Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 150
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Kritiker

Dereinst

„Die Aussteitung wird — wie die erste Aus-
steltuiig dieses Künsttervereins, natüriich manchen
Widerspruch wecken, aber auch manche Anregung
geben. Sie zeigt atterhand Unausgegorenes und
ganz Veriehites neben nicht wenigen Arbeiten, die
von Entwicktung und Fortschritt zeugen aus An-
iängen heraus, die man dereinst nicht ohne berech-
tigtes Mißtrauen beobachtet." Während das
Forttassen des schtichten Hitiszeitworts „hat" aui
besonders natürlich tyrische Begabung hinweist,
scheint mir hier mehr eine Hitie ats kein Verbum
vorzuhegen. Sonst hatten die Herren stets etwas
hinzuzuiügen. Insbesondere tat dies auch Herr
Fritz von Ostini, der Dichter der Jugend, der sich
bei ihr und bei den Münchener NeuestenNachrichten
auf sein Attenteit gesetzt hat. Jetzt treibt er
neue Keime. Aber da man im Monat Februar noch
nicht wissen kann, ob das Wetter beständig bieibt
oder ob man sich iieber auf seine Unbeständigkeit
veriassen soi), so denkt man sich die Jugend a!s
eine Münchener Neueste Nachricht und iäßt der da-
durch entstandenen Berechtigung zur natüriichen
iyrischen Begabung durch Fortiassen freies Was-
ser. Und seibst wenn der Drucker nur ahnte, wies
ihm das Herze drückte. Einst kann man es
auf den Druck oder auf die Gesinnung schieben.

Dereinst war es anders. Ais in grauer Vorzeit
im Jahre 1914 das Unausgegorene für die starken
Münchener Verhältnisse noch iange nicht trinkbar
genug geworden war, da weckte es manchen na-
türlichen Widerspruch. Selbst abgestandenes Bier
ist noch besser als gar keins. Jetzt wird es teuerer.
Die Zeit bringt es mit sich. Die Zeit von 1915
nimmt, was sie in keiner Zeit vertragen kann. Nun
hat sich aus den Anfängen etwas recht Beträcht-
liches entwickelt. Es wird sichtbar. Die Künstler
kämpfen und die Nachfolger siegen. Die Firma ist
da, ietzt kann man Geschäfte machen. Der böse
Name hat sich zu einem stattlichen guten Namen
entwickelt und das Blühen muß rechtzeitig zu
München angekündigt werden. Sieht man doch
schon in Berlin die Bäume in den Himmel wachsen.
Und dieser Zustand ist gerade noch zu beobachten.
Wenn die Bäume erst im Himrnel angekommen
sind, versagt die Natur, die Brille beschlägt sich
und der Kunstkritiker hat das Nachsehen. Darum
entschließt er sich zur Nachsicht, wie es die Vor-
sicht gebietet. Wie sollte er im Jahre 1916 sageu
können, was dereinst im Jahre 1915 war, und wo
er das Dereinst von 1914 zur Kunstgeschichte ge-
legt hat. Die modeme Zeit lebt schnell, der mo-
derne Mensch stirbt noch schneller. Früher saß
der Kunstwissenschaftler auf den Jahrnunderten
und konnte infolgedessen nicht nnter sich sehen.
Dann legte er sich auf die Jahrzehnte, der ver-
gangene Mensch war behäbig und er konnte das
schnehe Wechseln der Jahrzehnte nicht vertragen.
Nun stellt er die Jahre auf den Schreibtisch. Ein
Rückschlagen per ultimo im Abreißkalender, und
das Dereinst steht noch da. Man überblickt. Drei-
hundertfünfundsechzig Tage sind eine Ewigkeit,
die man nachrechnen kann. Nicht umsonst gehört
man zu den Gebildeten aller Stände. Es iäßt sich
iiberblicken. Die Kinder wissen nie, wie gut der
Onkel es meint. Aber später weiß der gute Onkei,
wie gut er es gemeint hat. „Eine gewisse Einheit-
lichkeit des Zieles ist unverkennbar." Die Familien-
instinkte beginnen zu sprechen. „Jenes Ziel istwoh]
die Schöpfung einer an die Natur nicht mehr wie
bisher gebannten Malerei, einer Kunst, die inner-
liche Empfindung ohne unmittelbare Abhängigkeit
vom Vorbild geben soll." Die Natur war also der-
einst ein Vor b i I d. Der Herr Künstler schuf das
Nachbild und der Kunstkritiker stellte sich zwischen

