Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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vcrgeBiicher Schönheit und Göte, ich fiihie seinen
-T^Iaug wieder in aüea meinen Poren und hörte sei-
aesgieichea doch aoch aie zuvor! Und wer bist du
ergenttich, sage cs tnir dena im tiefsten Innern
ersc'teini es mir, unsagbar süß, als habe ich dich
mdin ganzes Lebea gekannt, als habe ich immer an
deitter Seite gewandert — bist du eine Schwester
voa mir oder wer bist du? komm, ich bin noch ein
wenig verwirrt und müde, iaS meinen Kopf, der
schwfndlig ist, sich an deine Brnst iehnen und den
äeMicheu loa des Gliickes hören, der rein und un-
watM'brochett da drinuen stngt, taß mich in Schlaf
M&eq, während tch ihm lausche! ....

bfoch eine Weile gab er sich völlig diesem
mystischeu GeuieSett hin; konnte geheimnisvoll
-zuf' selbeu Zeit gdückselig dort Itegen, den Nacken
i'St dem SchoS dct* Gehebtett ttnd Fremden — und
tröizdetn teibhaftig daneben stehen und dankbar
sie tmd sich sclbst betrachten.

Bis er attmähhch ganz nach und nach anfing,
sich über ein schwaches, aber auffaitertdes, ein
gfeichsam köruiges Gefühi in seinen Lippen zu
wandern — nun auch über ein außerordentiich
Maes Knirschea da drinnen an seinen Zähnen!

Seuaruhigt, gleich darauf gereizt, schiießiich
zqtrttig über diese Störung seines Friedens, erhob
ef mft etuem Ruck den Kopf, sah sich um —:

Was war denn das?

Was war dies hier nur einmat??

Wo war er dettn — wie ging dies aties zu???

Er erkannte ptötztich, daß er wirktich ganz ein-
faeh an der Erde !ag, auf der Nase, war er gefallen
— gestrauchelt, wann, wie?

Mit einem Ruck erhob er sich auf die Knie, mit
Meischwerem Nacken, schmerzenden Schuitern, mit
eiaem sonderbar spitzen und stecheuden Gefühl in
sefnem Herzen, wie von einem Splitter, der quer
atnrin saß; er starrte um sich — und begriff dann
MKHich, daß er a!so kurz und gut in seinem Garten
%ag„ der Länge nach an dem Bohwerk ausgestreckt,
es war Nacht. war cr umgefaiien, indem er ganz
nmerwartet eingeschlafen war, oder nachtwandelte
er? Höchst merkwtirdig dies alles, es tat abscheu-
Kch weh in seiner Brust — und in dem Daumen
dter Ünken Hand!

Aber dann kehrte jäh und völlig sein Bewußt-
6W zurück.

Ef lachte.

Kam mit ein tdein wenig Mühe wieder auf die
FitMIe, fühtte sich etn bißchen schwindiig drinnen
tAnter der Stirn, weich in alien Knochen.

Wurde piötzlich von Dankbarkeit ergriffen bei
dem Gedanken daran, daß doch offenbar und Gott
ser gelobt niemand dieses lächerliche und, miide
gesprochen, dieses unappetithche Geschehnis ge-
sehen hatte!

Er iachte von neuem — heiier ais vorhiu. Bog
sich darauf mit etwas Schwierigkeit vornüber, und
begann augestrengt, sich die Kieider von oben bis
Nmten abzubürsten; zog schließiich auch uoch seine
Facke aus, um zu untersuchen, ob uicht auf dem
Röcken auch noch Spuren seien. Endlich in dieser
Beziehung beruhigt, begann er immer mehr
lächetud. leichten Mutes, schwer trampelnd über
dte Stelle hin und her zu wandern, wo er gelegen
hatte, um auch dort kein Zeichen davon zu hinter-
lassen, daß er da gelegen hatte

Er sah sich mit den Augen zwinkernd um,
sbrengte sich an, durch die Dunkelheit hindurch das
ganze noch ein letztes Mal zu überschauen, rieb
sfch unwßlkürtich über die Brust hin, wo es immer
aoch schmerzte und stach — und entsann sich
darauf seiner Zigaretten.

„Ja!" — sagte er haibiaut, bewegte die Lip-
pea gegeneinander — „ich giaube wohi, daß ein

Mundvoli Rauch sich vorzügiich in dem Ensembls
ausnehmen wird, ganz einfach!

Ich habe beständig, so scheint es mir, diesen
häßiichen Erdgeschmack noch in meinem Gaumen!

AIso Feuer!"

Er zog das Etui heraus, öffnete das kleine
Schioß mit einiger Miihe, ergriff mit unsicheren
Fingern eine Zigarette, steckte sie in den Mund,
wühite eine Streichhoizschachtel heraus, bekam
endtich Feuer.

„Ah!" — murmeite er nach dem ersten Zug —:

„Herr du meines Lebens, wie deiikat das
schmeckt, ganz prima!" — währenddessen durch-
rieseite ilm ein sachter Käiteschauer, er wunderte
sich über die Worte, die er eben ausgesprochen
hatte — denn in Wirkiichkeit erfüiite ihn der Ta-
baksrauch in diesem Augenblick nur mit Ekel; er
warf nun also den Stummel weg, fühlte sich da-
durch beruhigt, sah iiber seine Schulter zurück.
Entdeckte dann die Bank, auf der er vor kurzem
gesessen hatte.

