Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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tungen Nieben ohne Antwort. Das fehlende Bei-
boot ward am jenseitigen Ufer zerschabt an steii
abfaHender Kiippe ieer gefunden. Sein Tau mochte
sich in der Nacht seibständig vom Segeibootpfiock
gelöst haben.

Andreas kaufte von dem Maler die Cordelia.
Er wohnte ständig am See. Er lernte segeln. Er
kreuzte viel und bei jedem Wetter über die be-
wegte Fläche. Und saß am Steuer, allein und ganz
in Qedanken. Er mußte über die Segeltuchschuhe
nachsinnen, die seine Frau beim Schlafengehen
nicht hätte ausziehen wollen — die nun allein von
ihr zurückgeblieben waren. Sonst keine Spur.
Hatte nicht er selbst die Schuhe neben den Groß-
baum auf sorgsam gerolltes Tauwerk gestellt? Er
selbst? Dorthin, wo sie wirklich am nächsten
Morgen standen? — AIso war auch alles andere
ebenso wirklich geschehen.

Er dachte Stunden darüber nach. Tage. Er
fand eine Lösuug, die friedlich alle Qual zudeckte.
„Sie ist nicht ertrunken," sagte er vor sich hin.
„Sie ist Schiff geworden. Was erzählte sie, als
sie heraufkam nach ihrem langen Tauchen? „Ich
schwebte unter dem Bleikiel, ich trug das ganze
Schiff, ich selbst war das Schiff". — Sie ist in diese
Planken gefahren, sie hat sich verkleidet in diese
Wellearciterin. Sie ist da, sie ist unter mir, neben
mir, sie ist nicht fern, sie ist da, ich halte sie. —
Lili, du Schiff Cordelia, geliebtes," sagte er in die
leere Luft, und er streichelte Holz und Taue. „Du
bist mir nah, nun du so fern bist."

Andere Tage kamen, andere Qesichte. Er sagte
sich: Doch ist sie ertrunken. Und durch meine
Schuld. Ich trat ihr auf die eisigen Finger, sie
mußte loslassen, sie ging unter mit offenem Munde.
Ich bin schuld. Man muß noch einmal suchen, den
ganzen See muß ich absuchen Iassen. Das Schilf,
besonders das Schilf. In ihm ist zu wenig ge-
fahndet worden. Sie Iiegt darin mit offenen Augen
und fragendem Munde — fragend: weil sie nicht
begreift, warum ich das getan habe, warum ich ihr
auf die Finger getreten bin.

Er kam herauf aus selner Versunkenheit. Er
schuttelte Verworrenes ab: Aber das ist ja alles
nicht wahr. Sie ist einfach auf und davon. Auf
und davon. Immer noch träume ich. Erwache
doch endlich, Andreas.

Oft fuhr er beim Mondschein hinaus. Er sah
etwas treiben auf silbriger Fläche und steuerte dar-
auf zu. Es war ein Baumstrunk, ein Strohwisch.

Er lag unbewegt unterm Sternhimmel, bei
Windstille, und sah etwas schwimmen auf eben-
hölzerner Fläche. Er löste das Beiboot, fuhr hin.
Es war ein Pflock, eine weiße Boje. AHes war tot
in diesen windlosen Nächten. Verwesung lag in
der Luft. Ein schlimmer Qeruch quoll aus dem
Schiffsboden. — Ich habe sie erwärgt, damals des
Nachts in der Kajüte, mußte er denken. Meine
Hände zerquetschten ihren Hals. Ich habe sie ge-
haßt in jener Nacht. Man muß nachsehen im Kiel-
raum unter den Bohlen. Dort liegt ihr Leichnam
verstaut. — Er hob die Bretter. Er leuchtete mit
Streichhölzern hinunter, sah ein Menschengesicht
seinem grabenden Blicke zugewandt — sein eige-
nes im öligen Spiegel des Kielraumwassers. Sein
Qesicht erhebend, unaufhörlich verzerrt im zit-
ternden Spiegel. Das Holz erlosch, Finsternis fraß
ihn auf. — Er kroch in jeden Winkei, tastete den
Vorraum aus, griff etwas Feuchtes, Weiches,
Fleischähnliches — griff ein Bündel Stoff, das dort
lagerte, den Sturmklüver, das Oelzeug. Kam wie-
der an Deck, zerrissen und dennoch erleichtert

