Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 135
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HberhaBdnehrnen. Denn: „Die Regierung der Mit-
telmäBigkeit ist die größte Getahr iiir sie. Die
Leute, die wegen geseiischaftiicher Tugenden und
guter BaUmanieren heraus Ansehen in den Kunst-
kreisen bekommen, sie dürien niclit regiereti, wenn
sie nicht erste Künstier sind." Detunach scheint
München ganz merkwiirdige Kunstkreise zu haben.
Der Künstierpräsident seibst hat aber keine geseii-
schaftÜchen Tugenden: „Wir haben eineii Primi-
tivismus aufkommen iassen. haben das uureife
Stammein großgezogen und uns nicht getraut. dort
mit Dreschüegein hineinzuhauen. wo es wirkiich
notwendig gewesen wäre; wir aiie sind damit in
eine gewisse unwürdige Abhängigkeit von einigen
Knnstgetehrten gekommen und haben auch in der
Presse ihnen zu stark gegiaubt." Warum ziehen
wir erst das Stammein groß, wenn wir es nach-
her mit Dreschfiegein verhanen woilen. Wir haben
eben das Stammein nicht großgezogen. Vieimehr
ist den großen Mitteimäßigkeiten das Stammein von
Büdern zwar nicht dnrch Dresdifiegei. sondern
durch gute Bitder so verleidet worden. daß sie ihr
Stammein statt mit Farbe mit Drnckerswärze no-
tierten. So kam wenigstens e i n e Farbe heraus.
Und was die großen Mitteimäßigkeiten nicht er-
reichten. iiämiich die neue Kmist. das heißt iiber-
haupt die Kunst zu töten, soH ietzt der Krieg für
sie tun: „Was den Kindern criaubt ist, woiien ernst-
hafte Künstier fiir sich beansprnchen. Hoffentiich
macht der Krieg mit diesem Spieierisch-Kindischeu,
diesem Biöd-Frechen in der Kmist bei uns in
Pcutschiand wenigstens ftir immer ein Ende." Wo-
bei sich imr wieder fragt, was man fiir spieierisch-
kindisch mid fiir biöd-frech häit. JedenfaHs, Herr
Kiinstierpräsident, geben Sie zu, daß sogar für
Sie ernsthafte Künstier etwas für sich beanspru-
chen, was den Kindern erlaubt ist. Man soii seibst
ats Präsident nicht so erhaben über Kinder sein.
Eine Erztehung mit Dreschftegetn hat manche Nach-
teite. Eine Erziehung überhaupt auch. setbst wenn
gute BaHmanieren dabei herauskommen und ge-
seiisciiaftiiciie Tugenden. Der Verstand der Ver-
ständigen reicht nicht an das kindiiche Spiei heran.
Und ein Künstier, der nicht spieien kann, soii sich
tn seinem Ernst begraben lassen.

Lissatter wacht

Engiand tränmt schwer . . . seine Wäider murren,

Der Himme! tönt,

immer heiier, immer schneiler,

Horch, es brausen die Propeiier.

Engianü tränmt . . .

Engtand stöhnt.

(Nachdruck mit Queiienangabe eriaubt)

Ernst Lissauer

Lissauer wacht sehr . . . seine Verse surren

Deutschiand stöhnt,

immer dichter, immer grauer

Horch, es sausen die Lissauer.

Lissauer wacht . . .

Deutschiand stöhnt.

(Queiienangabe: B. Z. am Mittag)

H. W.

Erkenntnis

ich habe Wein gegessen,
trunkeii fauchte mein Aug;
ich habe Sterne gemessen
uiid meine Seeie war die Zahi.
Entschwang ich rnich,
iieiier urid dunkier mich mengend
in fernes Geseei toter Vöiker,
tobte ich meianchoiisch dahin

in engverschntirten Versen
oder freihingießend die Worte,
nicht war in Wein und Stern und Wort
die Lust zu groß.

Und weiser ist, wer gar nichts weiS,
und nur,

wie süß eiu Frauenmtmd
der Zuiige schmeckt.

Aibert Ehrenstein

Expressionistische

Architektur

Adotf Behne

Aus dem Sturmbuch VH: Adoif Behne: Zur iieuen
Kunst

Wer bei „Expressionismus" nur aii bestimmte
Farbenstimmungen denlct, wii d nicht einsehen woi-
ien, inwieierii auch eine Arciiitektur expressioni-
stisch sein kann. Steiit man sich aber aui den Stand-
punkt, daß aiie künstierischen Erregungen, die tie-
fer gehen, gerade in der Architektur ais der streng-
sten und reinsten der biidenden Küiiste einen deut-
iichen Ausdruck finden müssen, wird man den Ge-
danken einer expressionistischen Architektur nur
natüriich finden.

