Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Kranz der Heimat

atts sieben Hymnen:

Wiegengesang / Der Strom / Das Erwachen /

Das Liebeslied / Die Heide / Das Märchen ;

Lrinnerung

Mein jugendfrischer
In Liebe empfangener
Und freigeborener
KranzderJugend
Kranz der Heimat

*

Der Heimat aus dem Hoheniiede ge-
sagt:

Ist sie eine Mauer,

So woilen wir ein silbern BoHwerk drauf bauen
IstsieeineTür

So woiien wir sie festigen mit Zedernbohien

Wiegengesang

Du rufst mich, Wiesengesang meiner
Heimat . . .

Der Vater wirft mir reife Aepfei zu, und die Mutter
scMieüt mich in ihre Arme.

Die Stimmen meiner Brtider rufen mich emsig: wie
junge Vögei rufen sie den iieben Qespieien.
Unter grtinen Eichen gehen aii die Lieben, mit
Festgewändern angetan.

Aber ic!i gehe a!s Bettier einher, mit Staub be-
aeckt und trage die Spuren geduidiger Mühen.
Sie erwarten mich stiii, fiüstern mit Einander und
betrachten mich mit seitsam giänzenden Augen:
An die Hände fassen mich meine Brüder,

Vater hebt die Wanderbürde von meinem Rücken,
Die Mutter ktißt meinen Mund, wendet sich ab und
weint . . .

So rufst du mich Wiegengesang —

AbendküMe iiebkost die zerrütteten Simie und
trocknet die feuchte Stirne.

Du beginnst wieder mit deiner Zauberfiöte
Die Weisen der zarten Kindheit und die lustigen
Märchen zu erzählen,

Und die iang versunkenen Bilder deiner Traulich-
keit neu zu wecken,

Alit einer Sehnsucht, die weh jubelnd die Arme
ausbreitet

Und schluchzend zur Erde sinkt . . .

Seht dies sind meine Eltern:

Alit meiner Pein und meinem Qrausen habe ich
sieerschreckt,

Doch trotz meiner Häßlichkeit halten sie mich lieb,
Und wenn ich auch dies Teure nicht begreifen
mag,

So weiß ich Eines über allem Begreifen,

Sie rufen mich und halten mich lieb,

Und ich darf bei ihnen bleiben dankbar und in
Frieden,

Heile Kräfte werden Nahrung bringen
Mit goldenen Eimern in alle Blüten . . .

Der Strom

Auf dem breiten Heimat-Strom fahre ich in mein
Jugendland.

Die schweren Lastkähne treiben stromabwärts im
roten Abendlicht,

Zum eintönigen schwermütigen Singsang
Rauscht der sachte Wind in den breiten braunen
Segeln.

Aus kleinen rotdachigen Städten, den Dörfern mit
schmalen Strohgiebeln

Klingen die Schläge des Schmiedgehämmers,

Die dumpfen Donner der Drescher auf vollen
Tennen.

Zwischen niedren Deichen faliren wir mit dem
strömenden, wolken-beglänzten Wasser,
Ungehinderten Fernblicks tiber die stillen Marsch-
fluren

Mit ihrem Rauch verborgener Dörfer,

Mit den schmalen großäugigen Pferden
Und den bunten ruhigen Kühen, die ernst an die
Ufer des fahrtreichen Stromes treten
Und uns und iiber uns hinweg die jenseitige Ebene
betrachten,

Die fernblauenden Schatten dunkler Hügel,

Von denen nieder die Abendsonne noch einmal
Den StraMenbecher ihren träumenden Kindern zu
heilem Tranke reicht.

Auf der spiegelnden Flut, der makeHosen, nahen
die Schwäne, irdisch trauliche Boten,

Und fahren über die Tiefe den Lieben Sohn mit
vogelleichtem Boot und Silberruf
Aus diisterer Fremde heim in die königlichen Arme
der Väter:

Liebeslieder, Mädchenlieder, Mär-
chenlieder, die alten frohen und wehen
Lieder,

Die WcIIen, die gen den Kahn plätschern,

Silberne Springbrunnen, die zur Wölbung des
himmlischen Traumes hinansteigen.

Lieder mit dem zarten Flug der Engel
Mit dem weißen Leib stark inniger Jungfrauen
Geben geduldig waches Qeleit ins Jugendland mit
trostreichem Spruch . . .

Das Erwachen

Zwischen grauen Säulen im blinkenden
Saal

Erwächst der Kranke und lernt in das einsame
Dämmer aufzusehen und zu verehren,

Und die Säule, an die er sich lehnt, küßt er manch-
mal mit Scheu, umarmt sie insgeheim.

