Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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„Qanz so wie jetzt!" . . .

Wie jetzt?

Er hatte sich mit einem Sprung erhoben —:

Wie jetzt? — Seine Fäuste hatten sich jäh auf-
gereckt, aus seiner Brust stieg ein Stöhnen aui —:

WIE JETZT?? — Und es kam ihm piötzlich
vor, als steige da, aus seinem tieisten Innern her-
aus — und von aHen Seiten rings um ihn her, ein
heißes, ein ohrenbetäubendes, ein zähneknirschen-
des Murmein auf — ein rätselhaites, ein gleichsam
kauendes und gewaltsames Qeräusch.

Lauschend und gehässig beugte er den Kopf
vornüber, spannte seine Hörkräfte mit aller Macht
an, vernahm immer stärker diesen heiseren, die-
sen knurrenden Ton, der da drinnen in seiner
Brust erklang; verstand ihn auf einmal, vernahm
ihn wieder aus der Hitze der Luft, äus dem dunk-
len, schwarzen Meer da draußen, aus den kohl-
schwarzen Bäumen, die sich brausend unter einem
Windhauch rülmten —:

Ja!

Nun begriff er es gründlich!

Nun hörte er mit allen Sinnen, was es war —:
Karl Mumme!

Jawohl, das war die Rache, die sich aufge-
richtet hatte — und nun seinen Sinn zur Tat rief!

„Ich komme!" — Er machte schnell Kehrt, mit
einem Ruck galoppierte er dahin, lief wild schäu-
mend durch den Qarten hinauf —:

„Karl Mumme!

Ich will dich noch heute Nacht fassen!

Es ist aur Platz in der Welt für dich — oder
für mich!" . . .

' V

Mit einem Ruck hielt Glaß Morton eineu Mo-
ment später in seinem Lauf inne und stand still —
nach Luft schnappend, verwirrt.

Er war nur bis an die breite, gebogene Treppe
hinaufgelangt — die von der Villa in den Garten
hinabführte, im Augenblick gedämpft bcleuchtet
von dem bunten Schimmer einer farbigen Läterne
da drinnen auf der großen Veranda. 1hm fiel plötz-
lich Frau Brügge ein, gleich darauf empfand er
auch noch ein Schaudern von dem, was ihn soeben
veranlaßt hatte, kopfüber von da unten vom Was-
ser hier hinaufzustürmen — beeilte sich indessen,
diese aufflammende Erinnerung zu unter-
drücken —:

„Ja!" — murmelte er —:

„Frau Brügge!

Das darf ich wirklich nicht vergessen!"

Eine kleine Weile blieb er jedoch unentschlossen
stehen, versuchte seinen Atem in Ordnung zu brin-
gen, den einen Fuß auf der untersten Stufe, lang-
sam den Kopf von rechts nach links drehend, wäh-
rend er seine Stirn trocknete, die von Schweiß
troff.

Es ward ihm unmittelbar darauf bewußt, daß
es schon sehr spät sein müsse, er war müde — ja,
der allereigentlichste Qrund, weswegen er so
hastig hier hinaufeilte, war wahrscheinlich der,
daß er beim Tee zu der Haushälterin gesagt hatte,
er möchte, ehe sie zu Bette ging, gern ein paar
Worte mit ihr reden! Gut, er wollte also sein Ver-
säumnis ihr gegentiber so schnell wie möglich wie-
der gut machen — und das Notwendige jetzt so-
gleich besorgen! . . .

Er ordnete mühselig, noch ein klein wenig keu-
chend, an seinem Haar, seiner Jacke und Weste —
und ging dann, mit etwas schweren Schritten, die
sechs braunen Stufen hinäuf. Kam in die kühle
Luft der Veranda, in die wechselnde, blaue, grüne
und rote Beleuchtung unter dem Lampion, der lang-
sam an seiner Schnur schaukelte — und suchte
dort den Ausdruck seines Antlitzes zu glätten. Ver-
gaß das wieder, während er mit vorgestreckten

Händen Fuß für Fuß weiter tastete, durch die
völlige Finsternis der Qartenstube. Gelangte ein
klein wenig nervös in das stark erhellte Entree
hinaus, ging schnell mit zusammengekniffenen
Augen auf ihre Tür zu und klopfte leise an —

„Entschuldigen Sie, Frau Brügge!

