Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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zu wccken, dann wird mein Freund mein Tage-
buch herausgeben. Das Tagebnch eines Morphi-
nisten. Warumnicht? Esgibtschonundnoch
andere „Tagebücher".

Wie das Blut in meinen Händen iagt! So son-
derbar sind heute meine Hände — wie aus weißem
Hoiz, in das man iüni Stöcke gestoßen hat. Ich
giühe am ganzen Körper. Mein Kopf ist rot, wie
meine Tischdecke — knaliig. Alles rast in mir.
Und dieser widerliche Qeschmack im Munde. Ich
kann nichts essen. Selbst den Speichei wage ich
nicht zu schlucken. Ich k a n n das nicht mehr
aushalten. Ich reiße die Watte heraus — mag es
bluten! — Aber erst will ich noch zwei Teelöffel
von meinem Schlaftrunk nehmen und rnich dann
weiß in mein Bett legen. Ich freue mich, nun doch
wenigstens rein zu sein. Das Bad gestern bei der
schönen Jüdin hat seine Schicksalsbestimmung ge-
habt Wie eine gliihende Goldkugel flimmert das
Fieber in meinen Augen. —

Blut! Mein Blut! Nun habe ich den ganzen
Alund vol! — wie das rauscht. Auch Du blute-
test einmal.— da sog ich Dir Dein Blut vom Munde.
Weißt Du das noch? Mir tut keiner solche Wohl-
tat. Mein Wunsch nach mir hat aufgehört zu sein.
Nun höre auch ich auf.

Wächsern, wie eine bieiche Qual blühte gestern
der Mond am Himmel. Heut ist er glutrot. Die
zweite Sonne hat sich zum Sterben gertistet. —

Meine Beine werden kalt. — Das Blut hört auf
— die Kälte kriecht höher und höher. Mein Rücken
ist iebios — dumpf —- berauschend fiutet eine
schwere Weüe in mein Hirn — krampfhaftes Mund-
zucken. Mein Nachtücht verlöscht — ich wälze
mich auf dem Rücken — Gottloses Händefalten —
Alein Mund soll nicht verzerrt. . . .

Vision

Paul Hatvani

Die Langeweile der Welt, jener weltlichste
Zeitvertreib, der der Zeit die Welt vertreibt, wird
mit ihrer einzigen Aufgabe niemals fertig. Die
Erschaffung neuartiger Vergnügungen will ihr
nicht mehr mehr gelingen; seitdem sie eine Wis-
senschaft hat, weiß sie mit ihren Launen nichts
mehr anzufangen und grämt sich. Der letzte schöp-
ferische Gedanke des Geschlechts war das Ver-
zichten auf ein Ziel; darnals wurden die Evatöch-
ter aus Elysium geboren. Seither aber steht die
Welt stili und nur der selbstherrlichen Ausrufe des
Menschen, daß sie sich dennoch bewege, bedarf es,
um sie in den Schlaf zu singen. 0, unendlicher
Schlaf der Welt! Wie will ich mit deinen Träumen
spielen; ich verlasse mich nicht mehr auf irdischen
Tand; die Buntheit meiner Umgebung reizt mich
nicht mehr; Gottes Stimme klingt durch den himm-
lischen Tag und ich bin ein Stern am Himmel mei-
ner Träume. Ich kreise um eine Sonne; Strahlen
durchgiiihen mein Leben; ich tanze den Tanz der
Welt.!

Es ist müde geworden in der Welt. Sie ist so
blutarm, daß man sie eigentlich an die kosmische
Riviera schicken sohte. Das Blut fließt träge und
die Worte sind einfältig und leise. Die Tage kennen
sich schon und die Nächte haben nichts zu ver-
bergen. Manchmal geschieht noch ein Mord; aber
der Tod nimmt es den Mördern übel. Selbstmör-
der werden zum Tode verurteilt, aber die Taschen-
diebe gehen frei aus. Das Geld, das sie stehien
wollten, war falsch und die Uhren bheben stehen,
als sie nach ihnen langen wollten. O, gäbe es doch

einen einzigen Betrtiger, der an die Unsterblich-
keit glaubte! Man könnte ruhig sterben. So bleibt
ein einziger, dürrer Trost: die Versicherung der
Wissenschaft, daß es in der Natur keine Sprünge
gäbe. Ein anderer Professor aber beschwichtigt
uns: hic Phodos, . . . worauf ein Echo antwortet:
zerspringe!

