Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914/​1915

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Moderne Architektur

Unter den praküschen und spekutativen For-
derungen, die die Ent^dckeiung und das Auibtühen
der w i r k ti c h m o d e r n e n Kunst theoretisch
bezeichnen. finden wir bis jetzt wenige Beiträge
über eine neue Architektur. Die Architektur hat
sich im Vergieiche zu den Entdcckungen und den
„Recherchen" der anderen biidenden Künste ziem-
!ich iebios erhaiten; wtirdeu wir die Neuerungen,
die in ihrer gestrigen Entwickiung vorgegangen
sind, auizähien, so ergeben sie keiue großen Ge-
winnc. ihre Disziphn hat sich nicht so vom Grunde
aus umgewertet wie zum Beispie! die der moder-
nen Maierei.

Eine Architektur, gieichberechtigt und koordi-
niert den anderen modernen bildenden Künsten. <—
Wcnn wir uns das Prinzip des architektonischen
Schaiiens aui die Frage des Formens der Materie
vereiniaciten, so sehen wir, daß jede Epoche ein
eigenes Verhäitnis zu dieser Materie itatte. So das
Prinzip der Stütze und der Last in der antiken Ar-
chitektur, entsprechend dem irdischen Reiigions-
gefühic der Griechen; so das schiank emporschie-
ßende Pieüersystem der Gotik, deren Sehnsucht
nach Gott das Gestein bis zum Himme! strömen,
brechen und verklingen !äßt, aber keine Last der
Materie zu kennen scheint; so die pathetisch und
prachtvoi! bewegte Materie dcs Barok, die aufge-
bauschte und wehende Bewegtheit der Lasten,
Stützen und Wände, die dynamische Piastik, die
Verschiebungen und Rotationsbewegungen im
Grundriß und im Seitenriß, die der Renaissance-
grundiorm ein voüständig neues Wesen geben.
Gotik und Barok sind wie sku!ptura!e Formen, die
nicht von außen behauen, sondern die von Innen
aus, durch die Bewegung der Massen entstanden
sind. — Auch die moderne Architektur muß eine
e!ementare Neuerung und Umwertung in sich
tragen, eben in Beziehung zur Auifassung
der Materie.

Man hat den Sinn der Architektur etwas her-
abgesetzt. Sie ist ebenfaüs eine Kunst des gesta!-
tenden Instinkts, der Logik, eine Kunst der Dispo-
sition, der Auffassung, der erhabenen Form und
der großen Emotion. Diese se!bständige Kunst-
diszipün eng an das Praktische und Maßgebende
des Zwecks zu fesse!n, ist ein Mißverständnis,
das die Schaffenskräfte den Architekten hemmt.

Unrichtig ist das k!assizierende Gefüh!, das den
neuen Zwecken einen Sti! oder Stilgarnierungen
zusetzt, g!eichwie das Ergebnis sei, monumenta!
oder anziehend. Unrichtig sind aber auch aüe Qe-
!iiste dem Zeitgeiste nachkommen zu woüen, wenn
man Theorien und Leitfäden deduziert: aus den
neuen MateriaÜen (künstliche Baumateriaüen, Glas,
Metaü) aus den neuen Konstruktionsmitteln (Ent-
deckungen der Ingenieure, Beton- und MetaUkon-
struktionen) aus dem neuen Zwecke (Qroßstadts-
und Weltstadtsbedürfnisse, Fabriken, Bahnhöfe, Ak-
kumulationsgebiide des modernen Lebens). Das
neue Formgefüh! soü weit mehr primär sein. Es ist
ein Geist, dem zwar die Begabung der rationeHen
Logik gegeben ist, der aber, und das in erster Reihe,
seine f o r m a! e n Ambitionen hat, die nicht an die
obengenannten Vorwände, Reize und Hiifsmittel
gebunden sind. Dieser Geist ist natürüch imstande,
die Aufgaben zu !ösen, die neuen Mögüchkeiten
inteüigent auszunützen und den neuen Zwecken
künstlerische Gesta!tung zu geben, er ist aber
nichtdurch siebedingt und nicht durch
sie ist er potent und aktiv geworden.

