Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Rudimentär

August Stramm

Ein Ehepaar und ein Kind
Ein Chauffeur und ein Hund

Dachzimmer; links das Fenster, rechts die
Ttir. Die hintere Wand schrägt in halber Höhe
zur Decke. Die Tapete hängt in Fetzen herab.

An der Hinterwand Schrankspind, Bett und
Herd mit kleinem Gaskocher; zwischen Herd und
Tür der Ausguß. Tisch mit zerbrochenem Stuhl
und Schemel in der Mitte; auf dem Tisch Speise-
reste, Papier und schadhaftes Geschirr.

Im Bett unter einer Decke der Mann an der
Wand, die Frau vorn und das eingebündelte Kind
quer am Fußende

D e r M a n n (stiert vom Bett auf einen Zei-
tungsfleck, der unmittelbar über dem Bette unter
der herabhängenden Tapete sichtbar ist; nach
einer Weile stößt er die Frau an): . . . merkst
de wat? . . .

D i e F r a u (liegt zusammengekrümmt, das
Gesicht in den Kissen vergraben): . . . laß mir!

Er (zieht den Tapetenfetzen niedriger, um die
Zeitung besser sehen zu können): . . .

Sie (unwillig): . . . wat machst de imma?

Er (auf die Zeitung stierend): . . . een va-
fluchtet Wort . . .

Sie (aufmerkend): . . . wat n Wort?

Er: Kuck hier . . . (fährt mit dem Finger
iiber die Zeitung und buchstabiert) . . . ru . . .
de . . . m . . . ern . . . tär . . . rudementer . . .
wie dät klingt . . . ?

S i e (wühlt sich wieder in das Kissen): . . .
du bis varickt . . .

Er (wirft sich rum): . . . ick krieg keen Ruh
nich . . .

Sie: Mach n Knoten!

Er (schlägt mit der Faust auf die Zeitung):

. . . Dreck! (und dreht sich zur Wand)

(Nach einer Weile fährt sie plötzlich hoch)

Sie: Herrjotte nee! ... de Wohnung! . . .
wie se aussieht!* ... ick hab ja nich ausjefejt
. . . nich! . . . eejentlich . . . wenn se uns nu
find'n . . . ma mißt doch . . . (sie stellt die Füße
zur Erde, bleibt aber auf der Bettkante sitzen)
'n reenet Hemd . . . und so . . . un . . . (ihr
wird plötzlich weinerlich weh) . . . et soll nich
heeßen . . . nee ... et warn doch ordentliche
Leite . . . solln se sagen . . . dät laß ick nich
uff mir sitzen. (Sie schluchzt laut auf)

E r (ohne sich zu rühren): . . . nu . . . kriegst

dus varickt? . . . machn Hahn zu . . . wenigstens
. . . et steijt eenn schonst in de Neese . . . (er
niest umständlich laut und dreht sich faul auf den
Rücken)

S i e (in Unterrock, Hemd und Strümpfen geht
zum Herd und dreht den Hahn am Gasauslaß zu,
wobei sie den Kopf abwendet): . . . mir . . . is
. . . schon janz schlecht . . .

E r (in Hemd und Hose, wälzt sich nach vorne
zur Bettkante): . . . machs Fenster uff!

S i e (streift ein paar Schuhe über)

Er (starrt auf dem Bauche liegend vom Bett
zur Erde, greift plötzlich zum Fußboden und hebt
eine Zigarette, die am Bettpfosten lag, auf): . . .
nu . . . eener ... (er steckt die Zigarette in den
Mund und sucht in den Taschen, während er sich
langsam faul vom Bette auf die Füße wälzt, nach
Zündhölzern; nach längerem Herumsuchen zieht
er ein zerbrochenes Streichholz aus der Tasche
des Rockes, mit dem das Kind zugedeckt war, tritt
zum Tisch, wischt mit dem Aermel über die Tisch-
kante und setzt das Streichholz an; er stockt aber
erschrocken und schaut auf seine Frau) . . . na

. . . willst de nich? . . . vorwärts . . . sonst
jeht dir der janze Kasten in de Luft.

