Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Notizen

Er erinnert sich

Jeder Mann, der einen Federhaiter halten
kann, wenn es auch kaum zu iassen ist, wird in
diesem Jahre fünfzig Jahre. Fiir die Feuiheto-
nisten sieht nach dreißig Jahren seibst das revo-
futionär aus, was nie revotutionär war. Solche
Scheinanarchisten werden mit Voriiebe nach die-
ser Beruhigungszeit von fortschrittlichen Zeitun-
gen geehrt. Zu ihnen gehört Herr Karl Menckell.
Er gibt „einen kieinen Band Lyrik und Kultur her-
aus, in dem er auch einiges Autobiographische
mitteilt". Der Dichter stellt zur Verftigung und
das Berliner Tageblatt entnimmt dem Kapitel
„Aus Wcrkstatt und Leben". Nun ist zwar Herr
Henckell trocken, wie nur ein „Lyriker" sein kann,
auch im entkorkten Zustand Jkann nicht einmal
Kohlensäure entv/eichen und der Rest ist nicht
zu genießen. Er hat aber dafür eine Werkstatt,
aus der heraus er sich als ftinfzigjähriger Qreis
erinnern kann. Aber wie das so bei Qreisen ist,
das Qedächtnis ist schwach. Er hält sich nach-
trägtich für einen üichter, sich und Herrn Wolf-
gang Kirchbach. Er hatte, wie man dank dem
Berliner Tageblatt erfährt, im Jahre 1904 seine
Werkstatt nach Berlin verlegt. Hauptsächlich,
um Heinrich Wölfflin zu hören, „der die inter-
nationale Kunst des neunzehnten Jahrhunderts in
feiner gehaltvoller Darstellung und anregender
Gegenüberstellung urspriinglicher und epigoni-
scher Erscheinungen, von Lichtbildern begleitet,
unserm genießenden Verstehen frisch einprägte."
Herrn Karl Henckell seine epigonische Erscheinung
frisch einzuprägen, wenn auch ohrte Lichtbilder,
zwingt mich folgender Satz: „Peter Hille, vorher
schon ein Märtyrer des literarischen Snobtums,
fiel nach einer Kabarettnacht erschöpft von einer
Art Obdachlosenbank bei Berlin und gab im La-
zarett den reichen, genialisch tief versonnenen
Ceist auf." Wenn jeder fünfzigjährige Staats-
bürger es schon für seine Pflicht hält, seine Auto-
biographie herauszudrucken, die nur in tatsäch-
lichen Irrungen besteht, sollte er sich wenigstens
hüten, irrige Tatsachen änzugeben. Außer dem
Anfangsbuchstaben hat Herr Henckell mit Hille
nichts zu tun. Was kann schließlich Peter Hille
dafür, äaß Herr Henckell ihn überstarb. Peter
Hille war nie ein Märtyrer, wohl aber Herr Hen-
ckell. Sein Martyrium ist noch heute nicht zu
Ende. Das literarische Snobtum hat sich nie um
Peter Hille gekümmert, aber für Herrn Henckell
scheint es sich zu interessieren. Und was die
Tatsachen betrifft: Hille fiel nicht von einer Ob-
dachlosenbank, er wurde ohnmächtig infolge sei-
ner schweren Krankheit, der Qesichtsrose, an
deren Folgen er bald darauf starb. Die Leute,
die sich keine Mühe gaben, ihm in seinem soge-
nannten romantischen Leben zu helfen, sollten
sich nicht die Mühe nehmen, seinen Tod mit
Kitschromantik zu umhüllen. Dazu war Peter
Hille ein zu großer Dichter. Wenn man aus der
Werkstatt berichtet, muß der Schuster bei seinen
Leisten bleiben. Nur keine poetischen Hand-
werker!

Religiöser Wahnsinn?

