Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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nen, weshatb, in die Höhe —: nein, es war nicht
von außen her! Aber es war dahingegen stärker
geworden ais vorhin!

Woher kam das doch nur, dies merkwürdige
Geräusch, das unerk!är!ich bange machte —
am aüermeisten, wei! män gar nicht begreiien
konnte, warum man fortfuhr, sich so intensiv da-
mit zu beschäftigen: k!ang es ietzt nicht wie ein
Spazierstock, mit dem irgend ein Wanderer auf
einem Geländer spie!te, an dem er vorüber kam —
ein gutes Stück von hier entfernt?

Fortsetzuns foltt

Gedichte

Aibert Dreyfus

In der Stiüe bin ich nicht mehr hier.

Wie ein Baü durchfiieg ich den Raum,

ich bin ein Wasserfaü,

und bin eines Voge!s Schwinge,

durchsaus aüe Dinge

Jahrtausende !ang

und komme zu!etzt zur Ruh in mir.

* *

*

Voü von Tiergesichtern ist der verschneite Wald.
Echsen kauern auf den Zäunen,

Füchse iauern im Gesträuch,

Katzentiere beugen Tannenzweige
furchtbar sprungbereit, mit vorgestreckten Tatzen:
Kötet kein Mord auch den Schnee,
die Gebärde schon tötet.

Aber zärtlich hä!t ein Riesenwairoß

seinen Ho!zstoß mit F!ossenarmen umklammert.

Keinen wahren Leib, doch eine wahre See!e

hat dies Riesenwalroß,

wie es sich breit vomüberwätzt,

auf sich richtet und hinschmüzt

an der Sonne.

* *

*

Fichten in !anger Prozession
waüen dunke! den Schneehang hinäuf.

Manche rasten verträumt und manche hocken

zusammen

gramvol! im Büh!,

manche sind frohverzweigt und manche ver-

kümmern

weit zurück und von der Zeit überschneit.

Andere einze!n vorausgeeüt

sch!ank wie Flammen

sind dem Kamm schon nahe gekommen,

keine noch hat ihn erktommen.

Sie sind es. Sie sind meine Tage,
meine iichten und trüben Stunden
wäüen in Reihen den Schneehang hinauf.

Die ist die !etzte, die einsam im B!auen
zum Schauen sich wendet zurück —:
diese Stunde.

Zur Kritik

des Sexualitätsbegriffs

Hans Büiher

Für den Kundigen wird es schon ohne bestä-
tigende Erfahrung se!bstverständ!ich sein, daß eine
Jugend, die in der Würze ihrer Jahre in einen so
phantastischen, sie immer mehr begeisternden

Taume! der Romantik geriet, die aus der Roüe
ihrer Umgebungskuitur fie! und ein so heües Auf-
bützen eigener Gefüh!e er!ebte, daß die Jugend
des Wandervoge!s auch ein sexueües Sonderpro-
b!em darsteüt. Freiiich, um diesem näher zu
kommen, ist es nötig, den Begriff des SexueUen
so weit zu fassen, wie nur irgend mögüch. Wir
sind aus der Zeit heraus, wo man den Gesch!echts-
trieb zu verstehen g!aubte, wenn man ihn defi-
nierte: er sei derjenige Trieb, der seinen Sitz im
Genita!apparat habe und der zum Zwecke der
Fortpftanzung Mann und Weib in gegenseitige
aufeinander bezügüche Lusterregung bringjt. —
Eine so!che Be!ehrung würde man heute nur noch
mit Läche!n hinnehmen können, sie definiert zur
Not einen Spezia!faü des sexueüen Lebens, der
wegen seiner Häufigkeit und Fotgenschwere be-
rühmt geworden ist, der aber sonst nichts zur Er-
kenntnis des Triebes beizutragen vermag. Um das
von Jahr zu Jahr stärker anwachsende Materia!
unter ein theoretisches System zu bringen, das
dem Ansturm neuer Tatsachen etwas standzuha!-
ten vermag, muß man weiter greifen. Däß die
äußerste Grenze der Erkenntnis des SexuaÜriebes
die Grenze überhaupt nicht überschreiten kann,
braucht nur kurz erwähnt zu werden. Das Wesen
des Triebes an sich, jedes Triebes, ist unerforsch-
üch, ebenso, wie das Wesen des Körperüchen.
Das „Sein" der Dinge geht nicht in die Erkenntnis
über, sondern nur ihr „VerhaÜen", nur die aüge-
meinen Gesetze, nach denen die Natur bestimmt
ist und abläuft, sind verstehbar, das Dingiiche in
ihr nicht. Dieser Rest, die Materie der WeÜ, ist
zwar so gewiß, wie nur etwas und a!s unsere
sicherste Empfindungstatsache gar nicht abzu!eug-
nen, zu verstehen aber ist an ihr nichts mehr.
Der Trieb, der vom Körperüchen so unter-
schieden ist und sich nicht darin überführen !äßt,
so sehr er stets mit ihm in Verbindung steht, hat
nun das Eigentümüche an sich, daß er uns gewiß
ist, auch wenn wir keine äußeren Dinge anschaun.
Wenn wir „uns" füh!en, so füh!en wir unser Trieb-
!eben (im weitesten Sinne) und darum hat es auch
etwas Erschütterndes an sich, während das Wesen
des Körperüchen uns ruhiger !äßt. So verstehen
wir, daß Schopenhauer, tief vom Wesen des
Triebes — genannt Wiüe — ergriffen, dieses zu-
g!eich zum Wesen der We!t machte, während das
Körperüche zu einem bioßen Scheindasein herab-
sank. Was er am meisten bei aüem, was er
„Wiüe" nannte, heraushörte, hät er in einem Nach-
!aß-Aphorismus verraten: „Wenn man mich fragt,
wo denn die intimste Erkenntnis jenes
inneren Wesens der WeÜ, jenes Dinges an sich,
das ich den Wiüen zum Leben genannt habe,
zu eriangen sei?, oder wo jenes Wesen am deut-
Üchsten ins Bewußtsein tritt, oder wo es die reinste
Offenbarung seiner se!bst erlangt? — so muß ich
hinweisen auf die W o!! u s t i m A k t d e r K o -
P u! a t i o n". (Nach!aß Band IV Seite 247 Griese-
bach) — Doch diese metaphysische These Scho-
penhauers hat nur dichterischen Wert, für die Wis-
senschaft wäre es eine unerlaubte und methodisch
unnützüche Grenzüberschreitung, das Triebhafte
in uns zum Wesen der WeÜ zu erheben. Für sie
bleibt aüein der Weg übrig, das VerhaÜen des
Trieblebens zu studieren, die Zusammenhänge der
verschiedenen Triebe untereinander zu begreifen,
um so zum Verständnis eines einze!nen, a!so hier
des SexuaÜriebes zu gelangen.

