Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 63
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Traurig zu sein ist sicher etwas schönes,
um das was wir verioren. Doch man verliert
(mir starben Mann und Sohn und meine Tochte!

ging davon mit Einem)

Der Mensch verliert, bis er nichts mehr besitzt;
und Trauer schwindet in der Tage Gleichmut
und dann bedauert es der Mensch nicht mehr,
Daß keine Trauer mehr ihm biieb, nun noch zu

trauern.

Dann sieht er aiies wieder anders an.

Sie waren traurig, mehr ais zur Genüge.

Dies sag ich Ihnen tägiich, doch vergebens.

(Ab)

Der Mann

Wie iange habe ich nicht mehr das Gelühl des
Hungers gehabt. Das Gefiihi irgendeines Verian-
gens. Ich bin aus dem Lebendigsein gerissen und
in irgendeine Zeit versetzt, die nicht mein ist und
ich rage in ihr empor wie ein Dorn, wie ein
Fremdkörper, der sich nicht anpassen kann. Vor
mir und hinter mir ist in dieser Zeit nichts, was
mein Sein in den zusammenhängenden Gang
spannte, der vom unausdenkbaren Anbeginn der
ewigen Zeit bis an ihr unmögliches und wie her-
eiubrechendes Ende fortschreitet. AIs ob ich dar-
aus gelöscht wäre seit dem Augenblicke, da sie
starb. Ich bin ietzt ohne menschiiche Empfindun-
gen und habe nur Erinnerungen daran. Ich em-
pfinde nur in Erinnerungen.

Wplch ein Weib ist sie gewesen,

was für Worte sprach ihr Mund!

Wie oft schien es mir, als ob sie Grenzen-
Ioses verkünden wtirde, ein, großes Geschenk der
tiefsten Güte, das in meine Worte ein solches
Glück hineinströmte, daß ich mir sagte: „Niemals
im Leben kann ich mehr empfangen. Es ist Zeit,
daß ich sterbe."

Der Zweifel

Sprach sie dies Wort einmal aus?

Der Mann

Ich erwartete es täglich und täglich war sie
ihm näher. Aber sie starb vor der Zeit.

Der ZweÜel

Weißt du denn nicht, daß du ihr ständig vor-
sprachst, was sie zu dir sagen sollte? Sie war
eine Frau, also ein Mund und du der Mann, also
der von Euch beiden. Sie wär dem näher, was du
erwartetest, wenn du dir den Inhalt deines War-
tens besser vergegenwärtigtest. Aber nie wäre sie
bis zu ihm gelangt, so wie du nicht zu seiner wirk-
lichen Vorstellung gelangen konntest. Das ist
keine Dialektik. Aber was sie war, das war sie
einzig durch dich. Und wozu sie in deinen Er-
innerungen erwuchs, das ist sie nur durch dein
Zurückdenken geworden.

(Durch das geöffnete Fenster redet die Schar
von Dingen ins Zimmer herein, die man durch das
Fenster erblickt. Es sind dies: Die Fußwege am
Parkabhang. Ammen. Ein fliegender Ball. Einige
schwere Wagen. Die schrägen Schattendächer
über Schaufenster. Menschengruppen und allerlei
Fußgänger)

Der Mann

Ihr wollt mich daran erinnern, daß ich stets
unter euch bin. Ich weiß es wohl, aber ich lebe
nur in der Wiederholung, ich wiederhole jetzt nur
meine und ihre Biicke. Wenig zugegen bin ich in
eurem Leben. Zwar erregt ihr keinen Mißge-
schmack in mir, aber ich bin einsam, selbst wenn
ich in euch bin. Es pflegte anders zu sein. Wenn
wir — mit ihr — in einänder eingehängt gingen,

da waren wir allen Geschehens der Gasse teil-
haftig. Wie gern unterzogen wir uns ihrem zu-
fälligeu Anhäufen von Menschen, das sie mit uns
und andern nahm. Wir vereinigten uns mit ihnen,
brachen uns an den Straßenecken, stoben ausein-
ander an den Kreuzungen. Oder wir gingen beide
ganz allein, wie versprengte Einheiten über den
öden Marktplatz, in dessen Winkel sich eine Sta-
tuengruppe verbarg. Und daun kehrten wir im-
mer zurtick, fröhlich durch die Menge, durch die
wir schritten, wie zwei Haare, die zwischen den
Zähnen eines Kammes hindurchgegangen sind und
sich nun wellen, abgetrennt von den übrigen.
Immer jedoch waren wir zwei.

(Der Zweifel ist bereits verschwunden, aber die
Gasse unter den Fenstern verstummt nicht.)

Der Mann

Verstumm, verstumm, du heißes Lied der
Gehenden und der Ungeduldigen. Laß mich in mir
mich verlieren. Nein ich bin nicht unglücklich, um
vom Boden das Zwirnknäul aufheben zu müssen,
dessen Fäden mich an das tägliche Leben fesseln
und das Bedürfnis und die Dankbarkeit zu fühlen,
daß es mir nur möglich ist, ihnen entlang zu gehen,
um zu ihrer Mitte zu gelangen. Ich bin allein und
durch mich selbst lebendig gehe ich einmal aus
mir heraus und in deine Klänge und Bewegungen
ein, dann gehe ich wiederum nur als ein unbedeu-
tender, sich verlierender und demtitiger Geher,
den nur sein Wort und seine Gegenwart verkün-
det. Doch jetzt vergönn mir, traurig zu sein.

