Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die neueste Erwerbung dsr Bsrliner Galerie.

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^Uzück. Wir hatten dassetbe — wie wir sahen —
^u die erste Zeit nach seiner Rückkehr von Jtalien zu
setzen, wahrschcinlich in das Jahr 1609 oder 1610,
^eren charakteristische Eigentümlichkeit das Bild Zug für
Zug trägt. An verwandten, gleich oder ganz ähnlich
^ehandelten Bildern derselben Zcit, die uns meist durch
Dokumente bezeugt sind, sehlt es keineswegs, wie man
kehauptet hat. Jch nenne vornehmlich Bilder öffent-
licher Galerien, da dieselben am leichtesten zugänglich
sind, und da die gleichzeitigen Altarbilder mehrfach
uus Rücksicht auf den Platz, für den sie bestimmt
lvaren, eine von diesen Bildern wie auch unter sich
abweichende Behandlung zeigen. Zu Dresden der
„Heilige Hieronymus", ausnahmsweise mit dem Mono-
gramm des Künstlers bezeichnet; aus den letzten Jahren
seines Aufenthalts in Jtalien und daher noch sehr
sorgfältig durchgeführt, matt in der Färbung und kühl
im Ton. Aus derselben Zeit unser heiliger Sebastian,
in der lcnchtcnden Färbnng cntschieden von Caravaggio
beeinflußt. Gleich nach seiner Rückkehr begegnen uns
verschiedene große Bildnisse von fleißiger Durchfüh-
rung: das Reiterbildnis des Statthalters Erzherzog
Albrecht im Schlosse zu Windsor und das schönere,
höchst anziehende Porträt des Künstlers mit seiner
Gattin Jsnbella, geb. Brant, in der Pinakothek zu
München. Ferner eine Reihe von heiligen Familien
und Madonnen, in Blenheim, St. Petersburg u. s. f.,
die Kreuzesaufrichtung in Antwerpen sowie, unserem
Bilde dem Gegenstande nach näher verwandt, eine
Anzahl mythologischerDarstellungen: Venus undAdonis
in der Ermitage; Äupiter und Kallisto in der Kasseler
Galerie (bezeichnet und datirt 1613); Boreas und
Oreithyia in der Galerie der Akademie zu Wien; der
großartige „Raub der Proserpina" in Blenheim (leider
vor einiger Zeit verbrannt); die Findung des Erich-
thonios bci Fnrst Liechtenstein — hier ist die anfrecht
stehende Tochter des Cecrops fast dieselbe Figur wie
die Gattin des Neptun auf unserem Gemälde —;
eine Reihe kleinerer, meist gemeinsam mit Jan Brueghel
gemalter Bilder im Haag, in München, Paris u. s. f.;
namentlich aber mehrere Gemälde, welche mit den
unserigen auch inhaltlich so sehr verwandt sind, daß
sie wie zu einem Cyklus gehörend erscheinen. Es sind
dies „Neptun und Kybele" in der Ermitage und die
„Vier Weltteile" im Belvedere. Erstercs nntcr dem
angegebenen Titel von P. de Jode und im 18. Jahr-
hundert von Vangelisti im Kabinet Caulet d'Haute-
dille,anscheineud nach einer nicht unwesentlich verändertcn
Wiederholung des Bildes, als „Vermählung des Meeres
nnt der Erde" gestochen, führt in der Ermitage die
irrtümliche Bezeichnung „Tigris unb Abundantia";
ban Hasselt, welcher angiebt, das Bild sei fnr Palazzo
Chigi in Rom gemalt, betitelt es „Triumph des Tiber-

stromes." Ein ganz ähnliches Bild soll sich nach An-
gabe desselben Katalogs auch in der Galerie zu Madrid
findeu. Eine mäßige Schulwiederholung des Bildes
der Ermitage, die mit dem Stiche von de Jode noch
mehr übereinstimmt, indem hier der Tiger fehlt, besitzt
Lord Lyttelton in Hagley Hall, Worcestershire. Smith,
welcher dieses Bild ebensowenig kannte wie den Neptun
beim Grafen Schönborn, nennt es irrtümlich eine
Wiederholung des letzten Bildes. Jm Grundgedanken
mit dem „Neptun und Libye" übereinstimmend, zeigt
auch dicse Komposition dieselbe Auffassung und Model-
lirung der Formeu, die gleich sorgfältige Durchführung
und Klarheit der Färbung. Der Umstand, daß es
noch nicht so farbenprächtig und nicht so leuchtend ist,
macht es wahrscheinlich, daß das Bild um ein oder
zwei Jahre früher, unmittelbar nach der Rückkehr aus
Jtalien gemalt ist. Das zweite Gemälde, die be-
rühmtcn „Vier Weltteile", dargestellt in den Götter-
paaren der vier Hauptströme, die, wie in unserem
Bilde, unter einem dunkeln Segel im trautenVerein zu-
sammeusitzen, bezeichnet wicdcr einen Fortschritt uuserem
Bilde gegenüber, indem die Behandlung bei gleicher
Auffassung in der Formengebung leichter, flüssiger ist,
die Köpfe schon individueller gehalten sind. Ein drittes
Gemälde, die „Geburt der Venus", das sich diesen
Bildern unmittelbar anschließt, ist uns nur in Sout-
mans Stich und einer Schulkvpie in Potsdam erhalten.

Das i>'öcu(>, die Versinnlichung von

Macht und Segen des Wassers in der dem Künstler
geläufigen Verkörpernng durch schöne menschliche Ge-
stalten, ist der grundlegende Gedanke dieser drei Bilder,
welchen der' phantasiereiche Meister in drei ganz ver-
schiedenen Formen auszuprägen wußte. Gemeinsam
ist diesen drei Gemälden auch ein äußerlicher Punkt,
welcher wieder auf ihre etwa gleichzeitige Entstehung
in dcn crsten Jahren nach Rubens' Nückkehr aus Jtalien
hinweist, die Freude an der Darstellung der Ticrwelt,
speziell der wildcn Tiere und die Mcisterschaft in der
Wiedergabe dcrselbcn. Jn dcn in Jtalien entstandencn
Werken des Rubens begegnen wir denselben nur selten,
und wo dies der Fall ist, wie im Hieronymus zn
DreSden, fehlt noch dic Anschauuug. Bei seiner Rück-
kehr nach Antwerpen muß der Künstler eine große
! Menagerie angetroffen haben. Seinem Naturell ent-
sprach es, daß ihn die Schönheit der Formen wie der
Farbe und vor allcm die wilde Leidenschaftlichkeit iu
dcn Fürstcn dcr Tierwelt gewaltig packtc und znr Dar-
stcllung anreizte. Jn der That sehen wir zwischen
den Äahren 1610 und 1617 eine Reihe großartiger
Schöpfungen, welche den Kampf des Menschen mit
den wilden Tieren zum Vorwurf haben, oder in denen
letztere in Begleitung des Menschen erscheinen, aus
des Meisters Hand wie aus seiner Werkstatt hervor-
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