Die prinzipieUe Umwertung im Wesen der an-
deren biidenden Künste ist unter einem impu!s!ven
Drucke geschehen. Im Verlaufe der modernen Ent-
wick!ung hat die Maierei a!s erste den Weg ein-
gesch!agen, wo sie sich vom neuen organisch zu

konstituieren anfängt. Wir woüen die Materie,
das heißt die äußere und die innere We!t, durch
eine neue Art und künsderisches Ordnen sichtbar
und begreifüch machen, eindringücher, tiefer, um-
fassender und ausdrucksvoUer, entsprechend den
Bediirfnissen und der Anschauung des modernen
Geistes, der für sich eine neue Formensprache for-
dert, um in ihr aUes zu finden, was er enthä!t und
und was i!m ergreift. So auch die Architektur; ihre
Aufgabe iiegt nicht in dem engen Spie!raume, wo
man den B a u t e n eine neue Gesta!tung und
Piastik gibt; vieimehr bedeutet sie ein neues Ein-
greifen in d i e M a t e r i e , die so in Tätigkeit und
Bewegung zu bringen ist, daß die gewonnene Form
den neuen Voraussetzungen und Neigungen ent-
spricht. Es sind diese!ben für die Architektur wie
für die anderen büdenden Künste. Nattirüch aber
hat die Architektur ihre eigenen Gestattungswege
und ihre eigenen Qrundsätze, die mit den anderen
Diszipünen nicht zu vermischen sind.

In der kubistischen Ma!erei handett es sich, sehr
im aUgemeiuen gesagt, um eine neue raum-
piastische Vorführung der Sachen; auch die Archi-
tektur ist durch dieses neue Gefüh! geführt. Die
neue P!astik soUte aber nicht eine ausschüeßüche
Angetegenheit des Auges sein; sie soU immer eine
Erhabenheit und ihren Schwung haben, die sich an
den Geist wenden. Es genügt a!so nicht eine eckige
und schiefwittkcüge Architektur zu schaffen, die
aus äüeren Sti!en übernommene E!emente (Säu!en,
Gesimse, Portale, Fensternischen etc.) nach den
aus der kubistischen Malerei gewonnenen Erfah-
rungen zu traktieren, und in die Architektur eine
Unmenge schiefer Flächen und gebrochener Seiten
einzuführen, die auf diese Weise eine IUusion der
kubistischen Malerei ergäben. Dies wäre nur ein
primitives Stadium der Beeinflussung, nicht aber
der Moment einer prinzipieüen Umwandlung der
architektonischen Disziplin vom Qrunde aus.

Es ist nicht zu übersehen, daß diese Entwick-
hmgsstufe ihren logischen Zusammenhang mlt einem
Stadium der kubistischen Ma!erei hat. Die neue
Malerei reduzierte unlängst noch die Gegenstände
auf eine Art von geometrischem Netz, auf ein ünea-
res Konstruktionsske!ett, das den Raumwert der
Sachen umfaßt und umschreibt; dieses Netz wurde
durch abschattierte Flächen (nach der F!ächenbe-
hand!ung Cezannes) ausgefüüt und konsoUdiert.
Auch diese Architektur der gebrochenen Geraden,
scharfen Ecken und Kanten und der schrägen Flä-
chen, basiert hauptsächlich auf einem Systeme der
sich in einem Brennpunkte zusammentreffender
und auseinänderlaufender RichtungsÜnien, in deren
Grenzen die ganze Masse geha!ten, eingeschlossen
und zusammengefaßt ist. So erfo!gt die Bindung
und Begrenzung der Materie meistens durch
schräge pyramidaie F!ächen, die sich entweder
scharfkantig in die Masse einschneiden oder aus
ihr hervortreten. Diese RichtungsÜnien soüten
d u r c h die Materie gehen, um sie vom Kerne aus
aktiv zu gesiahen (architektonisches Prinzip);
scMecht sind die Beispie!e, wo sie nur auf die Ober-
fläche der Masse ge!egt wurden, so daß sich das
forma! gestaüende Geschehen bloß mit plastischen
Verschiebungen dieser Oberftäche begnügte, wäh-
renddessen die Masse innen neutra! und tot ver-
büeb (unverarbeitete EinfÜisse der Malerei).

Diese Architektur, bezeichnet vornehmlich durch
die beinahe ausscMießliche Anwendung desDrei-
ecks, des Trapezes, des Rhombus, des Oktogons
etc., die sich untereinander in krystaüinische For-
men verbanden, war im guten FaHe ptastisch sehr
wirkungsvo!!, gab auch bei sch!anken und gebroche-
nen, an die Gotik erinnernden Formen den Ein-
druck einer robusten Kraft, und erzieite einen
ernsten monumentalen Charakter. Wer sie nicht

beherrschte, der erzielte nicht den nötigen Qrad
der Synthese und der formalkonstruktiven Bin-
dung; es geschah äuch machmal, daß man diese
neue Prozedur auf traditioneüe architektonische
Schemen appüzierte, die auf diese Weise eine mo-
derne Vermummung bekommen haben.

