Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 158
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Schmuck, der Tempel, das Bitd, das Leben eines
Voikes, einer Zeit.

Die Biume öifnet sich beim Dämmern des Lich-
tes. Der Panther duckt sich beim Anbiick der
Beute und seine Kräfte wachsen ais Foige ihres
Anbiicks. Und die Spannung seiner Kraft ergibt
die Weite des Sprunges. Die Kunstform, der Stil
entsteht aus einer Spannung.

Auch Stiie können an Inzucht zugrunde gehen.
Die Kreuzung zweier Stiie ergibt einen dritten,
neuen Stii. Die Penaissance der Antike, der Schon-
gauer- und Mantegnaschüier Dürer. Europa nud
der Orient.

In unserer Zeit fanden die impressionisten den
direkten Ansohluß an die Naturerscheinungen. Die
organische Naturform im Licht, in der Atmosphäre
darzusteilen, wurde ihre Paroie. Sie wandeite sich
unter ihren Händen.

Kunstformen der Bauern, der primitiven Itaiie-
ner, der Hoiländer, Japaner und Tahitianer wurden
ebenso zu Anrtegern wie die Naturformen selbst.
Penoir, Signac, Toulouse-Lautrec, Beardsley, Ce-
zanne, van Qogh, Qauguin. Sie sind alle so wenig
Naturalisten wie Qreco oder Qiotto. Ihre Werke
Sind der Ausdruck ihres inneren Lebens, sie sind
die Form dieser Künstierseelen im Materia! der
Malerei. Das braucht nicht auf das Vorhandensein
einer Kultur zu deuten, einer Kuitur, die für uus das
wäre, was iür das Mittelalter die Qotik war, einer
Kultur, in der alies Forrn hat, Form, aus unserm
Leben geboren, nur aus unserem Leben. Selbstver-
ständlich und stark wie der Duft einer Blume.

Wir haben in unserer komplizierten und ver-
worrenen Zeit Formen, die ieden unbedingt ebenso
erfassen, Wie der Feuertanz den Neger oder das
geheimnisvolle Trommeln der Fakire den Inder.
Der Privatgelehrte steht als Soidat neben dem
Bauernsohn. Beiden fährt der Parademarsch gleich-
mäßig durch die Qlieder, ob sie wollen oder nicht.
Im Kinematograph staunt der Professor neben dem
Dienstmädchen. Im Variete bezaubert die sclimet-
terlingfarbene Tänzerin die verliebtesten Paare
ebenso startk, wie im gotischen Dom der Feier-
ton der Orgel den Qläubigen und Ungläubigen er-
greift.

Formen sind starke Aeußerungen starken Le-
bens. Der Unterschied dieser Aeußerungen unter-
einander besteht im Material, Wort, Farbe, Klang,
Stein, Holz, MetalL Jede Forrn braucht man nicht
zu verstehen. Man braucht auch nicht iede Sprache
zu lesea.

Die geringschätzige Handbewegung, mit der bis
dato Kunstkenner und Künstler aller Kunstformen
primitiver Völker ins Qebiet des Ethnologischen
oder Kunstgewerblichen verweisen, ist zum min-
desten erstaunlich.

Was wir als Bild an die Wand hängen, ist
etwas im Prinzip Aehuliches, wie die geschnitzten
und bemaiten Pfeiler in einer Negerhütte. Ftir den
Neger ist sein Idol die faßbare Form ftir eine un-
faßbare Idee, die Persontfikation eines abstrakten
Begriffs. Für uus ist das Bild die faßbare Form ftir
die unklare, unfaßbare Vorstelbtng von einem Ver-
storbenen, von einem Tier, eincr Pflanze, von dem
ganzen Zauber der Natur, vom Phytmischen.

