Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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auf der weißen Decke. Er zögert noch eine Se-
kunde, iindet beinahe, daß es unrecht ist, sie schon
wecken zu müssen! Und doch — denkt er gieich
darauf, umfangen von einer sonderbaren, sehr ge-
dämpften und schmerziichen Unruhe, die er nicht
begreifen kann, über die näher nachzugrübein er
sich übrigens auch keine Zeit täßt —: und doch
ist es zweifeisohne nicht richtig, daß sie unter Um-
ständen wie diese noch weiter schiäft! Nein, ab-
soiut nicht — da ist noch zu viei zu riskieren!

Also —:

„Annie, kieines Lieb!

Annie, haha, mach jetzt nur deine Augen auf!

Sieh, hier iiegst du ja so gut in deinem eigenen
Bett, in deinem und meinem Bett, liegst du so lieb-
iich da!

Aber ich möchte doch so herziich gern deine
Stimme einmal hören — du weißt nicht, wie un-
endiich ich mich danach gesehnt habe, diesen gan-
zen Abend heute!"

Sie antwortet indessen nicht.

Er schiittelt zärtiich und iächejnd den Kopf.

Mein Gott, wie muß sie müde sein, so tief pflegt
sie doch sonst niemais zu schiafen!

Aber versuchen wir es doch noch einma! wieder

— denn, wie gesagt, niemand weiß, was geschehen
kann, wenn man nicht Tag und Nacht wacht!

Er richtet sich halbwegs auf, iegt sich nun auf
die Knie auf den Knnd des Bettes seiber, stützt
sich vornüber auf beide Handfiächen, die tief, tief
versinken in dem weichen Lager zu beiden Seiten
ihrer Gestajt; er liegt da, das Gesicht ganz nahe
an ihrem Gürte!, und ftüster mit einer heißen und
leisen Stimme, mit einer stammetnden und seügen
Stimme —:

„Annie!

Höre jetzt einmal!

Mein Schatz, dies geht nimmermehr an!

Komm, Geiiebte, du mußt auf, es ist spät — und
kein Mensch in der We!t weiß, was an Entsetz-
iichem noch vor Abend eintreten kann!"

Er fiihit sich piötzlich durchschauert bei diesen
Worten — oder nein, vielmehr wei! sie nicht er-
wachen wiH! Nicht erwachen, sie, deren Schlum-
mer immer so leicht war — grübeit er, auf einma!
außer sich vor Angst —: soHte das aHes denn ver-
kehrt sein? Ist ihm das Ganze denn im tiefsten
Innern mit Stumpf und Stiel mißglückt —: ist sie
es vieHeicht schließHch gar nicht, die er hier mit
hinaufgebracht hat? Ist es vieüeicht denkbar, daß
es mit anderen Worten ein wildfremdes Wesen ist,
irgendeine Leiche, irgendeine, die gemordet wurde

— ist es eine eiskalte, eine geschändete und ge-
mordete Frau, die er hier hinaufgescMeppt und auf
Annies feines Bett gelegt hat?!

Fortsetzung toigt

Gedichte

Knrt Heynicke
Abend

Wenn die Straßen
abends sich mit weiten Fingern
ihren dunklen Mantel holen
und ihn knöpfen

mit dem bleichen, weichen Licht der Gaslaternen,
hocken die harten Knochen hohlbackiger Männer
und die schlaffen Brüste gebärmüder Frauen
vor totenäugigen Kellerfenstern.

Eine magere, hochbuckelige Katze

tänzelt durch das Gewirr der jammernden Münder,

durch den Rauch billiger Zigaretten

und bürstet ihr Fell am Knie einer Dirne.

Hart und laut

brüllt über den Dächern elfmal die Nacht.
GeräuschvoII schließen die Gassen die Augen.
Nur der Helm eines Schutzmanns
ist eine KHppe,

gemieden vom Gummischritt billiger Mädchen.

Fabrikmädchen am Sonnabend

Die bunte, billige Fahne um die Hüften,
die Nase in den Lüften,
den Lohnbeutel in striemigen Händen,
und das Lachen schon im Sonntag.

In den Lenden
ein Wiegen
als trügen

sie andächtig ein Muttergottesbild.

Die Keusche

Sie hat ewig
Wasser in den Augen.

HeHblaue Kleider mühen sich,
zu sitzen.

Ihr Lächeln ist das KoIIen eines Kinofilms.
Sechs Knöpfe

haben ihre Leinwandhosen.

Künstier

Die Dichterin

„Sammlung von Gedichten erscheinen lassen,
die zum allerbesten gehört, was uns die deutsche
Lyrik in den letzten Jahren beschert hat." Von
der schönen Bescherung mußte das Berliner Tage-
blatt sein Teilchen für die sehr geehrten Leser ab-
bekommen. Ein wirklicher Geheimrat, der sonst
königliche Kupferstiche in Dresden behütet, wandte
sein gütiges Herz der deutschen Lyrik zu. Sie sind
so „außerordentlich weiblich irn rühmenden Sinne",
die Gedichte. Natürlich auch mit der Natur ver-
bunden: „Sie atmen die herbstiße Gebirgsluft ihrer
tiroler Heimat". Kurz, solche Gedichte „werden
wohl nur in weiblichen Menschenherzen geboren."
Nein, Herr Geheimrat, sie werden wohl auch in
männlichen Menschenherzen geboren, diese Ge-
dichte. Sie sind komplett fertig, diese Kinderchen.
„Einfachheit, um es mit einem Worte zu sagen, ist
der große Vorzug ihrer dichterischen Eigenart."
Und dann kommt die Bescherung, eine Probe der
einfachen Eigenart:

Bergsee

Wie ist der See zur Mittagsstund
Glasklar und wasserrein.

