Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Renaissance

Es ist eine Woiiust zu ieben. Dank Riccardo
Strauß, dem neuen Meyerbeer. Herr Schmidt geht
mit, der Leopoid, bis nach Paris. Es ist eine Wot-
iust zu ieben. Die äitesten Weiber werden mobii
gemacht. Die Saiome, die Eiektra und die Poti-
phar. La donna e mobiie. „Ais Strauß am ersten
Mai im A u t o m o b i i von Garmisch nach Paris
abreiste, um dort die Proben seiner Josephs-
iegende zu ieiten, hatte er den ersten Akt der
neuen Oper beinahe voiiendet gehabt." So auto-
mobii machen ihn die Weiber. Und dabei wolite
er in Paris nicht einmai sein Vehikei teiten, sondern
nur die Proben. Mein Auto eriitt unterwegs eine
Panne und ich konnte den Schaden im Beriiner
Tagebiatt besehen. Aber beim Gotte Eiektras und
Potiphars, ich habe es geahnt, nein, gewußt. Im
Mitteipunkt steht der Tanz der Woiiust, am Puit
„die hohe, schianke Gestait des Komponisten", „im
Orchester schäumt es und giitzert es." AHe Biech-
instrumente sind frisch geputzt, die Geigenbögen
frisch geschmiert und die Josephsiegende kann be-
ginnen.

„Und die Pariser Geseiischaft hat das Strauß-
sche Musikwerk mit dem Gianz empfangen, den
sie in der jetzigen Saison zu verschwenden iiebt."
Da die Geseiischaft schon einmai beim Verschwen-
den war, kam es ihr auf die paar Stunden auch
nicht mehr an, sie zog ihr Sonntagsjakett und ihr
Ausgehkleid an und der Doktor Schmidt fiihite sich
in dem Gianze geborgen. Aber es wurde noch
giänzender: „Die biblische Leg^ende ist in dem
Werke aus ihrem historischen Miiieu in das prunk-
voiie Venedig veriegt." Aber nicht etwa, daß dia
Dekorationsschneider gegen die Juden waren, der
Grund ist vieimehr, sagt der Doktor, im psycho-
logischen zu sehen. Keine Psyche ohne Logik.
„Wir soiien nicht an die Ethik der Hebräer, nicht
an die Pharaonen, den Nil und die Pyramiden den-
ken, um an den Konfiikt zwischen dem keuschen
Joseph und der begehriichen Frau Potiphar er-
innert zu werden, um ihn so aiigemeiner ais den
zweier sich fremder menschiicher Empfindungs-
weiten aufzufassen." Potiphars waren eben in der
Sommerfrische, ais Riccardo Strauß sie vertonen
woiite. Die Erklärung ist doch einfacher als die
Psychologie. Denn so sehr ich mich bemühe, Am-
boß des Doktors Schmidt zu sein, eher schlage ich
Feuer, als daß man mir einhämmern kann, zwei
sich fremde menschliche Empfindungswelten seien
im prunkvollen Venedig aiigemeiner aufzufassen als
am schönen Strand des Niis. „Wenn der Vorhang
aufgeht, sehen wir eine Halle im Stile Palladios mit
protzigen goldenen Säulen, vor einer Loggia im
Hintergrund." Das hatte man erwartet. Ich bin-
überzeugt, daß rote schwellende Diwane auf der
Bühne ständen. Ich bin überzeugt, daß die Loggia
einen Ausblick auf das prunkvoiie Venedig bot.
Aber das Erstaunlichste bleibt, daß die Ve-
nezianer venezianische Trachtpracht trugen.
Potiphar und höchstdessen Gattin hatten nach
bewährter Sitte selbstverständlich die Unifor-
men ihrer venezianischen Regimenter angelegt.
„An überladenen Tafeln schwelgt die Hofgesell-
schaft des Potiphar in reicher venezianischer
Pracht." Sie aßen den Kaviar direkt mit Löffeln
und brauchten die Austern nicht einmal zu bezah-
len und die Weine flossen in Nilströmen, so daß sich
Katarakte auf den schon ohnehin überladenen Ta-
feln bildeten. Die Psychologie der Verschwendung
konnte gar nicht sinnfälliger dargestellt wetden.
Potiphars hatten ihre Lieblingssklavin auch einmal
die gute frische Luft gegönnt, sie durfte gratis mit-
reisen, wenn auch nur zu Füßen, aber dafür nicht
zu Fuß: „Potiphar selbt thront mit seiner Gemahlin
auf einem Hochsitz, zu ihren Füßen die junge Lieb-

