Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Sooit): Himmel Feuer Menschen! ich habe den
Freve) angestiftet
Es (ruhig): ich habe Sie efkannt
Er (spannt hoch)

Es: SieSie.. hastdieJGrchegebaut
Er (starrt und nickt, versch)ingt die Arme)

Es: das Rathaus

Er (steüt den FuB vor): das weiBt du?

Es (heißer, !ebendiger): die Schu)e! das Wehr!
E r (nickt und wiegt den Körper)

Es (erschöpft, haucht): ich habe erkannt! Sie er-
kannt!

Er (tritt noch dichter vor Es hin, weich, zagend):

du? du? Schwester?

Es (zittert)

Er (ganz dicht vor dem Mädchen, fiüstert heiß):
Schwester?

Es (zittert und kiammert sich mühsam an die
Wand)

E r (beugt sich über, ohne zu berühren, die Hände
ineinander gefesse)t auf dem Rücken): du fürch-
test?

S i e (!egt den Kopf zurück und schaut von unten
in die Augen am ganzen Leibe zitternd)

(Die G)ut draußen dämpft ab, fernes Rufen)

Ihre Augen (hängen ineinander)

Er (aufatmend): sie war erwacht! deine Schwe-
ster

S i e (sch)ägt die Arme breit an die Wand)

Er (ieise, forschend): ja piötziich aufgewacht
R a u c h (verschiingt die Giuten, Zischen Brausen)
(Das Rufen kommt näher)

Er: du- wach du auf! du! wache du auf! hörst du!

wenn . . . du . . erwachst
S i e (hebt ihn stummend die Hand)

Frauen und Kinderstimmen (daußen): der
Baumeister war dät! dät war der Baumeister!
(Jube)nd): unser Baumeister Baumeister Bau-
meister!

M ä n n e r s t i m m e n (fragen, forschen dazwi-
schen)

Er (weich suchend kiagend): die anderen
Weiber, Kinder, Männer (rufen auf der
Treppe): Baumeister! unser Baumeister! unser
Baumeister!

Sie (schrickt zusammen und steüt sich schützend
vor Ihn zur Tür)

E r (tritt zwischen Sie und Tür, iächeind den Biick
über die Schuiter zur Tür)

S i e (faitet die Hände ineinander und fiüstert zu
ihm aüfbiickend): Mann!

W ei b e r und K i n d e r (stürmen in die Tür): Bau-
meist . . (das Wort erstirbt in starrem SchaUen)
Ein kleines Glöckchen (schiägt an zum
Mofgengebet)

D i e W e i b e r und K i n d e r (kauern die Hände
gefaitet nieder)

M ä n n e r (starren über ihre Köpfe weg in die Tür,
nehmen die Miitze ab und stehen stumm in ehr-
furchtigem Schweigen)

E r (streicht Ihr übers Haar und iäßt die Hand auf
Ihrem Haupt Jiegen, weich froh): Weib!

(die ietzte Giut eriisciTt. es wird ganz dunke) drau-
ßen)

Leichte Nachschwaden (dampfen durch
die Maueriücke und verdämmern den Raum)

D e r S t e r n (b)itzt heii auf)

E r und S i e wenden iangsam um und schauen eng
aneinander geschmiegt Arm in Arm zu dem
Stern empor)

Ende

Gedichte

Kurt Heynicke
Wacht

Aus hundert hohien Augen
mit verkohlten Lidern
grinst das Dorf.

Steht die Kirche
unberührt

und trotzt in die Nacht.

Ich und mein Karabiner si:rd Wacht
bei drei Verwundeten nnd einem Toten.

Aus Strähnen iangen Regens
webt der Sturm
mein Kieid.

Vom Turm
scheu und groB
wirft die Uhr
der Nacht

zwöif Schiäge in den Schoß.

Drinnen stöhnen drei Wunden
auf Stroh.

Pferde, Laute irgendwo!

Mein Karabiner äugt in die Nacht.

Wir sind Wacht

bei drei Verwundeten und einem Toten.

Nachtfahrt im Fiugzeug

Der ietzte Lichtbogen des wegweisenden Fiugfelds
entwindet sich uns.

Der Eisenvogei,

fauchend gebeugt dem Hirne des Menschen
überschreit mit grauweißem Atem
aüe Laute.

Sterne fiießen wie heüe Seidenfaden
über das dunkie Kieid einer stolzen Frau,
geschmückt mit gebogenem Monddiadem.

Kein Atmen der Wälder herauf.

Lichthaft nur

fühien die Augen den roten Schrei
den am Horizont die Weitstadt blutet.

Ueberwindung

Immer ieiser
wird die Last,
immer heüer
die Nacht.

Letzte Laute
entfiiehen hinab.