Aus Stuttgart ist zu melden, daß Herr Tafel,
Kunstkritiker des Stuttgarter Neuen Tagblatts in
religiösen Wahnsinn gefallen ist, oder daß er Gott
lästert wie die Kunst. Er verhöhnt die Sprache
der Bibel, schließt zum Beispiel eine Besprechung
iiber die Ausstellung von August Macke so: „Und
damit entlasse ich diesen verirrten August in
Frieden. Auch für ihn wird kommen der Tag, da
er ausgeblufft hat und da es von ihm heißen wird:

Aiso auch, sage ich Euch, wird Freude seyn vor
den Engeln Gottcs iiber Einen Sünder, der Buße
tut." Dem Herrn Tafel soii vor seiner Qottähn-
lichkeit bange werden. Schließlich braucht man
slch nicht Sau nennen zu lassen, auch wenn man
Perien vorwirft. Das werden die Qerichte be-
stätigen. Oder man wird seine Unzurechnungs-
fähigkeit feststellen. Auch hierzu sind die Ge-
richte nötig, wenn sie auch hierzu nicht nötig sind.

Ich bin gesessen

Er ist gesessen, Herr A. Egger-Lienz, vor
den Oelgemälden des Franz Bunke. Herr Bunke
ist der Meister, der Poet durch und durch, ein
Vermenschlicher der Natur, seine Bilder sind
menschliche Zustände, gesehen im Spiegel der
Natur. Noch mehr: Zu der heutigen Schwindel-
kunst steht er wie ein Klassiker, der Jahrhunderte
überdauern wird. Herr Egger-Lienz ist mir die-
sen Artikel geschickt, er hat von Bunke begei-
stert, nachdem er gesessen ist: „Ich bin stun-
denlange vor diesen Bildern gesessen, die auf den
ersten Blick so kunstlos wirken wie die Natur sel-
ber, die aber immer lebendiger ihre Schönheit er-
schließen, je mehr man sich darin vertieft." Die
Folgen des Tiefsinns machen sich auch bei dem
Oelmaler Egger-Lienz so stark bemerkbar, daß
er in Essig getaucht zu sein scheint: „Insofern
eine Sache an ihrem Qegensatz am besten ver-
standen wird, wünschte ich das äddierte Qestam-
mel des Cezanne oder seiner Nachahmer Lieber-
mann und Konsorten gemalte Qähnkrämpfe neben
den breiten Fluß dieses schlichten Vortrages zu
hängen." Nicht etwa des schlichten Vortrages des
Herrn Egger-Lienz sondern des abgesessenen
Bunkes. Aber auch von dem Oelmeister Egger-
Lienz gibt dieses Bild eine schöne, poetische Na-
turstimmung: Qähnkrämpfe hängen neben den
breiten Fluß des Vortrages. Wenn der Altöl-
meister das nicht malt, soll er sich aufhängen oder
in den breiten Fluß stürzen. „Hier ist nichts Sug-
gestives — nur positives Leben." Suggestiv ist
schiießlich Herr Egger-Lienz auch nicht, auch sein
positives Leben erscheint mir recht unnatürlich.
Er ist vielmehr ein menschlicher Zustand, der bei
aller Addition mit Bunke Qestammel bleibt.

Der natiirllchste Naturmaler

In München ist man immer noch künstlerisch.
Man gibt Münchner Künstler-Bilderbücher heraus.
Auch die Kindlein sollen zu ihrem Pecht auf
Miinchener Kunst kommen. „Der Künstler hatte
dabei verschiedene Ziele im Auge. Einmal wollte
er die Natur nicht nur als malerische Staffage be-
handeln, sondern auch dem Kinde eine genaue
Kenntnis davon verschaffen. Die Bäume zum
Beispiel sind so gezeichnet, daß die bei uns vor-
kommenden hauptsächlichsten Arten durch ihre
ATerkmale sehr wohl unterschieden werden kön-
nen." Umsomehr anzuerkennen, als der Maler
Ziele im Auge hatte. Aber der Beschauer fordert
mehr von der Kunst, wenigstens möchte er es
nicht missen: „Auch die Pomantik, die der Be-
schauer der deutschen Landschaft nicht missen
möchte, kommt durch Darstellung von alten Bur-
gen und Gemäuer zum Ausdruck." Da ist posi-
tives Leben. Wenn der Oelmaler Egger-Lienz
noch einen Bunke braucht, stelle ich ihm den Na-
men des kenntnisreichen Romantikers zur Verfü-
gung. Ich kenne noch viele Bunkes!