Er jagte durch Sturmnächte. Schaumige Wel-
len griffen nach dem Bug — überklatschten ihn.
Des Bootes Flanken sausten durch den Brodem.
Sie zischten auf im siedenden Wasser. In seiner
Hand das Steuerruder zitterte unaufhörlich, be-

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rauscht von verhaltenem Leben. So verhalten
hatte auch sie gebebt im Aufruhr der Sinne, wenn
sie sich hingab. Sie war es auch jetzt, die da
zitterte. „Du Schiff Cordelia! — Die sich lieben,
sind sich am fernsten," sägte er heiß und rauh und
faßte fester zu in diesen Liebesnächten.

Er gierte nach dem Tode. Suchte ihn in toben-
der Seemitte, beim lügnerischen Licht des sturm-
zerfetzten Mondes. Spähte nach ihm an brüllen-
den Felswänden, war ihm schon ganz nah, sah
ihn riesengroß, alles ausfüllend, war halb schon
drüben, erstarrend schon unter jenem allmächtigen

Qesicht-und stcuerte darunter hindurch,

mußte, aufschreiend über seines Willens Ohn-
macht, daran vorbei.

Er hatte Sehnsucht nach solchem Ende, er
hatte auch Angst vor ihm. Er liebte den Tod und
er haßte ihn zugleich.

Er blieb am Leben.

Gedichte

Albert Ehrenstein
Ruhm

Sie besudeln das Firmament,
sie werden statt ihrer Journale
die Sterne bedrucken.

Mich widert der faulige Atem
williger Besprecheriche.

Bittrer Arbeit Abendstirn

spült doch ruckweise der Tod hinab!

Ich bin ja nur ein armes Gurgelwasser
im Rachen der Zeit.

Matura

Ist geritzt die Schiefertafel,
gleiten wir auf schrillen Wegen
dem selbstgeschaffnen Abgrund zu.

In des Schlafes süßes Wieder
kriecht Grammatik und Physik.

Tags benagen Hyänen Homer,
bis, den die Zeit kahl fraß,
ein Aufsichtsschädel endend nickt;
von den Mauern bröckelt Rede,
alter Tiere gelbe Weisheit
schlägt an toten Fräcken nieder.

Ich aber kenne einen, dem das Haupt zersann
der Aorist von Pi.

Der Weg
durch die Nacht

Roman

Aage von Kohl

Fortsetznng

Einen Augenblick kam es ihm vor, als werde
er verschlungen von einer Finsternis, von einer
dröhnenden Nacht, in der es keine Hoffnung gab.

Plötzlich eiskalt, kälteschaudernd, mit klap-
pernden Zähnen, sperrte er trotzig die Augen auf
— und sah.

Und da erschien es ihm jäh, als sei er jetzt im-
stande, das Eigentlichste hinter diesem allen hier,
was um ihn her vorging, zu erkennen!

Jetzt sah er, daß es gewiß nicht nur sein Frack
war, der mit Mühe und Not für diesen einen
Abend beschafft war! Ach nein — da war gar
mancherlei, das ihm jetzt von den betreffenden
Besitzern auf ähnliche Weise beschafft zu sein
schien! Und zwar waren es nicht nur die Kleider,

es waren intimere Dinge als Frack und Beinkiei-
der und Weste —: es war alles das, was in rot-
randigen Augen, die zu blank waren und deren
Biicke beständig auswichen, zu icsen stand; in
Mündern, die ihr lustiges Lächeln ein wenig zu
hoch hinauf zogen, so daß man die Plomben sah;
es war Fiirt, der davon erzählte, daß es da drin-
nen hinter dem schimmernden Schein an Flam-
men fehlte; es waren Geistreichigkeiten, die
schon in der Entfernung danach stanken, für diesen
einen Abend aus dem Mont de Pietö gekommen
zu sein!