Er ging langsam dahin, den Kopf wackeind,
mit noch schmerzendem Daumen, sah einen Mo-
ment gedankenios auf die weißen Gitterstäbe nie-
der, kam darauf zur Besinnung, setzte sich —
iehnte sich piötziich schwer zurück.

Nun, dachte er eine Weile darauf —: hier ist
es ia schön!

Aber woriiber grtibeite ich doch eben noch
nach, als ich vorhin hier saß? ...

Eine Sekunde suchte er vergebens nacii die-
sem Qegenstand.

Er strich sich unentschiossen tiber die Stirn,
wo hier und da noch einige Sandkömer saßen.

Entsann sich dann auf einmal des Namens
Anni... und da war es ihm piötzlich, als ergieße
sich ein Strom von ganz feiner, errötender Wärme
in all seine Qiieder —: Annie, von seiner Gelieb-
ten, seiner Frau, hatte er geträumt, während er
vorhin hier saß!

Fortsetzung fotgt

Die Barfußtänzerin
Käte Fischer

Laß mich im tiefen Tai
deiner firnenweißen Zehen,

über die das Rampeniicht Aipengiühen schminkt,
zwerghaft ein Kietterer sein.

Ich verspreche dir auch, ohne Eispickei und

Bergstock zu kommen.

Laß mich im Miroir
deiner goldgefaßten Nägel

einzigster Voyeur sein. Hier bin ich! Dort bin ich!
Spiegel um Spiegel zeigt mich.

Jetzt konvex, jetzt konkav bin ich baid dorisch,

baid jonisch ein Tempel.

Laß der Lawinen Staub,

den Samum auf mich iosstürmen!

Ich halte mich schon an dem einzigen Härchen fest,
das kein Depilatorium

äus der dunklen Schiucht deiner Hnken großen

Zehe konnte entfernen.

Laß mir ais Trunk den QueH,

der von oben duftig rieseit,

wenn du dann im Beifaii des Publikums dich neigst.

LaB mich — verstatte mir nur

dieses einzige Mai Edeiweiß, Enzian pflückecd

— Tourist seint

Alfred Richard Meyer

Gynäkoiogisches

Die Zeit alier Bummeiei ist endgüitig vorüber^

Wir wissen das!

Die Offiziere mtissen sich schinden. Selbst dte
Herren Stabsärzte.

Leutnant Gutzeit war sehr in diese zeitschin-
derigen Betrachtungen verwickeit. Sein Vetter
Häring war schiechterdings zu keiner Partie mehß
herzukriegen.

Verdammter Schlauch! der allüberall Platz
greift. — Ein Stabsarzt war früher immer zu haben
gewesen, wenn die Herren von der Linie ange-
spannt waren.

Vetter Häring mußte einmal Auskunft geben,
warum ihn der Dienst so hoch nahm.

Er war in die Charitd kommandiert. Aha!
Das war diese sonderbare häibzivile Geschichte,
wo man nur zum Mittagessen Uniform trug.

Natiirlich, das war die verdammte Notlage.
Er war ein sogenannter Streber.

Na, darum doch einmai zu ihm hingestiegen
und ihn zur Rede gestelit! VieHeicht war bei ihm
doch eine Partie zu verquicken.

Bei Stabsarzt Vetter Häring ließ sich Leut-
nant Gutzeit acht Uhr abends meiden.

„Sehr nett von dir! Lebst du überhaupt noch?"

„Ich lebe schon. Lebst du noch?"

Gntzeit erwischte gerade noch die Bücher,
über weiche Häring studiert hatte, und die jetzt
hoch oben auf ein Regal fiogen.

„Donnerwetter! Gynäkologisches."

„Ja. Gynäkologie."

„Sag einmai, die Armee rekrutiert sich aus
lauter deutschen jungen Männern, was hast du
denn mit Weibern zu schaffen?"

„Scherze mir nicht! Ich entbinde zurzeit täg-
Hch Stück drcißig Weiber iu königiicher Universt-
tätskiiuik."

„Nicht mögiich."

„Stiigerecht. Zangen. Beckensägungen. Dle
ieichten Fäiie holt die Hebamme."

„Mensch! Wird denn damit gerechnet, da&
anormai mal Miies Kinder kriegt?" —

Leutnant Gutzeit fragte verbiüffend ernst.

„Beruhige dich, Vetter! Wenn ich im aktiven
Dienste eiumai was entbinden würde, wäre es
wahrscheiniich die Frau Feidwebei."

Hermann Esslg.

Empfoh!ene Bücher

Paul Leppin

Severins Gang in die Finstemis ./ Ein Prager
Gespensterroman

Deiphin-Veriag / München

Paul Zech

Die eiserne Brücke / Neue Gedichte
Leipzig ./ Verlag der Weißen Bücher

Handbuch der Kunstwissenschaft

Herausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben
erschienen Lieferung 13: L. Curtius: Die an-
tike Kunst / Heft 1

Beriin-Neubabeisberg / Akademische Veriags-
geseiischaft Athenaion m. b. H.

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