lingssklavin. Im Orchester, an dessen Pult die hohe
schlanke Gestalt des Komponisten erschienen ist,
schäumt es und glitzert es." Die Katarakte stürzen
jetzt bereits in das Orchester und der Hofkompo-
nist von Potiphars muß schon mindestens so be-
rühmt wie Riccardo Strauß gewesen sein, wenn er
es wagen durfte, erst am Pulte zu erscheinen und
mit der Musike zu beginnen, als die Stimmung
schon zum Brechen toll war. „Die übersättigte Le-
bensfreude und üppige Pracht des Orients tut sich
vor uns auf." Die Katarakte können sich nicht
mehr halten, sie überfluten jetzt den Glanz der
Gesellschaft, Venedig kommt dem Doktor Schmidt
ganz orientalisch vor und er ärgert sich, daß die
beaux restes der übersättigten Lebensfreude nicht
verteilt werden. „Ein orientalischer Scheich bie-
tet die Geschenke feil, die der Herrscherin, zu
deren Ehren das Fest stattfindet, dargebracht
werden." Etwas früher hätte Herr Potiphar
schon seine Einkäufe machen können, der feilbie-
tende Scheich wird wohl bei der allgemeinen Le-
bensfreude besser auf seine Kosten gekommen
sein. Das Orchester kann sich nun auch nicht
mehr halten. Früher hat es nurj geschäumt und
geglitzert: „Das Orchester glitzert und schiliert,
die Frauen tanzen den Hochzeitstanz, der dar-
stellt, wie die Braut in der Hochzeitsnacht ent-
schleiert wird, den Tanz der WoIIust. Die Musik
ist von wafmer Innigkeit, aber in der choreogra-
phischen Ausführung nicht das, was man hier er-
wartet und was wohl auch beabsichtigt war."
Die Braut ward also nicht entschleiert, was auch
beabsichtigt war. Denn wenn man sie entschlei-
ert hätte, wäre höchstens eine Lust, aber keine
WoIIust entstanden. Dafür ist ja die Musik von
warmer Innigkeit, teils schäumt und glitzert sie,
teits glitzert und schillert sie, ganz zu schweigen
von der hohen schlanken Gestalt des Kompo-
nisten. „Dem Frauentanz folgt ein Auftr,eten der
Faustkämpfer, es mahnt an die brutalen Freuden,
mit denen eine genußsüchtige Zeit ihre abge-
stumpften Nerven reizte. Potiphars Weib bleibt
bei allem eisig starr." Mich wundert das gar
nicht. Die Hochzeitsnacht hat sie bereits hinter
sich, einen Boxkampf hat sie doch sicher wenig-
stens im Kino gesehen und Kaviar ißt sie alle Tage.
Soll dieses Eis nicht geschmolzen werden können?
„Ihre Teilnahme erwacht erst, als Joseph in einem
Teppich schlafend hereingebracht wird. Er ist
als Hirtenknabe im Pubertätsalter gedacht. Mit
ihm dringt der Hauch einer unschuidigen Natur in
die schwüle Atmosphäre einer überreif geworde-
peh Kultur hinein." Die Potiphar sieht die Puber-
tät bis durch den Teppich. Dieser Hirtenknabe,
der faule Fische im Canale Grande hütet, ist der
Einzige seiner Pubertät. Die anderen ägyptischen
Venezianer übersprangen diese perverse Periode,
indem sie von der Unreife mit Umgehung der Pu-
bertät und mit beiden Füßen direkt in die Reife
sprangen. Joseph hatte in seinem Teppich diesen
Sprung verschlafen und dafür schritt das Unheil
schnell. Ohne zu erwachen, „drückt Joseph in
drei gesonderten Tanzfiguren die natürliche Un-
schuld des Hirtenknaben, die Sehnsucht des Gott-
such'enden und die Verherrlichung des Gottes aus,
den er in sich gefunden." Nur das „hat" vergaß
er im Interesse der dichterischen Darstellung des
Doktors Schmidt. Die natürliche Unschuld der
Pubertät hingegen hat er sich teils durch den Tep-
pich und teils durch den Schlaf bewahrt. „Im
wesentlichen behilft sich Joseph mit den Mitteln
der Sprungtechnik, um seine Symbolismen anzu-
deuten und der Eindruck mußte sich notwendiger-
weise verflachen." Er holt also den vorhin er-
wähnten vergessenen Sprung nach, aber man hat
schon bessere Sprünge gesehen. Wärum auch
von Fiachsprüngen Eindrücke erwarten. „Dann

