Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Da lag die Erklärung von dem ganzen!

Da hatte er die einfache, iurchtbare Lösung des
Rätsels —:

Gedacht, das hatte er nie — nur leer gegrübelt,
um die Angst vor dem Leben und dem Tode von
sich zu verscheuchen! gedichtet hatte er ebenso-
wenig — nur gekritzelt und gegriffelt, um sein
maßloses, endloses Grauen zu übertäuben! geliebt
hatte er keineswegs — nur sich begehrlich an sie
angeklammert, so lange sie bei ihm war — nur sie
schonungslos noch weiter fortgestoßen von der
Sekunde an, wo sie ihm genommen war!

Gerade!

Gerade das!

Grade so — und nicht, in keinem Punkt anders,
war also sein Leben voh Anfang bis zu Ende ge-
wesen!

Ach Gott, er hatte iiber alle die andern trium-
phiert — und war selbst tausendmal gemeiner ge-
wesen als irgendeiner von ihnen!

Er hatte Sie wieder und wieder betrogen und
im Stich gelassen — sie, die ieden Tropfen gab, ja,
ja, die wahrlich einen jeden Tropfen ihres Blutes
für ihn gegeben hatte!

Und nun. nun heute, wo dieser fremde Doktor.
wo dieser Professor vor einigen Stunden zu ihm
gekommen war, und mysteriös, ohne selbst das
Geringste davon zu ahnen — zu ihm gekommen
war, wie ein Abgesandter aus dem großen, aus
dem starken Leben da draußen und ihm zugeflü-
stert hatte: Nun haben wir ihn endlich gefangen!
Nun sitzt er da drinnen und wartet in Ketten —
damit du dein Vergehen wfeder gut machen
kannst, was du Annie noch immer schuldest! da-
m'it deine Eland ihre Kehle zum erstenmal in die-
sen beiden langen Jahren befreien kann — indem
du mit Riesenkraft, mit einem Pache-Griff, die
seine umklammerst!

Genau so — ja, aber von demselben Augen-
blick an, wo diese lichte, diese sehnsuchtsvoll er-
wartete und frohe Botschaft mit ihrer Forderung
zu ihm gekommen war . . . von da an hatte er nicht
das Geringste weiter vorgenommen, als sich be-
müht, es von sich zu schjeben — der Feigling, der
er war! ach Gott, aber jetzt sollte es ein Ende
haben! jetzt woüte er zum ersten- und letztenmal
in seinen Jahren den Mut und die Kräfte sammeln,
die doch im innersten Innern auch wohl in ihm
wohnen mußten! jetzt wollte er, in ganz wenig
Stunden, mit aufrechtem und blitzendem Sinn, zum
erstenmal mit aufrechtem und blitzendem Sinn,
züm erstenmal mit rechtmäßigem Frieden in sei-
nem Herzen, den gnadenlosen Racheakt vollziehen
—: Auge um Auge und Zahn um Zahn widerver-
gelten, was er nocb nicht bezahlt hatte! die Pech-
nung mit Feuer und Blut abschließen, deren Rich-
tigkeit anzuerkennen, seine Feigheit ihn bisher ver-
hindert hatte! ....

Fortsetzung foigt

Österreichische Prosa

Die bisher — aus Scheingründen — repräsen-
tativ standen für die epische Prosa Deutsch-Oe-
sterreichs: Die Schnitzler und Bartsch haben lei-
der nachgelassen oder wurden erkannt, agnosziert.
Hier sei die Rede von einigen weniger bekannten
Autoren, die im Guten wie im Bösen, mit und ohne
AHüren ihr Land in interessanterer Weise vertre-
ten, stilvoll oder Iediglich hart zugreifend Pro-
bleme gestaltend erörtern und über sie hinweo-
schreitend viel Geistigkeit exakt versinnlichen.

