Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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nistische Zelle", die unter Hannes Meyer am Bauhaus bestand, scheint
für die Stadträte von Dessau das rote Tuch geworden zu sein, obwohl
Mies van der Rohe diese Schülergruppe sofort relegiert hat, und als dann
Schultze-Naumburg in seiner nachgerade peinlichen Verständnislosigkeit
für eine zeitgemäße künstlerische Arbeit sein Verdikt aussprach, da war
das Schicksal dieser Schule entschieden.

Allein es verhält sich mit dem Bauhaus wie mit so vielen anderen Werten,
die heute in dem Kampf der Parteien zu Boden getreten werden —
Ideen lassen sich nicht in den Papierkorb werfen. Ob das Bauhaus in
seiner letzten Form weiterbesteht oder nicht, ist vielleicht weniger
wichtig als die Tatsache, daß manche der von ihm mühsam durchgearbei-
teten Probleme längst von der Jugend Besitz ergriffen haben und eines
Tages selbst über Schultze-Naumburg hinweg sich verwirklichen werden.
Die „Tat", die sicher bei den heutigen Feinden des Bauhauses in gutem
Ansehen steht, gibt schon den Stimmen Raum, die für eine Reform der
künstlerischen Anschauungen auf sozialer Grundlage eintreten, und wenn
von dieser Seite her immer wieder darauf hingewiesen wird, daß in
Deutschland auf die Dauer keine Politik möglich sei, die auf die Mit-
wirkung der 96 Prozent Besitzlosen der Nation verzichten wolle, so
gilt dasselbe auch für die künstlerische Erziehung!
Verblendet durch die Sprüche Schultze-Naumburgs (dem niemand wider-
spricht, wenn er die Nachäffung des französischen Barocks als nationale
deutsche Kunst hinstellt!), haben gerade diejenigen Kreise, die eine
Erneuerung aller öffentlichen Lebensformen auf sozialer Basis als Ziel
proklamieren, die einzige Kunstschule aufgehoben, welche mit wenigen
Abweichungen diesem Postulat entsprach, und welche dank ihrer ganz
aufs Praktische gerichteten Erziehungsarbeit ihren Ausgaben-Etat auf
80 000 Mark, also auf einen Bruchteil des Etats anderer Schulen, senken
konnte! Es wäre wahrhaftig an der Zeit, daß innerhalb der Parteien, die
jetzt die Verantwortung dieses Beschlusses tragen, junge Menschen
aufstehen und es öffentlich brandmarken würden, daß ein kultureller
Aufbau dergestalt an seinen Wurzeln schon gelähmt wird! Gtr.

Ausstellungen, Schulen etc.

Feininger-Ausstellung in München

Im Moment, da in Dessau die aufbauenden Bemühungen des Bauhauses
an politischen Intriguen scheitern, — Bemühungen, deren Auswirkungen
viel weitere Kreise ziehen, als man im derzeitigen offiziellen Dessau sich
träumen lassen mag —, zeigt in München der tapfere Günther Franke
in seinem Graphischen Kabinett (Briennerstraße) die neuesten Aquarelle
Lyonel Feiningers. Welch Glück, dieser vornehmen Kunst wieder zu
begegnen, heute in einer Reife, die Wohllaut und Klärung zugleich aus-
strömt. Es hängen zumeist noch nirgends gezeigte Blätter: die geliebten
Schiffe mit Spiegelungen im Wasser, Spiegelungen im Raum, die Segel
voll farbiger Lichter, die in köstlichen Entgegnungen ineinander flüstern,
zärtliche Gespräche eines tief geläuterten Empfindens. Dann die Straßen
mit tiefen Sichten, die sich plötzlich auflösen in geistige Zusammen-
hänge, Dörfer in gelassener Erdverbundenheit, über denen plötzliche
Strahlen den Himmel in Kristalle zerlegen, das Abenteuer aufreißen, das
überall auf diesen Blättern lauert. Denn nirgends hier bleibt es bei dem
vertraulichen Gekritzel der augennahen Hand. Plötzlich wirft es die
Hüllen ab, steht da in nackter Geistigkeit, deutet über Dinge, die es aus-
sagt, weit hinaus, ohne sie doch zu verlieren. Dies das Geheimnis der
Kunst Feiningers: das Ineinander von Vertrauen und Erschrecken, die
Einheit von vertrautestem Spiel und jäher tiefbedeutsamer Entdeckung.
Das Ganze geborgen in der reichen Kultur eines Auges, das zwischen
einfachster Aussage und Phantastik durch lächelnden Humor die Brücke
baut. Hat München die tiefe Musik dieser Blätter vernommen? Ver-

Aus dem „Neuen Frankfurt" 1926

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Typenhaus der Siedlung Törten bei Dessau.

Typical dwelling house in the colony Törten near Dessau.

Maison d'habitations ä type dans la colonie Törten pres de Dessau.

sickerte sie nicht zwischen dem lauten Bombast von Lokalgrößen, deren
Schatten längst erloschen sein werden, wenn Feiningers lichtvolle Kunst
einem großen Kreis aufgehen wird? O. S.

Unsere Ausstellungen

Die Ausstellung Adolf Loos wird von Mitte September an im
Kunstgewerbe-Museum Dresden gezeigt.
Die Ausstellung Das Neue Frankfurt ist vorgemerkt für die
Städte Salzburg, Temesvar (Rumänien) und Isafjördur (Island).
Reklame als Beruf.

Anfang Oktober beginnen die Kurse und Vorlesungen der „Höheren
Fachschule für Reklame", die der Schule Reimann angegliedert wurden.
Dungen Kaufleuten, Dekorateuren, Reklamezeichnern und anderen Werbe-
praktikern ist hier die Möglichkeit geboten, sich auf dem Gebiet des
modernen Vertriebs- und Werbewesens aus- oder weiterzubilden.
Bekannte Werbegraphiker und Wissenschaftler werden in Tages- und
Abendkursen in Theorie und Praxis der neuzeitlichen Reklame- und Ver-
kaufsmethoden einführen.

Zeitschriften und Broschüren

„Galerie und Sammler", Monatsschrift der Galerie Aktuaryus,
Zürich. Redigiert von Gotthard Dedlicka. 1. Heft mit Aufsätzen über Ensor
und Tytgat von Dedlicka und Notizen über heutige belgische Kunst.
Schweizer Städtebauer bei den Sowjets. Hans Schmidt
und Hannes Meyer. Verlag Genossenschaftsbuchdruckerei Basel, Brunn-
gasse 3. Brosch. 50 Cts.

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