S i e (hastet zum Fenster und öffnet es)

E r (tritt ans Fenster und schöpft tief aufatmend
Luft): . . . a . . . dät zieht durch! . . . (Er reibt
das Ztindholz auf dem Fensterbrett und ziindet
die Zigarette an)

S i e (stellt eifrig das Geschirr auf dem Tisch
völlig zweck- und sinnlos durcheinander und wirft
Wurstpapiere und Abfälle auf die Erde, keifend):

. . . aber dät sag ick dir . . . wenn ick erst Ord-
nung hab ... Ordnung ...

E r (bläst behaglich den Rauch zum Fenster
raus)

S i e (nimmt aus der aufgerissenen Schublade
eine kleine Flasche, hebt sie prüfend hoch und
stößt einen freudigen Schrei aus): . . . ho . . .
hier . . . wahrhaftig . . . Korn ... da is ja
noch . . .

E r (ist mit einem Satze bei ihr, entreißt ihr
die Flasche, entkorkt sie, riecht und nimmt einen
kräftigen Schluck)

S i e (hält ihm die Flasche fest): ... mir

ooch . . . mir

E r (setzt schmatzend ab)

S i e (trinkt den Rest)

Er (hustet leicht): . . . Schafsköppe . . . wir
. . . so lang der Mensch noch Schnaps hat . . .

Sie: ... jewiß . . . wir kennten so scheen
lebn . . . so

E r (wie nachdenklich): ... lebn . . . (fährt
plötzlich auf und stößt sie vor die Brust, daß sie
taumelt) . . . lebn . . . mit son Schticke . . . ? ...

S i e (aufkeifend): . . . laß mir . . .

Er (knufft auf die Zurückweichende ein): son
Schticke . . . dat sich rumtreibt . . . mit andere
Kerls abgibt . . . son

S i e (trumpft immer dagegen): ... son
Schtrolch . . . son Lump . . . ! ... soll ick trei
. . . sind ... ?! (Sie haüt mehrfach höhnend
ihm vor der Nase in die flache Hand): . . . nich
in de 1a mäng! . . . nich in . . .

E r (packt sie würgend): . . . ick schlag dir dod
. . . ick mach dir . . . (er holt zum Schlage aus)

Sie (entwindet sich ihm und flüchtet zur Tür):
. . . du Patron du . . . Patron . . . ick schrei . .
(sie entriegelt die Tür)

E r (nimmt den Stuhl und schlägt ihn zwischen
das Geschirr auf dem Tisch, daß Stuhl und Ge-
schirr in Trümmer gehen): Weib!

S i e (eilt zurück und hält ihm den wieder aus-
holenden Arm): . . . dät Jeschirr! . . . de juten
Tassen!

E r (packt sie)

S i e (sucht sich ihm zu entwinden und strebt
auf das Fenster zu): . . . ick spring aust Fenster!
. . . Hilfe! . . . Hilfe!

Er (packt sie hinterrücks bei den Haaren und
wirft sie vor dem Fenster zu Boden): . . . willst
du dei Maul halten . . . ! ... willst du . . .

(schlägt mit der Faust auf die am Boden in sich
zusammenkauernde und nur leise wimmernde ein)
. . . du . . . (dann läßt er erschöpft von ihr ab
und setzt sich auf den Schemel hinterm Tisch,
den Kopf auf beide Hände gestützt, ins Leere star-
rend und keuchend vor Erschöpfung) .... son
. . . so muß man sich uffrejen . . . wejen . . . da
soll eener bei Vaschtand bleibn

S i e (richtet sich langsam und vorsichtig wie-
der auf und reibt sich stöhnend die geschlagenen
Körperstellen)

Er (schlägt mit der Faust auf den Tisch und
wendet den Kopf nach ihr)

S i e (drückt sich verstummend scheu unter
das Fenster)

Er (nimmt seine vorige Haltung wieder ein)

S i e (sucht lautlos unbemerkt hinter ihm vor-
bei zu schleichen; als sie hinter ihm ist, greift sie
plötzlich aufschreckend seine rechte Hand): . . .
Willi . . . du blutst ja . . . ! Willi . . . nu kuck
. . . o . . . und so viel . * .

