Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 159
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Die Magd trat ein. Peter starrte das Mädciien
mit biinden, hervorqueiienden Augen an. Man
konnte dem Mädchen ansehen, es habe inzwischen
geschiaten, seine Augen biinzeiten in dem heüen
Licht. Das Hemd des Mädchens war nun auch in
Unordnung, doch ietzt hing es von der anderen
Schuiter hinab und ats das Mädchen mit einer un-
wiiiküriichen Bewegung den Arm hob, um das
Hemd zurückzuschieben, sah Peter den gebräunten
praiien runden Bttsen und die dunkie Achseihöhie.

Schiaftrunken trug die Magd die Tasse hinaus
und Peter verfoigte sie mit den Augen wic ein ner-
vöser Jagdhund, während er zugteich ganz unbe-
wußt in die Karten sah.

„Aber Liebster!" sagte das Frauchen und zog
ihn bei den Haaren. „ du wirst doch nicht Atout
ausspieien," und mit iiebiichem.weibiichem Qerech-
tigkeitsgefühl nahm sie auch gteich die schon aus-
gespiette Karte zurück.

„Atso, spiet dn setbst," riefPeter aus und schob
die Karten seiner Frau zu. Er wurde rot, weit sie
ihn beschämt hatte, sein Qesicht gtühte und er
mußte sich abwenden. um seine Qeniertheit zu ver-
bergen.

Lächetnd übernahm die kteine Frau die Karten,
Peter aber machte sich fort. Er warf den Hut auf
den Kopf und ging hinaus.

Ats er den tangen Korridor enttang ging, btieb
er plötztich stehen. Seine Brust schnürte sich zu
zusammen, daß er dem Ersticken nahe war.

Das Dienstmädchen kam aus der Küche zurück,
wohin es das Qeschirr getragen hatte, und öffnete
nun die Türe des Dienstbotenzimmens, um schtafen
zu gehen.

Diese Stube war früher eine Kammer gewesen;
war erst jetzt für die Magd hergerichtet worden,
weii sich in dem gesondert stehenden Qesindehaus
kein Ptatz iand. Man brauchte das Mädchen auch,
und so schiief es hier aHein, — bei der Hand —.

„Susi!" rief Peter und wußte nicht einmai, was
er mit zitternder Stimme sprach. „Warten Sie!"

Er sprang zur Türe hin, auf den Fußspitzen
zwar, aber dennoch totldreist, denn die große Ace-
tylentampe der Veranda beleuchtete den ganzen
Gang. Man hätte ihn sehen müssen, wenn man
ihm nachgeblickt hätte.

Das Mädchen duckte sich furchtsam und er-
schrocken in die Türe.

„Ich wiH etwas," Iispelte Peter und sein ganzer
Körper erzitterte so stark, daß er fast in Schweiß
ausbrach. Er drängte das Mädchen zur Türe hin-
ein.

AIs er später hinaus kam, gähnte er, schaute
auf den Himmel, streckte sich, bog das Kreuz und
ließ die Rippen unter den Fingern krachen. Er
trat hinunter in den Kot, ging eine Weile in der au-
genehmen kühlen Luft umher und rauchte sich eine
Zigarre an.

„Es ist eine schöne Nacht," sagte er und lausch-
te dem Qestampfe der Rosse, das vom anderen
Hofe herüber drang.

AIs er sich genügend abgekühlt, beruhigt hatte,
ging er auf die Veranda zurück.

Er schaute den Spielern ein Weilchen zu, doch
widerte ihn ihr Lachen an, er verachtete ihre nich-
tige, durch die Karten verursachte Aufregung und
sagte einfach, phlegmatisch:

„Nun, mein Kind, gehen wir nicht schlafen?"

Die kleine Frau bentitzte rasch die Qelegenheit.
Sie hatte schon ein paar Qulden gewonnen und
wäre damit geme geflüchtet.

„Qehen wir, mein Alterchen, gehen wir."

„Dann gute Nacht." Qelassen, ohne jeden Neben-
gedanken reichte er den Männem die Hand.

„Brr, wie müde bin ich," sprach er dann im
Schlafzimmer, den Rock von sich werfend, „wie
müde man sich wegen eines solchen lumpigen
Hasen macht."

„Mein armes Männchen," erwiderte die Frau
unter der leichten Sommerdecke. „Komm, laß dir
einen Kuß geben."

Peter hielt ihr die Stime hin und dachte daran,
der Schaffner sei doch ein Schuft und betrüge ihn
ganz bestimmt. Er verrechnet täglich dreißig Tag-
löhner, aber es befanden sich nicht soviel Arbeiter
draußen, als sie auf der Jagd an dem Maisfelde
vorübergekommen waren.

Einzigautorisierte Übertragung von Stefan I. Kiein

Die Träume

Dichtungen
Kurt Heynicke

Ich ruh in tief verglastem Meer

und alle Qassen der versunknen Stadt

vorüber.