Die Uhr schiägt Morgen.

Nur noch ein TropfenfaM.

Dann Mittagsstiüe.

Nachtiied

Die ietzte Achse des verpaßten Zuges
krarrt.

Signaie biuten rote Tropfen.

Nun gibt die Weinbiattlaube uns ein Bett.

Sag deiner Laute, sie soü singen

und ein paar Sterne aus dem Waide hoien.

Die Lautenbänder giühn wie fremde Zweige
mein Atem muß mit deinen Haaren spieien.
Anschweüend wird dein Lied
ein Schrei.

Sei stiü!

Ein Giühwurmpaar
brennt nun.

Der Weg
durch die Nacht

Roman

Aage von Koh!

Fwrtsetzuag

Ntm, daciite er müde, eutnervt, gereizt durch.
die Vorsteüung jcner drei sinnlosen und nichts be-
deutenden Eragen, die er sicb eben gerade seibst
gesteüt hatte —: wie war es möglich, daß er es
überhaupt fertig bringen mochte! Nicht wahr, die
Antwort attf jene drei ieeren Rätsei lag ja seibst-
verständiich ais die Sutnme dieser vier Bücher
verborgen, die er im Laufe dieser zwei Jahre ge-
dichtet hatte! warum soiite er aiso jetzt sein Ge-
hirn zerbrechen, das bieich war vor Mattigkeit,
seine Sinne, die zu schiaff waren, um sich zu dem
Punkt aufzuschwingen — von wo her ja aüein
-ein Ueberschauen mögiich ist! Herrgott, ja, die
Uhr war jetzt fast sechs — würde es da nicht weit
vernünftiger sein, wenn er nun ohne Umstände in
sei Bett hinauf ginge und bis präzis acht Uhr
schiiefe! Odere wenn er zu aüererst ein Bad
nähme, eine eiskaite Dusche — das würde ihm
zweifeisohne gut tttn, vieüeicht ihm auch Lust zu
ein kicin weuig ScMummer hinterher schaffen!

Er stand einen Augenbiick da, im voraus die-
sen Gedanken genießend — tat dann plötziich einen
kurzen Schritt vorwärts, mit beiebtem Gesicht —:

Denn er crinuerte sich jetzt anf einmai, ohne
noch seibst zu begreifen wie und warum — des
aüerersten Maies vor ianger Zeit, a!s er mit voüem
und kiarem Bewußtsein bei sich selber das Vor-
handensetn dieser wesenstiefen Anschauung fest-
steüte —: daß sich ein wttnderbares, ein heißes
und strahieudes, ein verheißungsvoües Geheimnis
hinter äüem verbirgt, was wir hören und sehen,
hinter aüem, was wir tun, hinter aüem, was uns
aüen mit cinander geschieht!

Er mochte woh) damais vier- oder fünftmzwan-
zig Jahre ait sein.

Es war im Hochsonuner.

So wie jetzt.

Er war auf seinem Rad hinausgefahren, radeite
weit ins Land hinein. Es war ein göttiiches Wet-
ter, schneeweiße Wege, auf denen sich der Staub
hier und da in stiebenden Wotken erhob; so kühi,
wenn mau durch einen Waid giitt. Er hatte seine
Mütze in die Tasche gesteckt und radeite drauf
los. Die Sonne brättnte seine Stirn. Er ftthr und
fuhr, trampeite itart auf den Pedaieu den Hügel hin-
auf, genoß mit Sauseu um seine Wangen die fiie-
gende Lust, hinabzurasen.

Die FMder drehten sich vorüber, ihre großen
Tafein ieuchteten grün und geib.

Wäider, Wiesen, Hügei, einzelne Gehöfte rechts
oder iinks mit weißen Giebein — winzig kieine
Dörfer, wo Fnten schnatternd über den Weg wat-
scheiten und Httnde anschittgen. Der ferne, blaue
Himmei überaü, ei, wie war das herriich!

Ach, er hatte eine Rückfahrkarte für die ganze
Weit, er war so stark und frei wie nie zuvor, er
war ein sounversengter, ein geibbrauner Löwe,
der mit weißen Zäitncn auf Raub attsging, alles,
was in die Nähe seiner Sinne kam, verschiang er
gieich und iachte däzu, er verzehrte Stück für
Stück Himmei wie Erde, trank erbarmnngsios die
Atmosphäre auf — seiue Seeie war so hungrig wie
eine Weit! . . .

Hoch am Tage kam er endiich von neuem wie-
der an den Strand hinaus.

Ja, gewiß: da draußen stand, schräge
über detn blendend weißen Saum der Küste, diese
mächtige Fiäche von Biau — ihre Kühie und ihr
Aroma tief ins Land hineinwerfend-

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