Die Uhr

Vergiß mich nicht! Mein Werk leidet durch
den Staub und Rost, der sich daran fängt. Du bist
voll der Vergangenheit, die irgenwo stehen geblie-
ben ist, aber deine Trauer ist in dir verborgen wie
aufgezogene Federn. Du hast das große Gefühl
deiner Existenz in dir, ihr tiefes Bewußtsein, das
dich sättigt und durch das du lebst. Wie ist dein
Leben beneidenswert . . . Aber die Feder in mir
ist ohne Kraft, abgelaufen, sie wartet auf deine
Hand, um sich aufzurollen, zu spannen, damit ich
gehe und lebe, ich Uhr. Hab Mitleid mit mir . . .
Erwecke mich!

Der Mann

Ueberdenke ich meine Trauer, wie schön ist es,
daß ich sie fühle. Daß ich lebe und sie fühlen
kann. Wie schön ist mein Leben, daß ich den
Schmerz sehr fühlen kann. Wie sehr fühle ich das
Leben durch den Schmerz, den ich leide!
(Unversehens tritt er hin und zieht die Uhr auf.)

Die Uhr

(beginnt zu gehen)

Dank, Dank!

(Aus dem Tschechischen übertragen von Otto Pick)

Betrachtung

Paul Hatvani

Der Philister, der mir seinen Kitsch lobt, hat
nicht nur deshalb Unrecht, weil ich Pecht habe.
Im Kitsch läßt es sich gut wohnen, der Philister
verbietet mir diese Behaglichkeit, um Ruhe zu
haben. Ich aber weiß es: die Freude am Kitsch
ist nur geheuchelt und der goldene Mittelweg
führt auf ein Golgätha der Langweile. Puhe ist ein
Vorbote des Schlafes; ich aber beschwöre den
Traum: und es fällt dem Philister nicht im Traume
ein, daß er Unrecht haben könnte.

Die Ruhe ist das Hauptargument des Philisters.
Deshalb beunruhigt ihn jedes Neue und jede Kunst.
Und jedes Alte und jeder Kitsch beruhigt ihn: auch
denn, wenn das Alte Kunst und der Kitsch neu ist.
Denn er ist Logiker: ewig stille steht er im Nichts
und bezieht sich auf AHes.

Er weiß es nicht, daß seine Ruhe ein Tod und
sein Leben ein Beweis des Sterbens ist. Aber
er versteht Alles, und sein Verstehen heißt Logik.
Damit verfolgt er mich bis in den Traum; der
Fluch des Einsamen ist kein Hindernis; er will
mich iiberzeugen und zeugt nur wider inich. Er
leugnet: und ich behaupte mich. Er spricht die
Wahrheit. Aber sie enthüllt die Lüge, die einen
Schein ins Sein steigert.

Die Phrase ist das Schild und die Geste ist der
Speer des Philisters. Aber die Ruhe ist sein Hei-
ligtum; und deshalb schützt er sich mit der Phrase
und verteidigt seine Geste, auf daß der Oeist nicht
über ihn komme und er ruhig sterben könne,
amen.

Denn er will ruhig leben. Nichts darf ihn stö-
ren. Und so verdammt er die Kunst und flucht
seinen eigenen Fluch. Und heuchelt Freude am
eigenen Fluch. Und heuchelt Freude am eigenen
Kitsch, ohne sich freuen zu können. Denn mit der
Lust geht auch die Fähigkeit der Freude verloren;
Philister sind nie freudig, immer nur gemütlich.

Das Leben des Philisters ist ein Abwehren der
Geräusche. Denn nur in der Eintönigkeit der
eigenen Seele fühlt sich die Gemütlichkeit wohl.
Die Kunst aber, ewig neu und veränderlich, nimmt
auf den Winterschlaf der Philisterseele keine
Rücksicht. Da hört sich die Gemütlichkeit auf.

Die Kunst ist unschuldig. Der Philister ist an
sich böse und nicht erst durch die Kunst verwirrt
worden. Seine innere Stimme, sein gewissenloses
Gewissen, zwingt ihn, die Kunst zu hassen und
ein stinkender Instinkt weist ihm den rechten
Weg. Er fühlt die Kunst, um sie zu verdammen.
Er haßt sie, weil sie ihn beunruhigen könnte. Er
hat Unrecht, weil ich Recht habe.

Sein Haß ist inferior. Er mordet nicht, son-
dern richtet. Er richtet nicht, sondern rechtet.

Der Philister ist ein Vorwand der Schöpfung.
Er füllt die Lücken aus, die sein Sinn gelassen hat.

Der Künstler aber ist die ErfüIIung der großen
FüIIe, die das Leben gelassen hat, als es den Phi-
lister schuf.

Der Philister geht im Garten der Lust spazie-
ren, als würden die Blumen nur blühen, wenn sie
von seinem wässrigen Geiste begossen würden.
Eine einsame Blume will daran nicht glauben;
sie will im Stillen blühen, da ruft seine Stimme:
„Sesam, schließe dich!"

Philister glauben nicht, aber sie sind überzeugt
davon. Ob es nun einen Gott gibt oder nicht:
sie sind überzeugt davon. Denn nicht das Be-
jahen oder Verneinen macht den Philister, son-
dern die Ueberzeugung.,

Der Philister spricht: „Ich bin normal, also ist
Irrsinn."

Der Philister und die Welt: sie kennen sich
vom Sehen. Dann begann er ein Verhältnis mit
ihr, das nicht ohne Folgen bleibt.

Der Schablone des Lebens folgt der Tod. Wie
ist es doch verstummt um den Tod! Die Furcht
ist schlafen gegangen und durch den Traum pol-
tert der Haß des ewigen Philisters.

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