Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Antwort

Hen* Fritz Staht schreibt Hoch immer. Aber
kosmischer. Aber mit der Beschränktmg, die dem
Meister ziernt. Rarnn itir aiies hat das Beriiner
Tagebiatt. Jetzt, zur fröhiichen Osterzeit, werden
tiie iauisten Eier auigebrtitet, die fauisten Biianzen
werden nachgeprtift. „Neuiich wurden hier Ur-
teiie tiber Senioren nachgeprtiit." Einige Nestoren
sind zwar gestorben, die Senioren hieiten sich aber
auf der Höhe ihrer Seniiität, Herr Fritz Stahi prtifte
die weißen Haare und befand sie wirkiich ohne
Farbe. Die Weitmeisterschaftsmaier erhieiten am
Ziei den Lorbeerkranz von sciner Hochwohi-
geboren Fritz Stahi auf das greise Haupt gedrtickt,
die Sieger ieerten mehrcre Humpen auf das Wold
ihres Fachmanns, die Erde wird schöner mit jedem
Tag und das Bitihen wiii immer noch nicht enden.
„Die neuen Aussteiiungen unserer Saions sind Ju-
'nioren gewidmet, fast durciiweg Vertreter einer
Kunst, die sich seibst ais die Kunst der Zukuuft
bezeichnet, ftir die aber wüste Schreier zugieich
die ganze Qegenwart in Anspruch nehmen." Herr
Fritz Stahi wiii aiso Urteiie tiber Junioren nach-
prüfen. Seine eigenen Urteiie. Herr Fritz Stahl
hat zwar bisher nur hingerichtet und nicht ge-
urteiit, oder geurteiit, ohne gesehen zu haben.
Aber seibst, wenn er gesehen hätte, würde er kein
Urteii haben. Es handeit sich hier nicht um einen
'Sportsbetrieb. Man kennt in der Kunst nicht das
Ziei, an dem Herr Fritz Stahi, der Kenner, mit dem
Lorbeer steht. Der Ktinstier schießt immer über
das Ziei liinaus und der Schiedsmann hat das Nach-
seheu. Aber ehe der nachsieht, sind die Kiinstier
schon wieder am Start, und wenn er auf den Start
biickt, sind sie schon wieder tiber sein Ziei hiuaus.
Er kann einern ieid tun, so ein armer, aiter Mann.
Er bemtiht sich, von der Stirne heiß, er guckt sich
die Augen aus dem Kopf, und sieht infoigedessen
nichts. Daftir hört er die wüsten Schreier, mich.
Was man nicht versteht, häit man ftir Qeschrei.
Die Ohren kiingen ihm aiso endiich, aber das Kiin-
gen hört er noch nicht. Er beschwert sich, daß
man die ganze Qegenwart in Anspruch nimmt. Ich
gönne ihm sein bescheidenes Piätzchen, im trauten
Dämmeriicht. Aber was wiii er mit der Qegen-
wart anfangen, wo er doch in der Vergangenheit,
im Schatten großer Senioren, sein Dasein fristet.
Ich wiii ihm sogar gern den Himmei meiner Zu-
kunft öffnen, ich steiie ihm sogar Eseisbrücken zur
Verftigung. Aber einem Wasserscheuen ist nicht
einmal damit gedient. Trotzdem, er nimmt sich
ernst, Herr Fritz Stahi. Er iäßt sich durch wuste
Schreier nicht beirren. Er ist ein Mann. Ein
Mann mit Qrundsätzen. „Man darf sich dadurch,
wenn man sich seibst ernst nimmt, nicht beirren
lassen und weder dazu bewegen iassen, Verdienste
anzuerkennen, die man nicht sieht, noch dazu drän-
gen iassen, in Bausch und Bogen abzuiehnen."
Niemand wiii ihn bewegen, Verdienste anzuer-
kennen. Denn was er sieht, verdient nicht, an-
erkannt zu werden. Und was er nicht sieht, wird
er nie sehen lernen. Herr Fritz Stahl wird hin-
gegen in so viel Bausch und Bogen abgelehnt, als
er davon vollgeschrieben hat. Ohne daß man sich
dazu drängen läßt. „Jeder Künstler gilt soviel, als
er leisten kann." Aber seine Leistung hängt nicht
von der Qeltung des Herrn Stahl ab. „Das muß
immer wiederholt werden, weil immer wieder be-
hauptet wird, gegen die jungen Leute herrsche in
der Kritik Parteihaß." Das hat niemand behauptet,
Unfähigkeit an kiinstlerischer Anschauung heißt nicht
auf deutsch Parteihaß, Herr Fritz Stahl ist nicht
„die Kritik" und die sogenannten jungen Leute
sind heute alle zwischen dreißig und vierzig.
„Diese ganze Verstellung stamrnt aus einer Zcit,
wo man an e i n e Kunst glaubte, jeder seine als