die beiden Bilder und war erst dann zufrieden, wenn
er beim Umdrehen das Vorbild fiir das Nachbild
hielt. Die Nachbilder waren zum Greifen ähnlich,
weil er sie beim Umdrehen für Vorbilder gehalten
hatte. An den Vorbildern stieß er sich den Kopf,
sodaß er das Nachbild zwar noch greifen, aber
nicht mehr sehen konnte. Doch soiche Verdrehun-
gen machen viel Spaß. Und den Onkeln gefallen
die Spiele, die sie sich für die'Kinder ausdenken,
besser, als den Kindern, die iiebcr mit den Onkeln
spielen. Aber sei dem, wie es auch sein wolle, die
Familie ist erkannt und die unmittelbare Abhängig-
keit wird mittelbar. Vom Mädchen reißt sich stolz
der Knabe, vom Vorbild das Nachbild, und stürmt
ins Leben wild hinaus. Und erst, wenn das Mäd-
chen allein ist, merkt es, daß dereinst der Knabe
da gewesen war. Früher nannte man dieses Ziel,
das durch die Familienähnlichkeit erkannt wurde,
Verrücktheit. Heute: „Farbe nur um der Schönheit
der Farbe wtllen. Ausdruck ohne Riicksicht auf
die Genauigkeit der Form." Genau so haben sich
das die Künstler gedacht. Schließlich gibt es ia
verschiedene Nasen. Und wenn die Künstler
jetzt nur auf die Einheitlichkeit ihres Zieles Wert
legen, mein Gott, dann läßt man sich schon einma)
eine Nase drehen. Heute werden sogar die natür-
lichenNasen operativ geändert. SoII man sich des-
halb wegen einer schiefen Nase von den „jungen
Kunstgelehrten" fortwährend in die Finger schneiden
lassen, die man doch zum Schreiben braucht. Wenn
nur die Form bleibt, da wollen wir nicht mehr so
genau auf die Genauigkeit achten.

„Aber wenn die mit soviel Leidenschaftlichkeic,
Opfermut und Wiliensaufwand eingeleitete Bewe-
gung nur den Zweck erreicht, von inhaltslosen
Formeln, von der leeren Fertigkeit, vom Schablo-
nenhaften zu erlösen und die Schaffenden dazu zu
führen, daß jeder seinesWesens eigenen Ausdruck
sucht, dann hat das alles auch schon Früchte ge-
tragen". An ihren Früchten kann Herr von Ostini
die Bewegung allerdings noch nicht erkennen, weil
Früchte tragen für die Bewegung etwas beschwer-
lich ist. Und: „Wer kann ohne lange Prüfung zwi-
schen der wahrhaften Eigenart, die sich ins Exzen-
trische verirrt und der gesuchten Wunderlichkeit
unterscheiden, die bloß durch Neusein um jeden
Preis verblüffen will?" Jedenfalls mcht Herr von
von Ostini, nicht einmal nach Ianger Prüfung. Wer
nicht konzentrisch ist, irrt sich exzentrisch. .Man
wandert planlos in der Kunstkritik umher und trifft
„die wahrhafte Eigenart", die sich nicht veiirrt hat.
Ja, wer kann das unterscheiden? „Wer zwischen
dem, der etwa die Form vergewaltigt im irrtüm-
lichen aber ehrlichen Streben nach besonderem
Ausdruck und dem, der die Form verzerrt gibt, weil
er sie einfach nicht beherrscht?" Jemand, der irr-
tümlich aber ehrlich vergewaltigt, kein Engel ist
so rein. Wie verzerrt er aber, was er nicht be-
herrscht. Es ist nicht so einfach, Früchte zu tragen.
„Daß eine viel viel farbenfreudigere Kunst als die,
die wir bisher hatten, denkbar ist, können wir aus
dieser Ausstellung erfahren." Das erfährt Herr von
Ostini aus einer Ausstellung, die die Nachahmer der
neuen Kunst noch in unserer Zeit enthält. Er liebt
nun einmal die Nachahmung. Nach der Natur
frtiher.nach dcn Ktinstlern jetzt. Herr von Ostini
aber wird vielleicht dereinst im Jahre 1916 wlssen,
was er dereinst im Jahre 1915 nachgesehen hat.

