Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Laszlo: . . . du wirst es nicht können!
Maruschka(schauemd):...ich ..ich...
(schreit auf) . . . mich graut . . .

Laszio: aile graut!

Maruschk'a (stittzt den Kopf) . . . und wieder
fort . . . wo ich so ghickhch bin ...?!. .
Laszio: . . . du mußt nicht fort!

Maruschka: .

L a s z i o: Maruschka!

Maruschka (schreit auf): ich muß!!! ich muß!!!
Laszio: er soil fort!!!

Maruschka: fort .... !! Fort..!! . ^. er k a n n
niefort!

L a s z i o (entreißt ihr den Dolch)

Maruschka (ringt mit ihm)

L a s z i o (schleudert sie in die Ecke)
Maruschka: töte m i c h!!! . . . töte m i c h!!!..
du kannst ihn nicht tötenü!

Laszio (priift iachend die Schneide des Doiches)
Maruschka: er iebt nicht dortü! . . . er iebt
nicht dortü! .... hierü! . . . dahin den Dolchü!..
dahin . . .!!! (sie reißt ihr Tuch von der Brust) du
jagst ihn nicht mehr rausü
L a s z i o (springt auf sie zu und küßt wiid ihre
nackte Brust)

Maruschka (stößt ihn zurück und entwindet
sich ihm)

.(Erstarrendes Horchen).

L a s z i o (schleicht zum Fenster und späht durch
den Spait)

Laszlo (springt zurück und faßt das Messer)
Maruschka(atmend):..er...geht..er..
geht . . . (Schritte streifen die Außenwand der
Hütte)

Maruschka (sinkt in sich zusammen, am gan-
zen Leibe zitternd): . . . .

L a s z i o (in heißem Hauchie): Maruschka . . liebst
du mich?!

Maruschka (stammeind): ja . . ja .. ja ..

(Es kiopft)

L a s z i o (iöscht die Lampe und steht sprungbereit)
(Es kiopft)

Maruschka (schreit auf) . . . ja . . . ja . . .!!!
(Die Tür ruckt auf, undurchdringiiche Finsternis
gähnt herein)

(Schweigen)

(Ein schwachhaliender Donner, dann erieuchtet ein
Biitz die Haide tagheii)

(Wetterlauchten von aiien Seiten)

Der Vater (in einen wieiten Mantei gehülit, steht
in der Tür und breitet die Arme gegen Maruschka)
Laszlo (stürzt auf ihn los)

Maruschka (schneiit hoch und fäüt ihm in den
Arm)

(Ein kurzes Ringen)

Maruschka (entwindet Laszio den Doich und
jagt ihn ihm in die Brust)

L a s z i o (fäüt in kurzem Sprung ohne einen Laut
vornüber)

Der Vater(trittein)

Maruschka (starr aufgerichtet)

Der Vater (wiü zu LaLszlo treten, sein Biick
bieibt an dem Qrabe haften)

Der Vater (wendet sich um zu Maruschka und
schaut sie an)

Maruschka (bricht iautlos zusammen)

Der neue Tag

Neben der Hütte umzäunte Obstbäume. Qemüse-
und Biumenbeete. Ein Hoizfeuer giimmt auf der
Erde Morgendätnmerung in der Haide
Lerchen (trüiern in der Ferne)

Eine Lerche (schlägt in der Nähe laut an und
steigt)

M a r u s c h k a (auf der Bank an der Hütte fährt
aui): . . . wer . . . wer ist tot?! . . ich . . ich . .
wer bin ich?! . . (sie iegt die Hand vor die Sürn
und starrt in die Haide)

DerVater (steht neben ihr und iegt ihr die Hand
auf die Schuiter)

M a r u s c h k a: . . . die Haide . . ?! . . ich sehe
sie nicnt . . . (schreit auf) . . Feuetrü! schleudert
Feuer in sie . .!

Der Vater: ruhig . . . ruhig . . . mein Kind!

. . . es wird Tag! (Der Himmel lichtet)
Maruschka (schrickt zusammen und kauert
auf der Bank): . . . wer bist du? ... wer spricht
...?.. ich kenne dich nicht . . .

Der Vater: . . ich habe dich gesucht . . . ge-
sucht . . . ich bin gewandert
Maruschka: . . . ich verstehe dich nicht! . .
ich kann dich nicht verstehen .. . wer bist du . . ?
DerVater:... sieh mich an . . .
Maruschka (schrickt zusammen und hebt den
Blick zu ihm)

Eine Sternschnuppe (gleitet iüedet und er-
stirbt)

Maruschka (verhüüt wimmernd ihr Gesicht im
Kock)

Der Vater:... mein .. . Kind!

Maruschka (läßt die Hände faüen, erhebt sich
und starrt in die Haide, wo die Sternschnuppe fiel)
D e r W i n d (spielt in ihrem aufgeiöstem Haar
und in den Sträuchern und Blättern der Haide)
Maruschka: . .. vom Himmel... zur Haide ..
Ein weißer Nebelstreif (steigt hoch und
sinkt)

Maruschka (wirft sich wüd aufschluchzend in
das Qras und küßt die Blumen): . . . Perlen . . .
Tränen . .. Tränen ... sie weinen ... weinen ...
Der Vater (immer neben ihr, über. sie gebeugt):

. . . der Tau bringt neues Leben , . .
Maruschka (kriecht von Biume zu Blume und
küßt sie): .. . leben ... weinen .. . leben . . . wo
ist die Heimat?