Stammt das Portrait des Dr. Qachet von van
Qogh nicht aus einem ähnlichen geistigen Leben,
wie die im Holzdruck geformte, erstaunte Fratze
des japanischen Qauklers. Die Maske des Krank-
heitsdämons aus Ceylon ist die Schreckensgeste
eines Naturvolkes, mit der seine Priester Krankes
beschwören. Für die grotesken Zierate der Maske
finden wir Analogien in den Baudenkmälern der
Qotik, in den fast unbekannten Bauten und In-
schriften im Urwalde von Mexiko. Was ftir das
Porträt des europäischen Arztes die welken BIu-
men sind, das sind für die Maske des Krankheits-

beschwörers die welken Leichen. Die Bronzegüsse
der Neger von Benin in Westafrika (im Jahre 1889
entdeckt), die Idole von den Osterinseln aus dem
äußersten Stillen Ozean, der Häuptlingskragen aus
Alaska und die Holzmaske aus Neukaledonien
reden dieselbe starke Sprache wie die Schimären
von Notre-Dame und der Qrabstein im Frankfurter
Dom. i ili*^

Wie zum Hohn europäischer Aesthetik reden
überall Formen erhabene Sprache. Schon im Spiel
der Kinder, im Hut der Kokotte, in der Freude
über einen sonnigen Tag materialisieren sich leise
unsichtbare Ideen.

Die Freuden, die Leiden d,es Menschen, der
Völker stehen hinter den Inschriften, den Bildern,
den Tempeln, den Domen und Masken, hinter den
musikalischen Werken, den Schaustücken und
Tänzen. Wo sie nicht dahinter stehen, wo Formen
leer, grundlos gemacht werden, da ist auch nicht
Kunst.

Episode

Zsigmond Möricz

Spät kehrten sie von der Jagd heim und warfen
sich so wie sie waren. mit den kotigen Stiefeln in
die geflochtenen Qartensessel der großen Qlas-
veranda. Peter kam es drollig vor, daß er nun
Hausherr und in seinem Heim war, daß ihm hier
aMes gehörte, das Haus, die Möbel, die Magd und
das köstlich kleine Frauchen, drin in den behaglich
eingerichteten Zimmern.

Sie waren alle schrecklich müde, freuten sich,
wenn sie sich nicht bewegen mußten, und schnauf-
ten wie abgehetzte Fherde. Eine nette Magd deckte
den Tisch und bewegte sich flink aber plump zwi-
schen den Männern. Heiter lächelnd verzog Peter
den Mund: früher, wenn er von der Jagd gekom-
men war, hatte es ihm sogar Vergnügen bereitet,
das Dienstmädchen in die Beine zu kneifen. Tja,
jetzt, jetzt ist das natürlich etwas anderes. Heute
ist er verheiratet, ein junger Ehemann . . .!

Er warf sich in den Sessel zurück, blickte auf
den Plafond und Iächelte.

Plötzlich scheuchte ihn das Qeraschel von Frau-
enkleidern auf.

Seine Frau trat ein und er erschrak darüber,
ganz unerwartet, als sei ihm ein Unglück zuge-
stoßen. Das Frauchen sah ganz benommen, schläf-
rig aus, das Qesicht war rot, von den weichen
Polstern abgedrückt. Es machte den Eindruck, die
Frau habe unter dem leichten Schlafrock nichts an.

Peter errötete, denn er war ein bis zur Dumm-
heit schamhafter Mensch. Es berührte ihn unan-
genehm, daß Ilka aus dem Bette gestiegen und zu
ihuen, den schmutzigen und müden und ordinären
Männern gekommen war. Er sprang auf, stellte
sich vor sie hin, als wolle er mit seinem Körper die
Frau verdecken, ein geheiligtes Qeheinmis vor sei-
nen profanen und barbarisch lüsternen Kumpanen
verbergen, doch quälte er sich vergebens, einen Vor-
wand zu finden, mit dem er das Frauchen wieder
in das dunkle Schlafzimmer zuriicksperren könnte;
er mußte mit erbittertem Munde zusehen, wie seine
Kumpane anscheinend ehrerbietig das kleine Händ-
chen seiner ihm vor Gott und Menschen angetrauten
Qattin ergriffen. nnd mit zornig geballter Faust
dachte er daran, was sich diese Schufte ietzt wohl
denken mochten.

Er lehnte sich zurück und erblickte in der Tiire
gegenüber die eintretende Magd, welche auf einer
großen Tasse das vorbereitete kalte Nachtmahl
brachte.