Es geht nun einmal nicht

Während Herr von Ostini in den Aliinchener
Neuesten Nachrichten und fast alle KoIIegen in
Berlin schon ganz behutsam in den Tag blinzeln,
zieht sich die München-Augsburger Abendzeitung
in die Nacht zurtick. Sie hatte gehofft. „Einige
Voreilige hatten erwartet und verkündigt, daß die
großen Begebenheiten unserer Zeit gewisse Er-

scheinungen in der künstlerischen Produktion un-
serer Tage, die man nicht mit Unrecht als Ans-
wüchse bezeichnete, hinwegfegen würden auf
Nimmerwiedersehen." Dieseibe Nachahmer-Aus-
stellung in München hat diese Hoffnung „zu schan-
den gemacht". Aber immerhin, die München-Augs-
burger Abendzeitung Iobt die Nachahmer über den
Paul Klee, den einzigen Künstler, der aus dieser
Ausstellung nicht hinweggefegt wurde. „Gemein-
hin werden solche heftige Entgleisungen, wie sie
namenthch wieder Herrn Pau] Klee begegneten,
damit entschuldigt (oder vielmehr erklärt) daß man
sagt: es kommt bei der Füllung einer Leinwand
oder einer Tafel nicht auf den Stoff und nicht auf
die Darstellung an, sondern auf den Rhythmus der
Linien, auf die Schönheit der Farbenzusammen-
stellung, auf die Ueberwindung der Gegenständlich-
keit." Die München-Augsburger Abendzeitung ent-
gleist, trotzdem sie schon auf dem richtigen Gieis
fahren wollte, sie entgleist, ohne es zu merken.
Denn sie oitdet sich ein, einer heftigen Entgleisung
begegnet zu sein, trotzdem sie selbst umgeschmis-
sen war. Wer das Unglück hat, braucht für den
Spott nicht zu sorgen. Wenn die Abendzeitung das
Licht nicht sieht, obschon es ihr beinahe in die
Augen fällt, sollte sie Paul Klee in ihrer Dunkelheit
ungeschoren lassen. „Wer das Bedürfnis empfindet,
sich solcher Art künstlerisch auszuleben, soll Tep-
piche zeichnen und sein Geflunker nicht „Gedanken
an die Schlacht" oder „Ausbiick aus einem Wald"
nennen." Man sollte der Abendzeitung einen künst-
lerisch ausgelebten, gezeichneten Teppich schen-
ken, und damit ihr das Geflunker in den Mund
schließen, das sie Kunstkritik nennt.

Aber alle Hoffnung ist noch nicht zuschanden.
Die Gruppe ist „wenig homogen, neben ganz Wil-
den findet man Künstler, die man zu den sanften
Idyllikern zu zählen gewohnt ist. Ich tadele das
nicht, denn wenn . . . Entwicklung . . . zu ihr be-
kennen . . ., so sind es diese sanften Mitglieder.
Ohne Konzessionen — so hart das Wort ist: es
muß heraus! — geht es nun einmal in der Kunst
nicht." Aber Kunstkritiken darf man noch immer
ohne Konzession schreiben. Es geht nun einmaL

Herwarth Walden

Kräfte

August Stramm

Ein Ehepaar

Ihre Freundin und sein Freund

I

Die Parkbäume spielen Schatten durch Fenster
und Tür.

Sie: (am offenen Fenster, starrt hinaus, wendet
jäh, stemmt die Faust)

Frauenlachen (aus dem Park)

S i e (gurgelt, zischt, krampft): so (bebt ins Zim-
mer) so! (stürzt zum Spiegel, streicht Haar und
Gesicht, wendet, starrt hilflos, tonlos nachspre-
chig) schön unbeschreiblich anmutig
Welke Blätter (büscheln durchs Fenster)

S i e (rast, zertritt, stampft, schleudert): Moder!
(erstarrt, nestelt ;ein Blatt aus dem Haar, hält
die ausgestreckte Hand, versinkt) Wer? (krallt
das Blatt, schlägt die Luft, stößt den Fuß, er-
schrickt)

Frauenlachen s.unter dem Fenster)
Mannstimme (lookt): Schatz! Schatzi?!
Fraustimme (fragt): huhu?

Mannstimme: hörst Du?

S i e (schüttelt Krampf)

Mannstimme: wir wollen reiten
Fraustimme: herrlich

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