Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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antrage. Wohnen, Kinderpflege, Freundschaft, Familienleben mögen Wenn wir uns mit der neusten Phase der Stadtplanung befassen, die
in der Metropole drastischere und sicherere Aussichten haben, als in der irrtümlich „regionale" Planung anstatt Großstadt-
beschnittenen Kultur der Kleinstädte. planunggenanntwird,so bietet sich uns hier eine neue und un-
Wenn im Großstadtleben einige Wenige eine hohe Lebensqualität er- widerstehliche Gelegenheit, uns mit ungegrenzten Gebieten zu befassen,
ringen, so dürfen wir doch nicht an der Tatsache vorbeigehen, daß Mil- durch die wir Motor-Fernstraßen, Expreß-Fernstraßen legen können, die
lionen ihrer Mitbürger inbezug auf viele Hauptsachen bedeutend wir mit Planierungen, Brücken, Tunneln usw. ausstatten können. Manche
geringer leben, als in kleineren Kommunen. Die gepriesene „Unpersön- existierenden, örtlichen Hindernisse laden vielleicht zur Anordnung
lichkeit", „religiöse Säkularisierung", „sexuelle Moderne" und Freisein schöner Unter-Teilungen ein, z. B. von Gartenstädten. Jedes Tal wird ein
vom bürgerlichen Hin und Her repräsentieren pathologische Begleit- ausgedehnter Grünzug, wenn es nicht gerade durch eine Eisenbahn schon
erscheinungen einer unreifen Kultur. besetzt ist oder zum Industriegebiet gehört. Jede Planung ist ein ein-
Natürlich werden neue Werte und neue Techniken manches der alten ladender Prospekt für ganze Meilen von Unter-Teilungen. Wenn wir vor-
Denk- und Fühlweise über Religion, Familie und Gemeinschaftsleben er- schlagen, letztere in neuzeitliche Formen zu bringen, aber die Prinzipien
setzen; aber wenn die Großstadtgemeinschaft weiter- der Superblock-Planungen und die Landschaftsplanungen mit Hilfe der
leben soll, so müssen diese neuen Errungenschaften Kurvenlineale in den Ofen zu werfen und dafür eng miteinander in Be-
näher sein als negative Abwehrein rieh tun gen, sie Ziehung stehende Gebiete unter der Theorie der „Nachbar-
müssen handelnde Teile einer neuen Kultur sein. Der Schaftseinheiten" zu planen, so beseitigt dieser Vorschlag
Hauptausdruck jeder Boom-Kultur ist quantitativ und verläuft in materieller den Streit darüber, was die aktuellen Nöte der Stadt seien und wie die
Richtung; nur wenn er hierüber hinausgeht und funktionell reiche und nicht- wachsende Trockenfäule des Stadtzentrums zu beseitigen
materielle Wege geht, wird eine Kultur reif. Der Aufbau einer solchen sei.

nichtmateriellen Kultur, die Untergrundbahnen und Wolkenkratzern einen Wjr brauchen nicht menr Mei|en von Arterien oder mehr acres von p,änen(

Sinn gibt, ist die Aufgabe einer kommenden Generation amerikanischer sondern mehr Entfaltung des Gemeinschaftssinnes und

sozialer Wissenschaftler und Philosophen. ejn sensib|eS; ausbalanciertes und ökonomisches Programm, das die

besten Hilfsquellen eines jeden Gebietes für die komfortable Lebens-
6. „Planen oder nicht Planen" („To Plan or not to Plan") von HenryWr i g h t. na„ung seiner Bevölkerung ausnutzt. Der Verkehr muß redu-
Die organisierte Stadtplanungsbewegung vollendet gerade ihr erstes ziert, nicht ausgebreitet werden, indem man ihn wir-
Vierteljahrhundert. Eingeführt auf dem Hintergrunde eines Jahrhunderts kungsvoll macht, anstatt durch Anhäufung nutzlos. Ord-
planloser Städteausdehnung und -gründung, überrascht es nicht, daß das nung wird aus dem gegenwärtigen Chaos nicht durch weitere Aus-
Planen den Geist der Kreuzzüge trägt. Es ist viel mehr Energie dehnung einer verworrenen Bewegung, sondern durch R e z e n t r a I i -
aufdiemechanischeMethodeund darauf verwandt worden, s j e r u n g d e r täglichen Interessen kleinerer Bevöl-
die Idee des „Planes" durchzudrücken als Aenderungen in der k e r u n g s a g g r e g a t e i n n e r h a I b d e s g r ö ß e r e n G e b i e t e s.
Einstellung, im Individuellen und im Geschäfts- Außerdem müssen wir Industrie- und Wohngebiete in
gebahren zu erstreben, die doch jede wirkliche öffentliche Wechselwirkung zueinander bringen. Diese Einheiten
Verbesserung begleiten müssen. müssen permanent auseinandergehalten und definitiv gebietsmäßig fest-
Planung muß ein dualer Prozeß sein, bei dem Politik gesetzt werden
wichtiger ist als Entwerfen. Unglücklicherweise kann Politik

nicht zeichnerisch aufgetragen und in scharfen Linien festgelegt werden. Dadurch wird das Problem ein Programm der Tat, das eine wirk-

Am wichtigsten für das Publikum und auch für den same aber gemäßigte und erreichbare Reorganisation der „regionalen"

Planer ist die klare Einsicht, daß der größte Teil Kräfte erzielt und dem gegenwärtigen, unmöglichen Kraftaufwand, große

unseres gegenwärtigen Planungsenthusiasmus um- Bevölkerungsmassen an jedem Arbeitstage in die überhäuften Geschäfts-

sonst ist, weil wir auf der Basis unmöglicher Hypo- oder Industriezentren und wieder herauszubefördern, vorbeugt,
thesen weiterarbeiten. Auch die beste Landesplanung muß so
lange unbefriedigend bleiben, als sie nur eine Methode ist, weit von-
einander entfernte, voreilige Einzelmaßnahmen für unbekannte zukünftige
Zwecke miteinander auszugleichen. Die beste Zonung ist nur ein Durch-
einander von unwirksamen Regulierungen, solange wir unter den Be-
dingungen eines engen, individuellen Grundstückseignertums denken
müssen und unter den krampfhaften Gebräuchen, zu denen wir dadurch
gezwungen sind.

Das ist heute unsere Achillesferse. Die Stadtplanung muß sich mehr
mitdenRealitätenderGegenwart befassen, bevor sie an die
Zukunftspläne gehen kann. Man nehme z. B. die Frage der Stadt-
abgrenzungen, „city limits", wie sie manchmal genannt werden. In
früheren Zeiten bestand das Problem der Bestandsänderung einer Stadt
in der Festsetzung einer neuen „Grenze", innerhalb der die Stadt
wachsen sollte. Eine solche Aenderung war dann hauptsächlich eine
richterliche Planung. Aber heute können Städte nicht mehr in
Grenzen gefaßt werden; das Problem besteht nicht mehr darin, „eine

Linie zu fixieren", sondern Verwaltungsbeziehungen über das Gebiet W|r verweisen auf unser Sonderho(t „Das n6Ue s.adiblid von New Yo,k", Nr. 4

auszubreiten, Ohne Rücksicht auf unwirkliche politische Grenzen. dieses Jahrgangs, mit einem ausführlichen illustrierten Aufsatz von Prof. Karl Brunner.

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