Er war ganz paff vor Betroffenheit. Das Mäd-
chen hatte ein fein zugeschnittenes Hemd an, woh!

ein Qeschenk Ilkas, doch trug es das Hetnd wit
ein Leibchen; vorher war es Peter nicht aufgefalien,
daß das Mädchen im bloßen Hemde wari jetzt
brannte sein Qesicht vor Scham. In diesem Augen-
btick glitt das Hemd von der Schulter des Mäd-
chens, bis zur Mitte des Oberarmes hinunter, und
spannte sich über dem Busen.

Welche Schamlosigkeit! So zeigen sich die
Weiber in seinem Hause?! Was ist denn dieses
Haus? Ein Freudenhaus?!

Sehr aufgeregt, fast zornig aß er. Er kaute
große Stücke Schweinefleisch und die Knorpeln
krachten unter seinen harten, starken Zähnen. Er
fühlte, wie sein Frauchen manchmal die Augen
warm, müde, verliebt auf ihm ruhen ließ; doch er
blickte nur zurück, wenn er wußte, das verschla-
fene Weiblein passe auf die witzige Pede der bei-
den Männer auf, wie ein kleiner Vogel, der auf
wippenden Zweigen hockt.

Nach dem Abendessen sagte die kleine Frau*

„Schlafen gehen, schlafen. Die Herren sind
müde. Gehen wir schlafen."

Und langsam, mit unsicheren Bewegungen
wollte sie sich erheben. Doch es ging nicht, hilfe-
heischend schaute sie zu ihrem Manne hin und ihr
Blick bohrte sich flehend, Iiebelechzend in seine
Augen: Komm schon, komm doch schon. Siehst
du denn nicht, daß ich dich rufe, warte, mich nach
dir sehne . . . Umarm mich, drücK mich doch
schon an dich, führ mich doch mit . . . ich bin dein,
ganz dein.

Peter stieg alles Blut in die Schläfen und die
starke Sehnsucht brachte ihn fast einer Ohnmacht
nahe. Doch schon in der nächsten Minute drang
ihm die Ausdünstung der beiden andern Männer
in die Nase und er wurde sofort wild:

Was, er soll sie jetzt umarmen, soll sie mit sich
fort ziehen, vor jedermanns Augen, vor diesen da,
die wissen, was in den folgenden Minuten geschehen
wird, es auf den Taschenuhren abzählen ... Er
selbst sollte die Heiligkeit der Ebe mit dieser rohen
und groben EnthüIIung besudeln!

Mit mürrischem Qesicht brummte er:

„Eh, mit dem vollen Magen kann man sich nicht
niederlegen. Spielen wfr ein Weile."

Er riß aus der Tasche ein Spiel Karten hervor
und warf es den anderen doch nicht in die Augen,
wenngleich die Hand diese Richtung nahm, als die
beiden in ein freches und rohes Lachen ausbrachen.

Das Frauchen tat wohl ein wenig zimperlich,
zog aber dann mit geduldiger Ergebenheit den
Sessei hinter den Qatten, lehnte sich an seine
Schultem und kiebitzte so.

Peters Kopf glühte und die Karten grinsten ihu
höhnisch an. Er empfand im Ohr dert ieise
keuchenden Atem seiner Erau und schalt sich fiu-
chend:

„Der Teufel soll meine Schamhaftigkeit hoien!
Wie viel Oualen habe ich schon deswegen ausge-
standen!" Und mit wiider Kraft stach er mit dem
Piqueaß ein. Dreizehn Jahre war ich alt, als ich dem
Kindermädchen fortlief, das mit mir spielen wollte ..
Wie oft entschlüpften mir seither die besten Bissen
vor dem Mund. Muß ich jetzthiersitzen undKarten
spieien, wo ich . . ."

Er verlor.

Die Adern auf seiner Stirne schwoiten an und
er knirschte mit den Zähnen.

Die Frau sah, ihrem Qatten fehle etwas; sie
umschlang seinen Nacken mit ihren unschuldigen
schlanken weichen Armen und streute ihm kurze
Küsse aufs Haar.

Peter starrte die Karten an und vor seinen Au-
gen tanzte biendender Nebel. Die Muskeln seines
Armes begannen zu zittern, doch die Karten in
seiner Hand zitterten nicht.
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