Wir kennen
die Plätze, die er uns vorführt, aber wir sahen sie nie
mit seinen Augen. Seine Farbe ist klar und harmo-
nisch, er läßt jeden Gegenstand an seinem Platz.
Wenn man es nicht doch besser wüßte, so könnte man
glauben, nichts sei einfacher, als so zu komponiren und
so zu malen; aber da täuschte man sich sehr! Gewöhnlich
nimmtHerrDetaille unter denAusstellern einen großen
Raum ein; aber dieses Jahr hat er nicht für die
Aquarellisten arbeiten können, weil er ganz absorbirt
ist durch ein großes Bild von 8 m Länge, welches die
Verteilung der neuen Fahnen darstellt und auf dem
nächsten Salon figurircn soll. Jndesscn hat er doch
ein Pvrträt Offenbachs ausgestellt, welches sehr be-
achtenswert ist. Es ist erst nach dem Tode des Kom-
Ponisten gcmalt und dennoch schr ähnlich. Das Arrange-
ment ist hochst nialerisch — daS Pianv, der rote

Hintergrund, alles macht cine schönc Gesamtwirkung.
Herr Detaille hat noch ein Wunder der Kunst aus-
gestellt: die Grisaille eines Hochländers. Man kann
nichts besser Gezeichnetes sehen. Doch Herr Louis
Leloir zeichnet eben so gut, und man läßt ihm nur
Gerechtigkeit widerfahren, wenn das Gerücht sich be-
wahrheitet, daß sein Aquarell „ein forcirter Marsch"
zum Preise von 30000 Frcs. angekaust worden ist.
Dasselbe stellt Soldaten eines früheren Jahrhunderts
dar, welche mit mehr oder weniger Anstrengung aus
einer schlechten Straße dahinziehen. Mögen sie ihr
Ziel erreichen! Man kann sich keine meisterhaftere
Durchführung vorstellen; es ist die absolnte Vollendung!
Noch ein Schritt weiter und wir verfallen ins Klein-
liche. Jch könnte ruhig sein und doch bin ich immer
in Angst, bei Herrn Leloir einmal einen übertriebenen
Grad von Ausführung zu finden, den ich aber niemals
zu konstatiren vermag. Mit Herrn Eugen La mb ert,
dem Katzenmaler, kann man seinen Standpunkt nehmen
wie man will und man wird immer zu bewundern
haben. Welche Geschicklichkeit! Er erneuert unauf-
hörlich sein Personal, das er von Grund aus kennt.
Bald sührt er uns die Katzen ruhig unter sich vor,
bald zeigt er sie in Aktion, wie dieses Jahr mit einem
Knäuel, welches sie schön zurichten, oder an einem
Büffet, wo sie die Teller Lurcheinander bringen. Dicht
neben ihm finden wir eine Künstlerin, welche an Frei-
heit und Kühnheit mit ihm zu wetteifern vermag:
Frau Madeleine Lem aire malt die Blumen mit einer
bewunderungswerten Wahrheit. Sie behandelt das
Aquarell mit größter Sicherheit. Eines ihrer Blätter
zeigt uns Rosen in einem Korbe, wahre Wunder, und
eine Gruppe von Chrysanthemen und Veilchen, ein
vollendetes Bild! Die Baronin Charlotte Rothschild
hat sich Venedig geweiht, von dem sie uns Lie reizendsten
Ansichten vorführt. Sie hat ganz das azurene Blau
und die zarten Lufttöne des Südcns. Glauben Sie
nicht, daß ich damit die Reihe unserer Aquarellisten
erschöpft habe. Es sind ihrer neunzehn; darunter
Veteranen, wie Herr Eugen Lami, welcher noch immer
Mvliöre und Meyerbeer illustrirt, obwohl er über 80
Jahre alt ist, wie Herr Eugen Jsabey, der trotz seiner
70 Jahre uns immer noch seine Kavaliere aus der
Zeit der Renaissance vorführt. Fcrner alte Herrcn
wie Franyais, der berühmte Landschafter, Baron, de
Beaumonts; dazu kommen die jiingercn, die Worms
und Vibert, dann Herr John Lewis Brown, der ge-
schickte Pferdemaler, der selbst dcn Rotröcken und
Piqueurs Poesie einzuhauchen versteht. Endlich die
ganz jungen Leute, wie Herr Jacquet, ein Nachkomme
des Watteau, der ins 18. Jahrhundert vernarrt ist,
HerrJourdain, derMaler derfreicnNatur, derSonne,
der Seine bei Bvugival, endlich Herr D uez, der Maler
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