Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korresponden? aus Paris.

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in schwarze Nacht getauchten Räumlichkeit; durch ein
Fenster blicken wir in ein Stück sreier Natur, rnit
wenigem Grün, von klarem, im übrigen indifferentem
Ton hinaus. Die einfache, logische Haltung und
Stimmung des Ganzen ist von wahrhaft ergreifender
Gewalt. Christus bildet die Hauptperson des Ganzen,
nicht nur weil er ini. Mittelpunkte der Komposition
steht,. sondern wcil alles geistig nach ihm konvergirt,
durch ihn sein Jnteresse und seinen Wert empfängt,
sowohl diejenigen, welche ihn anklagen, als auch die,
die ihm zujubeln. Er bleibt, mit seinem edeln Profil,
gefühllos fur die Dinge dieser Welt, ganz aufgehend
in dem Gedanken, daß der Prozeß, den er hinieden
verliert, im Hiimnel ihm angerechnet werden wird.
Dic wunderbar harmonische Farbe des Ganzen, die
Verschmelzung der an sich schon so reizvollen Einzel-
töne läßt sich nicht mit Worten schildern. Da sind
blaue Seidenstoffe, Stücke von rotem Wollenzeug, die
an und für sich schon wahre Farbenbouquets aus-
machen, von denen aber keines allein sich vordrängt;
sie wirken zusammen, indem sie sich aufheben, wie die
Blumen in einem geschmackvoll gebundenen Strauß.
Das ist die Zaubermacht der Farbe, das Werk eines
großen malerifchen Talents.

Untersuchen wir jetzt, wie Munkacsy den Stoff auf-
gefaßt, wie er sich dabei zu seinen Vorgängern gestellt hat!
Jch sinde, er ist durchauS originell in der Erfindung
wie in der Ausführung. Er hat seiner malerischen
Phantasie freien Lauf gelassen, ohne gelehrte Studien,
ohne historische Untersuchungen, ohne an Beispiele von
Vorgangern zu denken. , Wie Rubens, der sich auch
nur uni das Malerische gekümmert hat, ebenso hat
Munkacsy uns einen Christus vor Pilatus geschaffen,
der keinen Stolz darein setzt, besonders wahr oder
wahrscheinlich zu sein, der uns aber hundertfach mehr
ergreift, indem er uns emporhebt über alles bloß Ge-
schichtliche. Und was nun vollends das Originelle an
dieser Schvpfung ausmacht, das ist, daß Munkacsy zur
Darstellung seiner rein der Phantasie entsprungenen,
durchaus idealen Konzeption sich ganz naturalistischer
Mittel bedient hat. Die orientalischen Kostüme sind
durchaus modern und die Figuren bekannte jüdische Mo-
delle der Pariser Ateliers. Die Architektur ist erfunden,
nicht von irgend welchem bekannten Bauwerk entlehnt.
Damit glaube ich Jhnen eine ungefähre Vorstellung
von diesem in seiner Art cinzig dastehenden Bilde
gegeben zu haben, welches nicht nur unter den Werten
Munkacsy's, sondern in der Geschichte der Kunst unseres
Jahrhunderts ohne Zweifel seinen Platz behaupten wird.

Das Pariser Publikum wird gegenwärtig noch
durch eine Ausstellung ganz anderer Art angezogen.
Es handelt sich da um cine Sammlung von ungefähr
150 Aquarellen, welche eine Handschrift der Fabeln

Lafontaine's illustriren sollen. Ein Marseiller Kunst-
freund, Herr Roux, hat diese Bestellung bei unseren
hervorragendsten Aquarellisten gemacht und ladet das
Publikum ein, sich für 1 Fr. Eintrittsgeld über seine
Munificenz ein Urteil zu bilden. Einige böse Zungen
behaupten, daß die ganze wunderbare Sammlung eines
schönen Tages unter den Hammer kommen werde und
daß die Künstler, die da glauben, sich für den Ruhm
Lafontaine's abgemüht zu haben, in Wahrheit nur für
den Säckel des Herrn Roux thätig gewesen seien. Doch
daS sind Jnsinuationen, die wir nicht wiederholen
wotlen; wir bewundern bloß und kümmern uns nicht
darum, wohin alle die Meisterwerke einmal kommen.
Und es giebt deren hier eine ganze Reihe. Gustave
Moreau hat 30 Jllustrationen beigesteuert, darunter
wenigstens 7 von allererster Qualität. Moreau ist
ein Original, voll wunderlicher Geziertheitcn und
retrospektiver Jdeen. Statt zu Lasontaine zu gehen,
hat er diesen zu sich kommen lassen und ihn mit
einer Freiheit behandelt, die bisweilen ans Japa-
nesische grenzt. Muster von Oferschirmen dienen als
Hintergründe für die Gestalten des Fabeldichters.
Bon allen Jnterpreten des großen Lafontaine hat
nur ein einziger an diesen selbst gedacht, Eugen
Lami, der den Karossen, den handelnden Personen,
dem Beiwerk den Charakter des 17. Jahrhunderts auf-
geprägt hat. Alle übrigen zahlen mit gangbarer Münze.
Bei vielen ist es das feinste Gold, wie bei dem ver-
storbenen Jacquemart, der die reizendsten Land-
schaften in Aquarell beigesteuert hat, ausgeführt mit
jener Einfachheit, mit jenem leichten Sichgehenlassen,
jener Wahrheit, wetche ihn zu einem so außerordent-
tichen Künstler machten. Auch Heilbuth nimmt einen
hervorragenden Platz ein mit Entwürfen, die man in
Fabeln verwandelt hat, durch Hinzufügung eines Hasen
und einer Spinne, und welche wiederum Zeugnis ab-
legen von seiner vornehmen Weise. Jch könnte noch
viele anführen; doch was haben Sie von einer bloßen
Nonienklatur? Nur Frl. Madelaine Lemaire will ich
noch hervorheben, mit ihrem hübschen Bilde der Witwe.
Herr Roux ist ein glücklicher Mann und hat alle Ur-
sache, Lafontaine zu lieben, ob nun sein Kultus für
ihn uninteressirt sein mag oder nicht.

Alle übrigen Ausstellungcn sind nur Satelliten
des großen Planeten in den Elyscischen Feldern, des .
diesjährigen „Salon": ich erwähne darunter noch die
Ausstellung der auf eigentümliche Weise hergestellten
Tapetenstoffe in der Lools äss Uouux-^rts, nämlich
falscher Teppiche, von wirklichen Künstlern gemalt.
Man sagt, sie sind ebenso teuer wie die alten und
haben nur den einen Vorzug vor diesen, daß sie billiger
zu reinigen sind, weil man sie nämlich wie ein Taschen-
tuch zur Wäscherin schicken kann. Dann ist im
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