folgt die künstlerisch wichtigste und am besten
getungenste Szene. Das Fest ist verrauscht, die
Stufen leer geworden." Jetzt kommen aber nicht
die Reinmachefrauen, um die Stufen endgültig zu
leeren, sondern „Joseph, von der Dienerin in die
Kammer unter der Loggia gebracht, hüllt sich in
seinen Mantel und schläft ein." Eine außerordent-
lich gelungene Szene, die Dienerin, unter dem
einen Arm Joseph nebst dem Teppich, unter detn
anderen Arm den Mantel. Nach dem Sprungtech-
niker die Leichtathletin. Joseph ist es in dem
Teppich nicht warm genug, er hüllt sich noch
eigens in den Mantel und schläft ein. Eine außer-
ordentlich gelungene Szene. Durch desn Schlaf
wird psychologisch auf die Pubertät hingewiesen.
Noch mehr: „Er träumt von einem Eng.el, der sich
schützend an sein Lager stellt. Da erscheint Frau
Potiphar im Nachtgewand." An diesen Engel hat
er in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht.
Kein Engel ist so rein: „Der Reiz des Knaben hat
sie nicht schlafen lassen und sie sucht, sich dieses
ihr fremde, selbstbewußte Wesen ihr untertan zu
machen. Es beginnt das Spiel und Widerspiel
zwischen den Beid'en, das mit dem Sieg der Rein-
heit endet." Sie reizt ihn nicht, aber er sie:
„Joseph läßt den Mantel fallen, das Weib ist von
seiner Nacktheit 'geblendet, abar von ihm ver-
schmäht, wandelt sie ihre Liebe in Haß und Ver-
achtung." Aha, vaschtehste, die beiden Empfin-
dungswelten, die Tugend und die Sünde, die Liebe
und der Haß. Warum haben Sie das nicht gleich
gesagt? „Im übrigen nimmt mehr und mehr der
Musiker unser volles Interesse in Anspruch, bis
er uns mit einem strahlenden D-dur entläßt" Von
der Tugend bis zur Sünde oder von der Liebe bis
zum Haß oder von der WoIIust bls D-dur. Erst
fing die Geschichte so grausig an und dabei han-
delt es sich doch nur um D-dur. Die Musik „ist
durch und durch ein echter StrauB". Nur der
Strauß ist nicht echt. Es bleibt die poHtische Tat.
Nirgends nähern sich die Nationen schneller ais
in der Begeisterung für Kitsch.

WTB Paris, 14. Mai: Richard Strauß, dessen
Josephslegende heute in der großen Oper ihre Ur-
aufführung erlebte, hat das Offizierskreuz der
Ehrenlegion erhalten.

H. W.

Gedichte

August Stramm
ErfüUuug

Meine Sporen frechzen deine Spitzen!
Bläulich kichern die Aederchen fort
In Sicherheit höhnisch
Im

Schimmrigen Weich
Bebige Hügel wiegen Verlangen
Köpfchen rosen empor und steilen Gewähr.
Die Lippe zerfrißt sich!

Golden ringeln Würger hinunter
Und schnüren den Hals zu
Nach meinen Fingern tastet dein Blut
Und siedet den Kampf.

Die Seelen ringen und kollern abseit!

Hoch schlagen die Röcke den Blick auf

Goldhellrot

Rotweichrot

Flamme zischt in das Hirn
Und sticht mir das Schaun aus!

Sinken Sinken
Schweben und Sinken
Schwingen im Sturme
Im Sturm

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