Man muß dem jungen Dichter E r n,s t W e i ß
mehr als ein Wohlverhaltenszeugnis ausstellen, er
hilft die literarische Ehre der S.tadt Wien retten,
die schon seit langem nur wenig bemerkenswerte
Prosa Jüngerer hervorgebracht hat. Seine (von S^
Fischer ans Land gezogene) „G a I e e r e" ist
ein Roman, den ein Oberflächiicher „Der
Röntgenstrahien und der Liebe Wellen" nennen
könnte, in- dem ein Sentimentaler vor allem von
den Röntgenstrahlen gerächte Grausamkeiten eines
Forscher- und ALännerherzens zu sehen vermöchte
— ohne damit dem eigentlichen Konflikt und
Thema dieser zwingend voliendeten Erzählung
irgendwie näher zu kommen. Eine neue und gute
epische Dichtung muß notwendigerweise mehr
sein als die säuberliche Erledigung eines Spezial-
falles. Wenn ich sagte: Herr Doktor Erik Gylden-
dal, Pöntgenstrahlenbeobachter, Privatdozent und
Held des Weißschen Pomanes, wird mit Leib und
Seele aufgefressen von seinem Beruf. gäbe ich nur
scheinbar den.äußerlichen „Inhalt" des meister-
lichen Buches an. Gewiß: auch an Erik Gyldendal
wird sichtbar die fürchterliche Zweischneidigkeit
jeder Tätigkeit. Er legte sich eine Wissenschaft
bei, Iegte sich in sie, sie stärkte ihn, gab ihm das
Ktickgrat, das den Erfolg schafft aber sie war
auch ein Speer, der Wunden heilte. um sie dann
desto tiefer zu schlagen.

Jedenfalls ist „Die Galeere" mehr, viel, viel
mehr als ein landläufiger, süßholzraspelnder
Jungwienerroman, es ist ein modernes Buch von
Mannestod und Liebe; sein Held gibt sich in einer
so sonderbar klar fiebernden Dumpfheit der Liebe
und dem Tode hin, daß diese dämonische Schick-
salsgebundenheit in ihrer antiken und doch neu
belebten Größe und schauerlichen Schönheit aui
jeden Empfindungsfähigen nur in hohem Sinne
tragisch wirken- kan.n.

Erik Gyldendal lebt, oft sich aufbäumend und
doch fatafistisch, mit großer Anfangsgeschwindig-
keit (und schließlich der ergebenen Frömmigkeit
der Todesschwäche) arbeitsam dahin unter der
Peitsche der Urkräfte, er könnte, wie wenige, mit
dem griechischen Tragiker von sich bekennen:

ayazet/tat #eot? ' eponrt zat dararto / Nur
daß er, von seinem Ehrgeiz gehetzt wie ein
Galeerensträfling, gerne außerdem und vor allem
auch noch die Zeit, den Tod durchbrechen, mit sei-
nen Forscherarbeiten in die Ewigkeit eindringen,
dem Leben egoistisch nur ein Minimum zedieren
möchte.

Aber Ernst W,eiß, sein Schöpfer, ein Moralist
wie alle großen Künstler, läßt ihm das nicht an-
gehen, hält den egozentrischen Herrn Gyldendal
gerechtermaßen, was den Lebensfaden anlangt,
kurz: Der Dozent zerschellt zur Strafe für seine
sadistischen Komponenten . . . Ueber die Fabel des
Pomans möchte ich nicht rnehr angeben, er ver-
dient keinen exzerpierenden Hinweis, sondern jene
genaue, wiederholte und bewundernde Lektüre,
auf die sich die Leserschaft Deutschlands sonst
nur dann und zwar automatisch einstellt, wenn sie
sich durch einen anerkannten Namen zur Ergriffen-
heit verpflichtet fühlt. Nur soviel sei noch ausge-
sagt: Ernst Weiß gibt bei der das Innerste und
Aeußerste bloßlegenden Schilderung der Eltern
und Geliebten Gyldendals mehr an gestaltender
Leidenschaft aus, als sonstwer in Deutschland —
Heinrich Mann vielleicht ausgenommen — zu ver-
geben hat! . . . Und hinter dem impulsiven Men-
schenkneter steht ein mit ärztlicher Exaktheit ar-
beitender Psychologe. Und außerdem ist Stil,
Lyrik, Poesie in diesem dichterisch geschwunge-
nen Buche . . . Da gibt es kernweiche Stimmungen
und tadellos vergiftete Dissonanzen. Nicht fehlt die

verstehende und gütig alles wissende Menschlich-
keit eines Denkers und —^ die Temperamentfülle
des Weltverbesseres, der — beispielsweise —
gegen den Mißbrauch der als AHheilmittet betrach-
teten Erotik wettert. Man lese dieses musikalische,
naturnahe Buch eines Städters. Es ist kein halbes
Ver$prechen, kein Erstling im gewöhnlichen Sinn,
sondern eine ErfüIIung, wie sie selten gelang! .