Berühmtheiten?!

Unbestreitbar —- aber waren nicht auch so-
wohl Ringer als Radler und Flicger berühmt?!

Kurz und gut —: däs ganze war ja, das sait
er jetzt klar — das alles war nur das Qewöhnliche
wieder von vorne an! es war ja die unvergäng-
liche, die wohlbekannte Dürftigkeit der Menge
hinter dem Prunk, ihre Schäbigkeit hinter dem
Qlanz, ihre Qeistlosigkeit hinter der Albdrnheit
und den geliehenen Phrasen!

Aber nun er selber?

War er denn etwas Anderes, etwas Besseres.
als die andern?!

Was wog er denn mehr als die — die er in
diesem Nu alle atif seiner kritischen Wage gewo-
gen und zu leicht befttnden hatte?

Von neuem erschien ihm, a!s käme er
über alles dieses nie hinweg — ach, die
Qualen, die er so gut kannte — die Mar-
terqualen darüber, daß er noch gar nichts gc-
schaffen hatte, daß er noch nicht einmal wußte,
ob es ihm jemals gelingen würde, das niederzu-
schreiben, was er da drinnen in allen Fibern als
titanischen Wahnsinn empfand — diese zerflei-
schenden Qualen machten sein Herz von neuem
schwelien und schmerzen, nein, nein, es war
wirklich wahr, was hatte er wohl vor dem an-
dern voraus —: gar nichts, auch nicht das aHer-
geringsteü . . .

Aber da fühlte er schon, wie es tief drinnen iu
seinen Armen und Beinen und seiner Brust
strömte. Da merkte er auf einma!, wie das Blut
funkelnd durch die Adern lief —:

Ach ja!

Er hatte wohi das Seine — trotzdem!

Denn sie gehörten doch wohl niemand anderes
ais ihm, die Kräfte, die beständig in seinem Sinn
wogten, baid ais Ebbe und baid ais Springflut?!

Er war doch wohl selber der Besitzer seiner
eigenen Piäne! Hatte doch übrigens auch schon
ein paar Bücher geschrtieben, Bücher, die auf
aiie Fäiie nach keiner Richtung hin denen anderer
giichen — die nicht entiiehen, die nicht entlehnt,
sondern die jedes einzehie, mit sämtiichen Fehlern
und Qebrechen trotz aiiem ans einem Wesen eni-
sprungen waren, das in heiien Fiammen stand! aus
einem Feuer, das seine Brände knisternd gen
Himme! schieuderte, das Tag fiir Tag immer ge-
waitsamer den Trichter seines Kraters nach aiien
Seiten hin zersprengte, giutrot in seinem Tiegei
die Stoffe alier Weit zu iener einen rauchenden
Purpurmasse zusammenschmoiz!

Oder, wie hatte ihn doch seine Freundin ge-
nannt, damais, vor ein paar Jahren; mit diesem
Namen, der bei seinen Freunden und Kameradeu
die Runde machte —: der kaite Mann mit dem
Riesenherzen! Nicht wahr —: ein Stahlmann und
Feuermann, der Kraft besaß, sein Brot am Vor-
mittag zu verdienen, wie notdürftig es auch war
— in den Stunden des Nachmittags seine Pläne
zu brauen und sie mit Schwefei und Honig nieder-
zuschreiben — die Abende im Verkehr mii den
andern jungen Leuten zu verbringen — und die
Nächte zu lesen und zu grübein, Tag für Tag anf
dieseibe Weise, ohne jemais zu ermüden oder zu
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