Sind Sie noch auf?

Ja, Sie müssen mir verzeihen, daß ich Sie so
lange habe warten lassen . . . aber ich . . . aber
da war . . . ."

Die Haushälterin kam heraus mit einem Knicks,
schloß die Tür lautlos hinter sich —:

„Der Herr hatte mir ja noch eine Weisung zu
geben — sägten Sie vorhin, drinnen beim Tee!?"

Glaß nickte. Er fühlte von neuem, in diesem
selben Moment, wo Frau Brügge das Wort Tee
nannte — genau dieselbe sonderbare Dreiteilung
in seinem Wesen, die er die ganze Zeit empfunden
hatte, während der Professor hier war: nach außen
zu die kühle, ein wenig schlaffe Puhe, vielleicht
jedoch unbedeutend weniger ausgeprägt als vor-
hin; da drinnen einen merkwürdigen, umnebelten,
chaotischen Zustand, wie eine halbwegs gefühllose,
isolierende Mittelschicht — jedoch auch dieses
ganz unerheblich weniger zuverlässig, als das
vorige Mal; und im allerinnersten diesen heißen,
erstickenden Dunst wie von Glut und Flammen,
der hin und wieder einmal wie ein feuriger Fächer
sich über seinen Hals und sein Gesicht ausbreitete
— als beuge er sich zu tief über eine mächtige und
weit offene Feuerstätte hinab!

Er nickte nock einmal, mit einer Andeutung
von einem Lächeln, der Haushälterin zu —:

„Ja!" — sagte er mit gedämpfter Stimme und
konnte sich aus irgend einem Grunde nicht enthal-
ten, geheimnisvoll die linke Hand mit erhobenem
Zeigefinger auszustrecken — „bitte, kommen Sie
mit hier hinein!"

Fortsetzung folgt

Die ietzte Nacht

Kurt Striepe

Ich habe Schmerzen heute Nacht. Mein Ge-
sicht ist gedunsen, wie übervolle Brüste schwan-
gerer Frauen. Der Arzt sagte gestern ,Ihr Mund
ist vereitert', und dabei lachte seine schmiß-
verzerrte Fresse. — Er dachte an sein Verdienst.

Ich weiß meinen Kopf nicht zu lassen. Ich
will mich aufsetzen, vielleicht kommt dann die
Puhe. Einmal möcht ich auch schlafen. Meine
Finger sind klebrig naß, der Atem ist gelb und
riecht ansteckend. Ich möchte weinen können —

Der Föhn nahm vorhin eines von meinen Fen-
stern mit. Nun ist es kalt bei mir. Drunten hustet
ein letztes Auto nach Hause.

Wie mein Mund brennt! Ich habe vorhin viel
Pum getrunken, um Puhe zu haben. Ich kann
mich betrunken trinken, ohne es zu merken. Auch
vom Wasser kann ich betrunken werden. Das
Blut klopft an das Fleisch meiner Zä'me. Das gibt
einen dunklen Schmerzschlag. Ich fiebere. — Aber
morgen muß ich wieder arbeiten.

Drunten arbeiten sie jetzt schoii. Da arbeiten
ein paar Männer die ganze Pegennacht hindurch.
Die Geleise der Elektrischen wollen sie glühend
machen. Ihre Lampen zischen und schwimmen
durch die Luft zu mir. Mein Mund ist eine HöIIe
— Jodoform hat der Arzt mir heute Morgen in
die Wunden gelegt. Mein ganzes Zimmer riecht
gelb und kraß nach diesem Gift. Ich möchte, der
Arzt käme wieder. Ich gefalle mir in dem Ge-
danken, daß auch einmal einer zu mir kommt. Der

Arzt war häßlich. Aber der Schnitt, den er
mir macht, war herrlich. Ich schmeckte mein
Blut. Mein Biut ist nicht süß. Es ist schwer,
dunkel-rauschend. Berauschendes Qift. — Ich
glaube, ich muß bald sterben. Ich weißt es ia
nicht, aber ich — wenn doch die Schmerzen ein-
mal aufhören wollten! Wenn ich stürbe — dann
käme die Ruhe, die ich mir wünsche. An mir
ist auch nichts gelegen. Kein Mensch wiirde Notiz
davon nehmen. Du? Vielleicht — Du hättest
dann wieder etwas Neues den Menschen zu er-
zählen — von dem Freund, der so jung sterben
mußte. Wie ist das alles Iächerlich. Man läßt
mich jetzt ruhig hungern. Nur die Mädchen kom-
men immer — und nach denen habe ich nie
Hunger.