DerVater: . . . der Streifen dort ...?... weit
. . . weit . . . der große Waid . . . das rauscht. . .
und rauscht . . . unermeßliches Leben . . . darin
ein Haus . .. ein Turm darüber . .. weithin kannst
du bücken in die Fernen ... Haiden schaust du ...
'und Wald . .. Wald . . . Wasser füeßen . . . fließen
. . . Winde wehn . . . stürmen . . .

Maruschka: was soü der Turm ...?!...
DerVater: ..ich habe ausgeschaut . . . von
dort . . . nach dir . . . und nach den Sternen
nachts . . . die mir von die erzählten . . .
Maruschka (horcht auf): . . . die Sterne erzäh-
len dir? . . .

Der Vater: ich kann in ihnen iesen
Maruschka (hebt sich in die Kniee): ich,auch
. . . ich auch . . . sie sprachen oft zu mir . .

Der Vater: . . nun schau . . . wir reden eine
Sprache

Der Vater (wiil die Hand auf ihre Schuiter
legen)

Maruschka (beugt sich angstvoü zurück und
streckt die Hände gegen ihni)

DerVater: .. fürchte nicht . . . wo du bist . . .
ist auch deine Haide!

M a r u s c h k a (in Entsetzen ohne Atem und
Stimme): . . . was treibt dich zu mir hin?!

Der Vater: wir gehören zusammen
Maruschka:ichweißnichts!

DerVater: . . . wir wissen aüe nichts . . . (er
iegt die Hand auf ihre Schuiter)

Maruschka (in tiefstem Qrauen) . . . du . . du
mordest mich . . .

Der Vater: Mutter schmückt das Heim . . sie
weiß...dukommst...!...

Maruschka (springt wüd auf): . . . Licht . . .

Lichtü! .... Lichtü . . . wo ist mehie Haide??!!!
'Maruschka (springt zu dem giimmenden
Feuer, reißt einen Feuerbrand aus der Qlut und
schleudert ihn in das Dach der Hütte) . . . Licht
wiüichhaben...Licht!!!..Licht!ü
D i e H ü 11 e (flammt kurz auf)

D i e S o n n e (zerfiutet die Nebel)

Maruschka (deckt geblendet die Augen):.. oh.
Dunkle Rauchwoiken (hinter der schneü
zusammenknatternden Hütte matten die Sonne zur
fahiroten Scheibe)

Maruschka (nimmt die Hände von den Augen)
...ich..seh...keinen...Weg...mehr...!
..keinen...

Der Vater (tritt zu ihr hin): . . . . Kind! . . . .
D i e H a i d e (ein dunkier Schattenriß im Himmeis-
fahi)

Maruschka: oh .. . meine Haide ... ! . . .

D er Vat e r: . . . gib mir deine Hand . . .!
Maruschka (gibt ihm die Hand): . . . die Haide
stirbt! . . .

D e r V a t e r: . .. auf ihr ... Schritt für Schritt...
langsam . . . ich bringe dich heim . . . schau nicht
zurück! . . . vor dir iiegt der Weg . . . dort . . .

wird wieder Licht.die Sonne . . . . du

wirst im Lichte sehn . . . ü!.im Lichte...!!!

Ende

Heimweh

Ich bin ein Haus aus tief gefügtem Qlas —

Nun kommen aüe Menschen, kühl wie Schatten,
In meine Brunst und feiem weiche Feste.

Glanz, meine Kupel, die im Klaren tönt,

Ein leiser Riß durchzittert ihre Stimme:

Du Ferne, Gleitende, Du Hand im Haar!

Die Wagen, die in wachen Straßen
Schwebten,

Wissen um deinen Qang
In zager Nacht.

In dunkeln Türmen, die den Abend riefen,
Versammeln sich die ungekühlten Fernen:

Ich wünsche Dich!

Däs Eis zerriß in Schoüen.

So schrieen meine Hände
Nach dem Zwei!

Schon krönten junge Lauben meinen Schlaf,

Doch schriüe Lichter blendeten den Frühling. —
O Taumeüose. Qroß. Im Städtewald!

Emst Wiiheim Lotz

Besinnung

Vom fremd-drohenden Bildwerk wandt ich mich

fort.

Schweren Schild iehnt ich hinab.

Von düstrer Nachtwache bin ich wund.

Ich starre nach oben, wo Wolken sich runden,
das unermeßliche zum Ungestalten hochtreibt.

Vor jenen Riesenschatten,

der schrecklichen Eis-BIindheit oder dörrenden

Fiamme

Verberg ich mich schluchzend
bei den mütterlichen Halmen.

Wo triuliche Rufe in meinem Blumengarten

scharren,

wo ich liebe Kunde vernehme,

Erinnerung meines Quten und Bösen

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