Komm, wirf den kleinsten Kieselstein,

Ihm in das grüne Herz hinein,

Du siehst ihn bis zum Grund.

Es wird dem Leser dabei nicht so wohlig, er
erfährt nicht, ob der kleinste Kieselstein in das
grüne männliche oder weibliche Herz geworfen
wird. S. Fischer holte sich die kleinen Kieselsteine
und ward nicht mehr gesehen.

Der Dichter

Ja, was so ein männlicher Dichter ist, das greift
gleich anders zu. Wasser tuts freilich nicht, aber:
„Javol" bereitet mir viel Behagen,

Ich brauch' es schon seit vielen Tagen:

Zu stärken meinen blonden Schopf,

Zu erfrischen meinen Dichterkopf,

Und überhaupt, weil es sehr gut
Dem Haar, der Haut, dem Kopfe tut.

Dr. Hanns Heinz Ewers

Der Dämoniker mit dem Pyjamas und ff Kra-
watten läßt in seine tiefsten Toilettengeheimnisse
blicken. Der blonde Schopf, den so oft der dich-
terische Arm beim Photographieren stützen muß,
verdient die Stärke glanzvoll aber fettlos. Der

Dichterschopf existiert in diesem javoligen Fall nur
durch den Dichter Busch. Viele existieren nur
von andern und selbst der Gebrauch von Javol
macht die Köpfchen nicht zu Köpfen. Aber wie singt
doch die Dichterin, zitiert wie geschmiert:
Komm, wirf den kleinsten Kieselstein,

Ihm in das grüne Herz hinein,

Du siehst ihn bis zum Grund.

Der Vater des Kubisten

Kubistische Söhne, auch wenn sie nur kubistisch
tun, können immerhin ihre Väter berühmt machen,
soweit sie Schüler Prellers sind. Dieser rührende
Herr W. B., der die Münchener in den Neuesten
Nachrichten über bessere Kunst aufklärt, rühmt
einen Vater eines Kubisten. Das war eine merk-
würdige Zeit, damals, als Preller und seine Leute
die Lande weit und breit bemalten. Herr W. B. hat
jene Zeit öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt,
noch mehr, er hat sie erkannt: „Vielmehr scheinen,
wie man das in jener Zeit öfter zu beobachten Ge-
legenheit hat, zwei Seelen in seiner Brust gewohnt
zu haben." Trotzdem blieb das Herz des Malers
reiner, als seine Farben. „Er konnte sich dem
Einfluß der klassischen Auffassung nicht entziehen
und sah andererseits doch ein, daß die vom Westen
kommende neue Pichtung eine umfangreiche Skala
differenzierter und delikater Darbietungen ermög-
liche. In diesem Sinne . . ." malt er nur einer-
seits. Die zweite Seele erbte Herr W. B., der sie
aber auch noch nicht trocken gewohnt hat.

Der Hmpressionist

„Und einer, den eine Ahnung treibt, oder viel-
leicht auch nur der Wunsch, zuerst etwas Neues
zu erfahren, turnt auf den Vorderperron und wartet
auf den nächsten Zettelverteiler.

Da steht er, am Nollendorfplatz, und im Vorbei-
sausen drückt er dem Fahrgast einige Blätter in die
Hand. Der liest, kriegt einen Choc und klopft wie
wahnsinnig an die vordere Glastür des Wagens.

„Auf! Macht doch äuf!"

Brummend kommt der Schaffner und der junge
Mensch steht in der Tür.

' „Extraausgabe des Berliner Tage-
blatts: Der österreichische Thron-
folger und seine Frau sind ermordet!"

Der heeindruckte junge Mensch könnte sich
um einen Redakteurposten bei UHstein oder um
eine Zettelverteilerstelle bei Scherl bewerben. Das
Extrablatt eines Mordes zum Extradreck einer Re-
klame zu machen, ist zum Schießen.

H. W.

StoGseufzer

Ihr Götter von Pechts und Links,
wenn schon der Tag langen Ganges nicht

vorübergeht,

verschont meine schmerzzertobte Brust,
wenn sie nachtbefangen und ungewappnet ist.
Denn der Mond lärmt am blutigen Himmel,
mich hetzen die Geister der unbesprochenen

Bücher,

gleichend gefleckten BuIIenbeißern,
den Kröten unter den Hunden.

Ich, weilend im trauernden Forst,

kann nicht entrinnen,

unfähig des Bergs,

des Erklimmens rettender Gipfel,

wo reiner die Luft ist

und kein Gerede von Büchern,

den Kröten unter den Dingen!

Albert Ehrenstein
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