die einzige behauptete. Das tun keute nur noch
die jüngsten, mehr die Wortführer als die Künstler
selbst. Sie haben denn auch den frechen und dum-
men Haß und bellen Ihn fröhlich heraus." Herr
Fritz Stahl ist der einzige, der an e i n e Kunst
glaubt, nämlich an die, die er würdigt, aber nicht
versteht. Ich glaube an keine Kunst, ich glaube
nur an Künstler. Ich glaube nicht an Senioren und
Junioren. Weder das nicht übertrieben hohe Alter
des Herrn Fritz Stahl noch meine nicht allzu junge
Jugend geben die Gewähr der Künstlerschaft oder
Kunstkennerschaft. Aber Herr Stahl stutzt vor den
Begriffen, die er sich zurechtgeklaubt hat, ich
stutze vor dem Künstler, der dle Begriffe beiseite
schiebt. Herr Stahi schiebt die Kunst weiter, ich
werde vom Künstier geschoben. Herr Stahi be-
iehrt die Kunst, ich ierne vom Ktinstier. Herr Stahi
ist so bescheiden, der Kunst die Wege vorzu-
schreiben, ich bin so frech, den Künstiern nach-
zuiaufen. Herr Stahi ist so k!ug, Menzei zu ioben,
ich bin so dumm, wie Herr Stahi nie kiug sein
kann. Herr Stahi hört mich beiien, wo ich mit
Engeistönen rede. Ich sehe die Lämmer weiden,
aber Biöken kann ich nicht vertragen. Ich bin
nicht musikaiisch. Ich kann auch keine Lämmer
htiten, aber ich kann mir meine Wiese nicht ver-
trampeln lassen. Ich bin kein Leithamme), des-
wegen wünsche ich auch nicht, daß mir die Her-
den foigen. Die Junioren des Herrn Stahl kann er
sämtlich zu seinen Senioren versammein. Wir, die
wir Kunst lieben und kennen, haben sie nie für
„kommende Qenies" gehalten. Qenies kommen
tiberhaupt nicht. Sie sind, auch ohne die Ver-
gangenheit des Herrn Stahi.

H. W.

Gedichte

August Stramm
Der Ritt x;

Die Aeste greifen nach meinen Augea
Im Eingias wirbeit weiß und lila schwarz und geib
Biutroter Dunst betastet zach die Sehneu
Kriecht schieintend hoch und krampft

iu die Qeienke!

Vom Wege vor mir reißt der Himme! Stücke!

Ein Kindschrei geüt!

Die Erde tobt, zerstampft in Fiüche sich
Mich und mein Tier
Mein Tier und mich
Tier mich!

Vorfrühiing

Pralie Woiken jagen sich in Pfützeä

Aus frischen Leibesbrüchen schreien Hatme Ströme

Die Schatten stehn erschöpft.

Auf kreischt die Luft

Im Kreisen, weht und heutt und wätzt sich
Und Risse schiitzen jählings sich
Und narben
Am grauen Leib.

Das Schweigen tappet schwer herah
Und lastet!

Da rollt das Licht sich auf
Jä!i geib und springt
Und Fiecken spritzen —

Verbieicht

Und

Praiie Woiken tummein sich in Pfützew.

Urwanderung

Raunen und Schret
Fuß vor Fuß!

WiHken Hasten Zagen
Hinab zum FluB!

Schlürfen und Schnaufex
Weiter . . . weiter!

Ungeheuer!

Schrecken und Wut!

Mann und Weib

Steine in krampfenden FäusteR

Hinweg! . . Hinweg!

Rauschen und Wehn!

Hunger!

Rinde und Blatt
Weiter!

Entwurzelter Stamm
In nerviger Faust!

Schwung und Schiag!

Biutiger Fraß!

Fort!

Biendende Strahien
Aus biutrotem Rnnd!

Machtvoiier!

Hin!

Biindes Dnnkei
Qransen um um
Schiaf und Tod
Schreckiicher!

Hiif!

Ruhe und Rast
Weiter und weiter!

Fiuß und Ta!

Weiter und weiter!

Wasser und Sand
Weiter und weiter!

Weiter! Weiter!

Tanz

Miichweiche Schuiteru!

Augen fiirren, fiackern!

Biond nnd schwarz und sonnengoiden
Taumein Haare, wirren, krampfeH,
Schiingen Brücken,

Brücken!

Hin

Und rüber
Taumein, Kitzei,

Bäumen, saugen,

Saugen, züngein,

Schürfen

Biut

Schweres, iustgesträubtes
Blut!

In die Wunden
Hüpfen Töne,

Sieien, bohren,

Wühlen, quirlen,

Failen kichernd,

Schweiien auf und fressen sich,

Qatten, gatten, schwängern sich,

Bären Schauer
Wahnengroß!

Hiifios surren um die Lichter

Mutterängste

Nach den Kmdern,

Die sich winden,

Winden, huschen
Vor den Tritten,

Die sie packen,

Ihre giasen, sichten Leiber
Schinden, scharren,

Pressen, schieudern,

Tiickisch abgemessne Lüste
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