Gestern Nacht die schwarze Maruschka —
der Name hat etwas Peitschendes.

Drunten explodieren in Zeiten die Lampen der
Arbeiter. Eine tönende Linie am Horizont bilden
die Explosionen, die schwebend Begattung suclit.
Genotzüchtigt schreien die Sterne.

Ich wundere mich, daß ich das alles bemerke.

Meine Hand presse ich an meine Augen, die so
tief liegen, daß ich sie kaum fassen kann. Die
Lippen zittern und fliegen im Fieberfrost. Regeu-
würmer, unförmige, rissig-geschwollene Leiber.
Das kleine blaue Nachtlicht flackert in der fieber-
geschwängerten Luft meines Zimmers. Das Leben
in ihm sucht frische Lebensluft. Ich höre es bluten
und sich quälen. Es macht mir Freude, einen
Gefährten zu haben, der mit mir geht. Wir wer-
den zu gleicher Zeit gehen. Mein letzter Atem
soll auch sein letztes Zucken sein. Ich werde nicht
zucken, wenn ich sterbe. Mein Gesicht soll Puhe
sein und niemand soll wissen, daß es je Schmerzen
gekannt hat.

Tch habe schon viel Schmerzen gehabt. Ich
habe schon oft geglaubt, sterben zu mtissen. Und
wenn ich dann zu Dir kam und Dir sagte, was
mich quälte, so lachtest Du — wie der Arzt vor-
hin. Und dann fanden Deine Lippen immer das
gleiche Wort. Hypochonder. Ich ließ Dich bei
Deinem Glauben. Glauben ist Selbstpoetik. Und
Deine Träurne zerstören hätte ich nie gekonnt. —
Und als man mich Dir einmal brächte — lebenlos
und gesättigt von Morphium und dem leuchtenden
Gas meines Zimmers, da verlorst Du Dein Träu-
men. Die Wirklichkeit ist stets eine Roheit. Von
dem Tage an waren wir uns fremd. Und nun?
— Haßt Du mich schon? Es war gut von Dir,
unser Spiel zu zerbrechen — Du hättest sonst das
Lachcn verlernt. Aber ich bin nicht hypochond-
risch und wehre mich gegen diese Behauptung.
Ich weiß meine Leiden einzuschätzen und habe
sie biirokratisch in statistische Einheiten aufgeteilt.
Neurasthenisch mag ich wohl sein — wer ist das
nicht? Meine Mutter ist hysterisch und meine
Schwester Lesbierin. Mein Vater fühlt sich bei
den Mädchen wohl und mein Bruder im — Irren-
haus. Du bist für mich ein Symbol — „Die Rcin-
heit". Aber Deine Bettgefährten kenne ich nicht.
Was ich bin, weiß ich nicht. — „Der Wunsch nach
mir." Vielleicht. Aber warum lebe ich dann? Das
alles war, nun weiß ich nichts mehr von Euch.
Euch geht es sicher gut. — Mein Wunsch-Sehnen
ist rasend geworden.

Ich habe einen guten Freund. Der gibt mir
Morphium, soviel ich haben will. Er weiß, daß ich
ohne diese Labe nicht leben kann — wie Ihr es
nicht könnt, ohne den traditionellen Coitus. FrRher
genügte mir schon eine kleine Löffelspitze und ich
schlief tief und zufrieden. Jetzt bringt mir kaum
noch ein Teelöffel voll Befriedigung. Ich habe
mich an dies wie an den Hunger und die Schmer-
zen gewöhnt. Wenn ich einmal zu fest eingeschla-
fen bin, daß das Leben keine Lust mehr hat, mich

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