'l^t Ernst Weiß ein moderner Wiener Epiker,
der vielleicht ohne Balzac, Flaubert, Zola, Maupas-
sant, Schnitzler denkbar, aber diesen- Dichtern ge-
wiß wie jeder heutige Erzähler irgendwie verpflich-:
tet ist, so wahrt Otto Stoessl die historische'
Entwicklung und Kontinuität nach einer österrei—
chischeren Richtung hin: in ihm ist das Behägen
am säuberlichen Detail des reinsten und echtesten
deutschösterreichischen Prosaikers: Adalbert Stif-
ter, in ihm kräuselt sich anmutig die Lust am
Abenteuerlichen des austroamerikanischen Fabu-
lierers Charles Sealsfield, in ihm waltet die gar
nicht dörperhafte Zuneigung Ludwig Anzengru-
bers zu allem Ländlich-sittlich-idyllischen. Nicht
daß diese „Bestandterle" in Otto Stoessls neuoSrer
(Von Geofg MüIIer edierter) Erzählung ,^W a s
nützen mir die schönen Schuhe" er-
weislich, ja auch nur ahnbar wären! Im
GegenteiL Stoessl ist kein Epigone und mit
allerlei Einflüssen erblich Belasteter. Aber,
\ker einen Biicherkasten hat, kann Stoessls
Werke nicht gut auderwärts einordnen als
zwischen den Bänden besagter Erzählkünstler
Dänubiens .... Schon das Proömium übt eine
außerordentlich beruhigende Wirkung auf den
Leser . . . AHe Bücher Stoessls haben eine Neigung
zum Schelmenroman, schmackhaft und herzhaft
wie sie sind, wären sie das beste Gegengewicht
gegen die beliebte Wiener Raunzerei und die er-
stick'ende Melancholie, die den Stilübungen jünge-
rer Schwarzgeibseher entsteigen muß. Seine Iie-
ben Gestalten haben einen angenehmen Stich ins
Schnurrige, er bietet Epik an sich, ohne „Pro-
bleme" und aufreizend kuriose Vorgänge, ist unter-
haltlich innerhalb des Literarischen, der Form-
kunst. Diesmal — wohl zwischen den Schlachten
— liefert er ein ergötzliches Zwischenspiel, in dem
die Episodenranken, ohne zu tiberwuchern, das In-
teressanteste, Amüsant-Lustigste sind. Da i-st die
verdammt fragwürdige „Wittib" Tora Obweger,
und allerhand männliche Tugend, die an ihr vor-
iibergeht, entweder die „Gefehlte", ein noch nor-
maleres Weib heiratet, oder, ohne den letzten festen
Griff zu besitzen, sich irgend einem Tabakhandel
ergibt. Zuletzt kommt natiirlich die bürgerliche
Ehrbarkeit in Gestalt eines Herrn Mathematiknro-
fessors, der den Springinsfeld Tora in Schwarz
kleidet, und sie als aber schon sehr angetraute Ehe-
gattin heimführt. Doch wie hinreißend lustig —
mit strengen Perspektiven zwar ab und zu ge-
schmückt und ernsten Ausblicken ins unabänder-
liche Leben — diese muntere, schlichte Geschichte
erzählt ist! Ich halte Stoessl. unerachtet seiner
scheinbaren, nämlich gespielten Trockenheit für
deu stärksten und feinsten Humoristen unter den
Deutschen von heute.

Auch ein sehr starker Humorist, aber ein un-
freiwiHiger, ist der immerhin talentdotierte
Hermann Graedener, dessen (bei Rütten
und Loening sichtbar gewordener) Poman
„U t z U r b a c h" ein „Bauernkrieg-Fries" sein
solk Graedener stammt nicht aus der Walzer-
zentrale Wien, sondern — er interpretiert
halt die Weanastadt anders — aus dem
gleichnamigen Tummelplatz der starken Män-
ner und weltmeisterlichen Schwergewichtsathle-
ten. Ergo zeigt er seine „Muschkeln". Sein Koman
sieht so aus, als hätte der Sohn eines reichen

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