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Ueber ihm steht der goldheüe Spiegel gespannt,
der aüe lauteren Dinge verklärt
In des Morgenrotes Kräften fiihlt er köstlichen
Brand,

Hauchgleich aus des zierdenreichen AIIs Quellen
strahlend

Bis zum Erlöschen in der Liebe gestirnter Himmel.

Mitten in seinem Toben, im holden Krampf,

Mitten in seinem blinden Weinen hüllt den star-
ren Leib

D a s M i I d e in dem mütterlichen Mantel
Das Mädchen legt Arme, Hände, Mund,

Die weichste Berührung um sein fortgewandtes
Haupt.

Ein Zittern steigt iiber das Qrausig Leere,

Ein Farbenbogen ersteht seufzend
Von schimmernden Kerzen in Miüionen Händen
Verborgene Tränen durchrinnen den Knaben bis in
die geringste Leibesfalte

Aus keusch erbrochenem Herzen entzücken sie die
wiedergeborenen Qlieder,

Die sich zur Berührung wölben
Mit weitem Atemholen horcht er der neuen klaren
Stimme,

Die ihm geläutet wird von Mutter- und Liebes-
Macht.

Bang erblickt er in dem Antlitz, das ihn mit zärt-
lichem Flüstern friedet,

Das Qeschenk der großen Weißen Erde, das er
empfangen darf.

Er senkt das Knie, beugt das Haupt,

Sie jauchzt still die höchste Kindeslust,

Er drängt in sein schaffendes Leben, welches das
Schicksal hämmert

In seiner Herzschläge tollem Gewirr zu Zucht und
lehrender Qröße:

Sanft siukt eine voile weiße Blume
auf seine Stirn.

Das Liebeslied

Die beiden seligen Kinuer fliistert das Mittagslied
der Hummel

Auf breiter bunter Heide in wonnigem Traum
Auf dem Edeltiiron des Htigels blicken sie gen Eiu-
ander im sonnigen Feuer,

Der Mittagshauch gleitet durch ihr gekostes Haar,
um der Lieben nackte Arme.

Ihre Nacktheit sehnt sich nach Umfangenwerden,
und sie beugt sich herab
Und legt sich bleich in die Arme des Knaben,

In die gehorsamen Arme, die den reichen Schmuck
ihres Alagdtums

Mit keuscher Sorgfalt umfangen.

Ueber den nackten Kindern wölbt sich die Liebe
Bestickt von den tausend Sternen der Lieb-
kosungen

Im Einandergeben, im Licht des iieben weißeu
Leibes.

Die Hummel harft aus dem AHerheiligsten
des Liebeskreises in der prangenden
Oede:

Eben noch stehn im Abendghihen Beider Arme
Paare hochgebogen

Zum edien Kronreifen in den rosigen Bergen
Doch in der tieferen Dämmerung umschlingen sie
sich enger,

Im Aufblick zu sternenreichen Himmelshöhn,

Wo das Liebesgestirn unbeweglich scheint,

Das Bild des Zeugers die Milchstraße überglänzt.

DieHeide

Himmei über meinem Jugendlande,
De;i die Qesichte hoffnungslosen Abschiedes, des
Nimmerwiedersehens Traurigkeiten drücken,
Qraue und flache Last der grenzenlosen Oede,
Ohne Berg und Strom, ohne fruchtbare Flur, ohne
Siedler und Hütten und Herden.

In deines fernen Randes grauen müden Dunst
Tauchen die dürren Wachholderbüsche,

Qlcich düsteren Menschen, die gebückt deine Last
noch ein Weniges schleppen,

Erstarrt, ehe sie deine glühende Anstrengung er-
fuhren,

Abseits, im Gestrüpp verwurzelt, ehe sie das Opfer
bringen durften zu deinen Wonnen.

Gehin dieHeide, oKind mitnacktweiß
schmalem Fuß,

Leg dich ins herbe rote Heidmeer, aus Duft und
Bienensang und strahlender Sonne entbronnen
Und sprich mit der Heide gleichsam mit einem
scheuen, lieben Mädchen.

Du hörst die Heide atmen mit der Grasmücke fein-
bebendem Leibe,

Du siehst die Heide weinen mit dem Tautropfen
der Blumen

Abends von Himmel und Erde in dichter Unschuld,
Du spürst im gleitenden Qang der Käfer
Den sanften kristallischen Sand im schmalen
Steige rieseln.

Blau liegt die ferne, weltweite Schranke,

Von der ein Wind zu dir haucht und deinen Mund
atemstockend bindet
An die honigströmende Tiefe
In eine Stiüe von Urbeginn . . .

Das Märchen

F i n s t e r n i s nnd Schlaf sinken auf dich, die Erde
tut ihre Türen auf

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