E r (sieht überrascht auf seine Hand, an der
Blut herunter läuft)

Sie: Du hast dir inn Scherben jehaun . . .
(sie nimmt ein zerbrochenes Waschbecken unterm
Bett vor, läßt etwas Wasser an der Leitung hin-
einlaufen und stellt es auf den Tisch, dann springt
sie zum Wandschrank, nimmt einen Fetzen Lein-
wand heraus, reißt ihn in mehrere Streifen und
wäscht ihm die Hand) . . . nu nich . . . Willi . .
son Jeblute . . .

E r (hat ihrem Beginnen gleichmütig zugesehen
und blickt jetzt aufmerksam zum Spind rüber):
. . . du hast ja noch Wäsch im Spind . . .

S i e (ohne aufzublicken, ihn verbindend): . . .
nu nich . . .

Er (ruhig): . . . janz feine Wäsch . . .

S i e (hält inne und starrt ihn an)

E r (weicht aus): . . . nu . . .

Er (prüft dann ihre Figur mit den Blicken):
. . . wie du noch ausschaust . . .

S i e (verständnisios): . . . ick . . . ick . . .
(sie bricht plötzlich in Tränen aus) . . .
Willi . . . (sie wirft sich ihm schluchzend um den
Hals) . . . nee .... Willi . . . da kann mir eener
jeben . . . Willi . . . (küßt ihn) . . . mein lieben
Willi . . . ick kann ja doch keen anderri jut sind..

E r (tätschelt sie): . . . nu . . . laß man . . .
(er klopft sie zärtlich ab) . . . da is doch noch wat
dran . . . (er erhebt sich und drängt sie zärtlich
zum Bett hin)

S i e (hingegeben): ... ach . . . WiMi . . .

(indem sie sich auf die Bettkante setzt, fällt ihr
Blick auf das quer am Fußende liegende Kind):
. . . nu ... kuck . . . doch . . . Fränzchen (sie
beugt sich iiber das Kind)

E r (blickt hin und ist einen Augenblick über-
rascht): . . . Jotte nee ... (er befühlt es) . . .
et is . . .

S i e (wirft sich mit einem Aufschrei über das
Kind): . . . Fränzchen! . . . Jotte . . . Fränz-
chen! . . .

Er (sein Blick wird wieder durch das Wort
an der Wand gefesselt, — abwesend): . . . rude
. . . (wieder erwachend) . . . weiß der Deubel!

Sie (jammernd): . . . wir habn dir jemordet!

Er (roh): . . . schrei nich . . .

E i n H u n d (winselt schwach unter dem Bette)

Er (stößt mit dem Fuß unter das Bett): . . .
kusch dich

S i e (unter Schluchzen): Wat winselt MoIIi so?
. . . denn so? . . .

Er: Er riecht dn Dod!

S i e (richtet sich hoch, nimmt das Kind auf den
Arm und küßt es; dann btickt sie sich impulsiv
zum Bettrande und zeigt das Kind unters Bett):
. . . ja . . . MoIIi . . . kuck . . . Fränzchen is dod
. . . (schluchzt) . . . och . . . unse Fränzchen
is dod

E r (stiert wieder gebannt auf den Fleck an
der Wand, hebt den Papierfetzen hoch und liest):
. . . Kon . . .

S i e (wütend): . . . nu . . . laß mir aber . . .
vadammt . . . mit dei Faxn!

Er (wütend): . . . Teufel ... ob mir wat
sagen tät. (Er dreht sich brüsk um)

S i e (preßt winselnd das Kind an sich): . . .
ick hab ooch keen Lust nich mehr . . . nich
mehr . . .

E r (ist zum Spind getreten, steht davor und
faßt hinein): . . . du . . . Päte jibt immer noch
drei Märker . . .

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