Dem breiter vorschreitenden Einflusse des
Picasso können wir den veränderten Charakter eini-
ger späteren Versuche zuschreiben. Auf Picassos
Biidern sind senkrecht und wagrecht sich durch-
schneidende P!äne, in denen sich die Qegenstände
räumüch zeriegen und von neuem konstituieren;
dieses kann !eicht auf den Gedanken einer architek-
tonischen Anwendung bringen. Ich muß im voraus
betnerken, daß diese sonst ganz interessanten Ver-
suche das unumgängüche architektonische Ordnen
zu Gunsten eines mißbrauchten ma!erischen
Vorgehens entwertet haben. Die innere Masse
bleibt wiedcrum unbewegt und tot, ttnd auf ihrer
Oberfiäche geschehen Verschiebungen heinahe in
der Art, a!s wenn wir prismenartige Schub-
fächer und sich durchdringende P!atten in ver-
schiedenen Richtungen aus ihr iteraus oder auch in
sie hineinschieben würden. Der Eindruck scheint
sehr kompüziert und wunderbar, ist aber im höch-
sten Grade unsynthetisch, ungebunden ttnd wenig
struktiv. Die Materie scheint ganz zer!egt, ja oft
zerfetzt zu sein, wei! sie auf dcr Oberüäche in
eine übermäßige Bewegttng gebracht wurde, in
eine oft grund!ose Bewegung, der das nötige Ver-
bindungsvermögen feh!t, so daß die ResMtate
beinahe ganz formlos sind. Wie man in Indien
durch Mu!tipiizierung (statisches und nttmerisches
Ueber- und Nebeneinanderhäufen der Tei!e) baute,
so bedeutet dieses Prinzip in einer Hinsicht etwas
entgegengesetztes: ein plastisches höchst beweg-
üches aber durchaus nicht struktives Zerlegen der
Materie.

Das Kommen einer reiferen Auffassung iieß nicht
lange auf sich warten. Diese Art überwindet die
ersten Stadien durch einen mächtigeren und syn-
thetischen Zug; sie behä!t aUe Voraussetzungen
der modernen Kunstanschauung und wertet sie um
in eine reinere architektonische Sprache. In ihr ist
das Konstruktive und die voUkÜngende P!astik der
primären Postulate, die in den ersten Versuchen
latent waren, voüends beibehalten und beherrscht;
das Prinzip des linearkonstruktiven Netzes und die
geometrische Raumgestaltung der vorgehenden
Versuche hat sich hier wirkungsvoü in ein gehalts-
reiches Mitte! umgewandelt, das aüe Voraus-
setzungen der jüngsten Architektur in sich enthält.
Wo die ersten Versuche manchma! nicht die
ganze Masse überwinden konnten und zuwei-
!en bei einer neuen Wiedergabe und Zerlegung d e r
einzelnen Tei!e stehen geblieben sind, hat
diese Art einen weit mehr verbindungsvermögen-
den Zug, der die Masse durch einen seltsam eini-
genden Rythmus bezwingt und sie in Aktivität und
Bewegung bringt. Von den ä!teren Stadien unter-
scheidet sich diese Architektur durch die iiberaus
k!uge und tieffüMende künstlerische Uebersetzung
der inneren Bewegung und der Plastik. Sie hat
das Funktionierende und das formal Definitive und
Absolute einer Mäschine, obwohl sie a!!e Mögüch-
keiten einer persönüchen Lösung und Stiüsierung
zuläßt und sich auch vöUig dem „Gesetze der
WiHktir" bietet, das für die neue Kunst so wichtig
ist. Hier steht die Architektur auf dem eigenen
Boden breiter Möglichkeit, neuer Impu!se und
wirksamer Versuche. Ihr Charakter ist Reinheit,
Schärfe, Härte, Elastizität, ausdrucksvoüe Erhaben-
heit, Mächtigkeit und struktive Auffassung; zu glei-
cher Zeit aber auch Individualität, Lebendigkeit,
WiUkür, Freiheit, geheimnisvoüe Autonomie, un-
vorhergesehene und unberechenbare instinktive
Logik.
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