Wenn es wirkiich eine expressionistische Archi-
tektur geben soit, so muß es auch eine impressioni-
stische Architektur geben! Soii das im Ernst be-
hauptet W'erden? AHerdings, nur muß man beim
Kiange des Wortes „impressionismus" nicht ge-
rade seine Definierung ais Heiimaierei, Bewegungs-
darsteiiung, Kunst des fiüchtigen Augenblicks im
Sinne haben und nun etwa von einer impressioni-
stischen Architektur ein bewegiiches Pendant zu
Liebermanns Poiospieiern erwarten. Der Sinn des
Impressionismus iiegt, wie wir gesehen haben, viei
tiefer. Er heißt: Unterotdnung des künstierischen
Schaffens unter eine nicht im Wesen der Aufgabe
Hegende Vorsteiiung oder Idee. Und in diesem
Sinne nenne ich zum Beispie] die Architektur der
Riemerschmidschen Arbeiterhäuser in Heiierau im-
pressionistisch. Ihre Gestaltung ist nicht einzig und
ailein aus den Gegebenheiten entwickelt, ihre Form
ist nicht das organische Produkt der schlichten Tat-
sächlichkeiten, sondern es ist in ihre Erschaffung
hineingemischt ein äußeres, fremdes Eiement, nen-
nen wir es Rothenburg oder Ait-Nürnberg. 1hm tritt
der expressionistische Architekt gegenüber. Dieser
steigt in das Wesen seiner Aufgaben ganz tief und
ganz gespannt hinab, noch ohne jede Vorsteiiung
einer bestimmten Ordnung, einer bestimmten For-
mung. 1hm 'ergibt sich stets aiies aufs neue vom
Grund aus, er schafft ganz von innen. Notwendig
ist ihm jede Form etwas Einmaliges, weii niemals
bei einer neuen Aufgabe die genau gieichen Bedin-
gungen wiederkehren können. — Er hält sich afles
fern. was von außen ais Formgesetz, ats Einfluß, als
Macht herantneten könnte. Da seine Häuser ganz
von innen heraus werden, müßte eine solche Macht
auf sie wirken wie auf eine wachsende; Pfianze ein
fremdes künstliches Licht.

Wenn es sich zum Beispiel um den Auibau einer
Fassade handelt, so sind die elementaren Kunst-
mittel: die Wand, ais Vord-erwand und sichtbare
Dachfiäche, und ihre Oeffnungen, Türen und Fen-
ster. Dies sind die ersten, die seibstverständiichen,
die natüriichen Eiemente für das Aeußere eines Hau-
ses, soiange Bau<en Bauen ist, sind die ganz sach-
iichen Grundiagen für den Aufbau einer Fassade.
Aites andere, griechische Säuien, Frontispize, Ba-
rockkartuschen, Karyatiden, Türmchen, ist abgeiei-
tet, ist berangehoit. (Dagegen sind Erker und Bai-

kon an manchen Orten, zum Beispiei in Beriin,
nahezu eiementare Bedingungen, da sie von der
Baupoiizei eriaubt und atso vom Bauunternehmer
absoint gewünscht werden.) Geht nun ein Archi-
tekt beim Schaffen seiner Fassade von einem En-
sembie griechischer Säuien aus, weii er sie „liebt",
oder von der Idee einer Pokokodekoration oder
einer toskanischen Viiia, so gieicht sein Vorgehen
prinzipieii dem des impressionistischen Maiers.
Beidc ordnen sie das Leben der eiementaren, dei*
sachiichen und daher natüriicheii Kräfte einer von
außen genommenen VorsteHung unter, sei diese
nun die Uebereinstimmung mit einem Eindruck der
icbenden Wirkiichkeit oder eine von vornherein ge-
wünschte, ganz bestimmte architektonische Wir-
kuiig historischer oder sentimentaier Art! Ein soi-
cher Architekt schafft, ob er 'eine Kirche odei* einen
Bahnliof oder ein Mietshaus baut, stets nur über an-
derem Grmidriß s ei n e Architektur, s ei n e Formen,
s e i n e Gliederungen, s e i n e 11 Rhythmus! Dem
impressionistischen Architekten ist der „Eindruck"
den das fertige Haus auf jeden PaH machen scH, da s
Prius! Ein typ'sches Beispiel ist Luawig Hoffmanns
Beriiner Stadthaus. Es stand für den Baumeister
von vornherein fest, eine Fassade im Stiie der ita-
iienischen Paiazzi zu geben. Nach dein gewähiten
„Charakter", der im architektonischen Schaffeu
durchaus die nämiiche Roiie spieit wie ein Natur-
vorbiid fiir den Maier, bestimmten sich die Maße
der Fenster und ihre Anordnung — die nun fiir die
Bureauräume, die im sachiichen Programm der Auf-
gabe iagen, viei zu kiein und viei zu weit voiiein-
aiider getrennt sind. Die enorme Breite der Pfei-
ier zwischen den einzeinen Fenstetn war freiiich
absoiut notwendig, wenn anders der Eindruck des
„Patazzo" resuitieren soiite.

Wie kann man ein soiches Bauen. dem der fer-
tige Außeneindruck das oberste Prinzip ist. das
rückwärts aiie die aus der Sache, aus den Grund-
iagen, aus dem faktischen Programm fiießenden
Kräfte unterbindet, besser als mit dem Schiagworte
„impressionistisch" bezeichnen? Demgegenüber
wähit ein Taut, ein Loos die Maße der Fenster so
groß, wie es für ein heiies, frohes und lichtes Zim-
mer zu wünschen ist, und schafft aus ihren Oeff-
nungen und der verbieibenden Wand sein Kunst-
werk. Das Mit- und Gegeneinanderwirken dieser
beiden ursprüngiichen Eiemente muß die Fassade
„biiden". Nichts datf von außenher angebracht
werden; auch der Sclimnck, der natüriich nicht ver-
pönt werden muß, hat sich von innen heraus zu er-
geben.

Empfohiene Bücher

Die Schrifdeitung behäit sich Besprechung der hier ge-
nannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits eine
Empfehiung. Verieger erhaiten hier nicht erwähnte Bücher
zurück, faiis Kückporto beigefügt wurde.

Patd Ciaudei

Goldhaupt I EinTrauerspiei
in drei Teiien
Heiierauer Veriag i915
Hellerau bei Dresden

Adoif Behne

Zur neuen Kunst
Verlag Der Sturm

August Siramin

E r w a c h e n
Verlag Der Sturm

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