Prachtausgaben

Kinder, es ist eine Pracht, die neueren Klas-
siker werden billig, hervorragend wie sie sind,
erleiden sie eine „hervorragende Preisherab-
setzung". Ein Berliner Verlag liefert statt Mark

für Mark 1.25: A. von Chamisso: Frauenliet" nud
Leben, Prachtausgabe im handiichen Groß-Oktav-
format mit 10 farbigen VoIIbildern und vielen
Pandleisten von Prof# F. Klein-Chevalier. Die-
ser Klein-Chevalier bemalt jetzt das Kammer-
gericht, Frauenliebe und Leben. „Seine ausge-
prägte bedeutende Individualität brachte den
Künstler bald in die vorderste Peihe bahnbrechen-
der moderner Meister und diirfte seine hervor-
ragende Kunst auch im vorliegenden Prachtwerk
ungeteilten Beifall finden." So denkt die Groß-
Presse tiber Klein-Chevalier. Ehret eure moder-
nen Meister, in elegantem Halbleinenband nur
Mark 1,25.

H. W.

Sancta Susanna

Ein Qesang der Mainacht

August Stramm

Susanna
Klementia
Eine Magd
Ein Knecht
Chor der Nonnen
Eine Spinne

Nachtigallen Mondschein Wind und Blüten

Klosterkirche

Zitternde Mondscheinstreifen; in der Tiefe von
dem Hochaltare das ewige Licht, in der
Mauernische vorne Iinks vor dem überlebensgro-
ßen Bilde des Qekreuzigten eine brennende m a s -
sige Kerze.

S u s a n n a (liegt vor dem blumengeschmück-
ten Altar der Himmelskönigin, der in der Nische
rechtwinklig neben dem Kruzifixaltar steht, im Qe-
bet, die Stirn auf die unterste Stufe gelegt, die
Arme über die oberen Stufen gebreitet)

Klementia (einige Schritte hinter ihr) ....
sancta Susanna! . . . (sie legt die Hand auf Su-
sannens Schulter).

S u s a n n a (richtet sich auf).

Klementia: die Nacht ist angebrochen! . . .

S u s a n n a (geistesfern) . . . es klingt . . .
ein Ton . . .

Klementia: Die Orgel tönet nach! . . .

S u s a n n a: . . . mir ist . . . a!s klängen . . .
bodenlose Tiefen . . . himmellose Höhen . . .

Klementia: . . . Ihr kommt daher . . . Ihr
wart bei Qott!

S u s a n n a (in Sinnen): . . . Ich . . . war . . .

Klementia: . . . Ihr seid krank . . . Ihr be-
tet... Ihr lebt kaum mehr auf dieser Erde ...
Ihr habt auch einen Leib!

S u s a n n a (erhebt sich, starrt sie schreckhaft
an)

Klementia (legt den Arm um sie):
... kommt!

(die Turmuhr schlägt hell einmal; der Nacht-
wind rtittelt die Fenster, die Zweige rauschen)

KI e m e n t i a (in sich): Ave Maria! . . .

S u s a n n a (fährt auf): . . . wer spricht?! . . .
Klementia: Der Nachtwind wirft die BIü-
ten gegen die Fenster . . .

Susanna: . . . Es rief etwas . . .

Klementia: Die Turmuhr schlug . . . ich
sprach das Ave . . . (ein Fenster schlägt, der
Nachtwind bricht ein in singend verklingendem
Ton; Blätter und Zweige rauschen und raunen
herab zu flüsterndem Säuseln)

S u s a n n a (wendet sich mit Händen, die nach
abwärts vom Körper gestreckt sind, zum dunkeln
Chor, lautlos, starr)

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