Ich weiß schon aiies: kaum beginnt ein neuer
Tag, weiß meine Seele schon den Traum derNacht
zu deuten. Wozu das Licht ertragen? Menschen
kommen, die ich bis zum Ekel kenne; sie mühen
sich die Welt zu deuten und wissen nicht, daß sie
nichts bedeuten. Sie schreiben Pomane, um sich
und ihren geliebten Zeit-, Raum- und Weltgenos-
sen, die Zeit, den Raum und die bösen Träume
zu vertreiben. Unschuldige Komtessen heiraten
sich; Bankiers krachen zugrunde; Hochstapler
gehen durch; Alütter heulen, Kinder wimmern, man
stirbt und die Lebenden — kennst du das Land?
— kriegen sich in Italien. Der Golf von Neapel
ist beinahe schon von Gustav Frenssen. Nicht weit
davon ist Otto Ernst. Alles blüht und gedeiht.
Bärte schießen hervor und tiberwuchern das Ant-
litz der Erde. O, die schreckliche Langeweile!
Ich weiß nicht, ob ich sieben Billionen Jahre vor
meiner Geburt eine Schwertlilie war; aber sieben
Billionen Jahre nach meinem Tode wiH ich ein
Schwert sein, das ins Herz der Welt trifft. Und
dieses kranke Herz der Welt poclit zwölfmal: das
ist die Große Mitternacht, der Jüngste Tag bricht
an. Tief im Schlamme der Gedanken versteckt
liegt der Kadaver des Menschengeschlechts; hoch
oben leuchtet die Stimme Gottes und ruft die See-
len herbei. Aussätzige schwanken einher und sin-
gen das Lied des Lebens. Leben, leben, leben ruft
ein Chor Längstverstorbener und die Unsterblichen
zertrümmern ihre Steintafeln am Fuße des Ber-
ges. . . . Eine Stimme weckt mich. Es ist die
Stimme des Zeitgenossen und sie fragt: „Was?
Du schläfst des Tages und wachst zur Nacht? Ge-
hört sich denn das? Warum tust du das. —?"

Ich antworte: „Ich schlafe des Tages, denn ich
liebe das Licht; und du verdunkelst es. Ich wache
zur Nacht, denn erst zur Nacht erblicke ich das
Licht der Welt!"

Der bunte

Menschenfilm

Mit hochmütigen Mienen vor den Umsitzenden
Drück ich im Geist Arbeiterfäuste.

Phantasieen von edlen Gewissensehen,

Von donnernden Parlamentsreden,

Von weittragenden Plänen in D-Zügen schwirren
mir durch den Kopf.

Nikotinrausch wühlt in meinen Nerven,

Daß ich blaß bin wie ein Prinz,

Ein Vagabund in Spanien mit schneeweißen
Hemden,

Hungerblaß, haschischblaß und ätherblaß.

Meine einzige Speise ist die weiße Kokosnuß
In Neapel, und mein Besitz ist ein Kanarienvogel.
Eine Weltkarte such ich nach Reisezielen ab,

Um als blauer Matrose im Schiffsbauch zu hocken.

Dann kehr ich vielleicht in meinen Geburtsort
zurück.

Geschmeidig kleid ich mich hinter dem schillernden
Absinth,

Mit Morden wie mit braunen Hemden.

Die Hände stecken im Sack.

Haar und Bart wächst immer weiter herunter.
Die Kellner betrachten mein weiches Schuhwerk.

Mein Rausch wird immer ein großer Skandal.

Drauf bin ich am andern Morgen stolz.

Und träume, wie ich den Lehrern, die mich einmal
beschimpften,

Achtunggebietend in fremden Städten begegne.

Altklug möcht ich predigen in Meßgewändern,
Und in gesetzten Mönchskleidern gehn.

Boshaft denk ich an das Weihwasser,

Womit mich der Priester im Sarg besprengt.

Flugrekorde schwirren mir durch den Kopf.

Ein häßliches Wetter näßt die Straßen.

Meine Zähne schmerzen mich wütend.

Sonst möcht ich durch den Regen stampfen.

Ueber Zeitungen weg wechsle ich Blicke
Und phantasiere, der Kaiser kommt.

Matrosen iiberfluten die Stadt, die Flagge flattert
am Konsulat.

Und mit gespitzten Ohren durchpendl ich die
Gassen.

s kommt einer und nennt mich mit meinem Bier-
namen.

Da sitz ich nicht mehr am Tisch.

Das schneidigste Pferd trägt mich durch einen
Strandgarten mit Streusand,
Ich trage Schmisse im Gesicht.

Hypnotisierend steigt vor meinem Gesicht
Des alten Hauptmanns gelbes Antlitz auf.

Da zuck ich mit keiner Wimper, mir rinnt der
Schweiß herunter.

Vielleicht stürz ich noch einmal ins Geschoßfeuer
Und falle sterbend, die Fahne in der Hand.

Auf dem Waschtisch verbrannt ich viele Kerzen,
Papier und Glas zu einer seltsamen Flamme.

Ich hab vergessen, wie ich drüber einschlief.

Die Marmorplatte zersprang.

Drei Frauen standen zürnend über der Stiege.
Drauf nahmen sie mich vol! Anteilnahme an den
Tisch.

Nun halt ich schüchtern die schnurrende Katze im
Schoß.

Eine uralte Frau starrt mich unverwandt an.

Ein fremdartiges Mädchen liest unverwandt die
Zeitung vor.

Vielleicht sorg ich plötzlich für Weib und Kind.

Joseph Tress

Empfohlene Bücher

Die Schriftleitung behäit sich Besprechung der hier ge-
nannten Bücher vor. Die Auffiihrung bedeutet bereits eine
Empfehlung. Verieger erhaiten hier nicht erwähnte Bücher
zurück, fails Rückporto beigefügt wurde.

Agrico! Perdiguier

Memoires d'un Compagnon
Edition des Cahiers du Centre

Hans Blüher

Die deutsche Wandervogelbewegung als ero-
tisches Phänomen / Ein Beitrag zur Erkennt-
nis der sexuellen Inversion
Berlin-Tempelhof / Verlag Bernhard Weise

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