In sohlanken Händen toller Freudenhäuser
blitzt Qold

und ihren Schatten steht ein Lächeln im Gesicht.
Im Flafen starrt der Chor der vielen Segel
mit fremden Augen
flutversinkend
in den Mecrcn.

Ein Brunnen schluchzt auf lautem Markte.

Dort schöpft ein Qreis
alt

wie der letzte Schlag der Mitternacht
die Stunden aus dem Tage.

Ich fühlte

morgen bin ich alt wie er
Ja morgen

Klingen mir die Dome dieser Stadt.

Rings ernste Teppiche an den Wänden.

Seit tausend Jahren

sehen sie die Nächte östlicher Lust

flammend

wie Feuer in der Wüste.

Unter der gelben Lampe vertobte der heiße Wind
Küsse

die Karawanen verschütten.

Die Sklavin nimmt die Hand von meinem Leibe
ich hüHe meine Hüften stumm in grüne Seide
hinbettend

in die Qual der toten Augen,

Die weißen Monde reiten über Nacht
und vielen Sterne
haben selbe Qebärde:

Sie lächeln ewig
wenn ich weine.

Mein Stab sind die Himmel

und ich wiH gehen bis zur Morgenwache,

Still liegt die braune Brust des Weibes.

Ihr Traum trinkt Ruhe
wie die Quellen
Winters
im Norden.

Floch über Tannen
blühendes Licht
Ich peitsche meinen Rappen
und reite mein Blut tot.

Nur Gletscher wehen mir zur Seite

Kalt ist die Erde

wie mein WoIIen

Ich hebe meine Hände

Sieg

zu schlagen
und

bebe tastend erdenwärts.

Denn zwischen Pferdehals und Schenkeln
meine Fessel aus den Jahrhunderten:

Weib!

Das irgend-du

ist groß und hat so ferne Lippen.

Und meine Träne fühlt

daß ich nicht mehr bin

und mir von den Schultern gleite

wie die jungen Jahre.

Inhaitsverzeichnis

FünRer )ahrgang
Zweiies Haibjahr 1914/15

Beiträge Numrner Seite

Adoh Behne

Deutsche Expressionisten 17/18 114

Expressionistische Archltektur 19/20 135

Aibcrt Ehrenstein

Erkenntnis 19/20 135

Oesterreichische Prosa 13/14 98

Hermann Essig

Ein Weitereignis 15/16 108

Kurt Heynicke

Gedichte 13/i 4 93

Oedichte 19/20 134

Qedichte 23/24 156

Träume 23/24 159

Adoit Knobiauch

An die Gefährten 17/18 121

Die schwarze Fahne 19/20 127

Die schwarze Eahne 21/22 142

Die schwarze Fahne 23/24 156

Eriihe Gedichte 21/22 139

Kranz der Heimat 19/20 126

Aase von Kohi

Der Weg durch die Nacht / Roman

13/14

93

15/16

110


17/18

115

Die Hängematte des Riuge

15/16

102

Desider Kosztolanyi

Der Detektiv

19/20

132

Der fette Richter

17/18

121

Hochzeit

21/22

138

Ernst Wiiheim Lotz

Gedichte

19/20

132

August Macke

Die Masken

23/24

157

Zsigmond Moricz

Episode

23/24

158

Mynona

St — eine Aigebraeske

21/22

140

August Stramm

Erwachen

13/14

96

Gedichte

15/16

106

Gedichte

17/18

115

Gedichte

19/20

128

Gedichte

21/22

138

Kräfte

23/24

150

Herwarth Waiden

August Macke

21/22

138

Enthüiiungen

17/18

123

Kritiker

23/24

150

Kunstvorsteher

19/20

134

Rausch des Künstlers und des Nicht-



künstiers

15/16

111

Theater

21/22

143

Paui Zeeh

Das Vorgesicht 19/20 128

Zeichnungen

Vincenc Benes

Linoteumschnitt

13/14

89

Campendonk

Zeichnung

15/16

101

Jacoba van Heemskerck

Originatholzschnitte

15/16

105

Originaiholzschnitte

23/24

149

Originalholzschnitte

23/24

153

Originatholzschnitte

23/24

155

Stilleben / Holzschnitt

19/20

125

Viatisiav Hofman

Gartenpaviifon / Linoleumschnitt

17/18

119

Monumentaigebäude

13/14

94/95

Oskar Kokoschka

Zeichnung

17/18

113

August Macke

Originaizeichnuntg

21/22

137

Cari Mense

Originaiiinoieumschnitt

19/20

129

Originaiiinoieumschnitt

21/22

141

Originallinoieumschnitt

21/22

143

L. Waehimeier

Originaltinoteumschnitt

15/16

107

Originaiiinoieumschnitt

19/20

131

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