Diese dauernde Abwechs!ung von Analysis
und Synthesis hat nur in der Tat die besten Er-
folge gebracht. Wir sehen heut den Geschlechts-
trieb in weit aügemeinerer Form vor uns und sind
!ängst darüber hinaus, ihn etwa nur beim Liebes-
werben zwischen Mann und Weib am Werke zu

sehen. Wir haben uns daran gewöhnt, ihn auch
in den entlegensten Gebieten des menschüchen
Handehis zu suchen. Wir !egen keinen entschei-
denden Wert mehr auf die beabsichtigte Ent!adung
der GescMechtsstoffe und sehen ihn auch da, wo
eine so!che naturgemäß niema!s stattfinden kann.
Die neueste Zeit hat die Sexuaütät des Kindes er-
kannt. Es gibt kein abso!utes „Erwachen" des Ge-
sch!echtstriebes mehr: die Pubertät !eitet nur eine
neue Betätigungsära ein. Er ist so alt, wie der
Hunger, er beginnt am Tage der Geburt; das
Wonnesaugen des Kindes, das sich bei der Nah-
rungsaufnahme einsteüt und sich später zum ge-
sonderten Lustkomplex verse!bständigt, ist sexu-
eüer Natur; ebenso das Wonnegefüh! der Mutter
dem Kinde gegenüber. Der Autoerotismus,
der doch nur seÜen zur Entladung der Geschtechts-
stoffe führt, ist als spezieüe Form des Sexua!-
!ebens erkannt und dient uns heute zur Erk!ärung
vie!er bisher unverständücher Ereignisse im Lie-
besleben. Er wurzelt in der Kindheit, reicht aber
auch mit einem Tei!e seines Triebgebietes ins er-
wachsende Leben hinein und berührt verschiedene
nebengeordnete Lustempfindungen mit seiner
sexueüen Reiznuance, so das Gebiet der Ana!-
erotik, die Wonneempfindung bei der Defäkation
usw. In die höchste, freiüch seüene Form steigt
der Autoerotismus da, wo das WoMgefaüen am
eigenen Körper zum aüeinigen Sexualzentrum
wird. Die Figur des Narziß, die nur einma! den
sinnenverstehenden Griechen gegüickt ist, vertritt
diesen Typus. Es ist die objekt!ose Liebe zu sich
selbst, die sich genug findet, eine Fortbüdung der
Säugüngserotik. Noch weitere Lebensgebiete sind
sexueü be!egt: das Traum!eben, dieses scheinbar
so sinnn!ose Gefüge von Wiükür und Zufaü ist
enträtseü und hat sich a!s ein fast durchweg
sexueü bestimmtes Phänomen entpuppt. (Sig-
mund Freund: Die Traumdeutung)

Bedeutungsvoü beginnt für diese Abhandümg
das sexueüe Leben und sein Aufbau aber erst in
seiner geseüigen Form zu werden; der Wan-
dervoge! ist ein soziales Sonderereignis in der Ju-
gend und daher kommen die typisch sozia!en Aeu-
ßerungen des GescMechtstriebes bei seiner Erk!ä-
rung in erster Reihe in Betracht. — Beim Auto-
erotismus des Kindes zeigt sich der Trieb „Hun-
ger" mit der Sexualbetätigung des Wonnesaugens
a!s unverkennbar zusammengehend. Beide treten
zu gleicher Zeit auf, sind ineinander geboren; bei
der objekthaften Liebe ist das weniger deutüch.
Denn die einfache Tatsache „Anziehung", die das
soziale Wesen des Menschen begründet, und der
besondere Drang nach Liebe scheint vor der Hand
noch keine Berührung zu haben. Dennoch kön-
nen wir sie im System an die Spitze setzen und
sagen: die aügemeinste Form der nicht autoero-
tischen Sexuaütät ist die Anziehung überhaupt.
Der Mensch sucht den Menschen, der Löwe den
Löwen nicht. Daß hier eine besondere Struktur
der Sexuaütät des sozia! hochbegabten Menschen
vorliegt, ist wohl annehmbar: das Raubtier ver-
Iangt nur nach dem Raubtierweib, für den Men-
schen ist schon aüein der Mensch ein Reizobjekt.
Freüich kommt uns bei der dauernden Verkehrs-
gewöhnung dieser Zusammmenhang nicht recht
zum Bewußtsein, der sexueüe Trieb wird nicht
mit Deutlichkeit aus unserm sonstigen Triebwesen
herausgeholt, und nur wenn wir nach !anger Ein-
samkeit den Wunsch bekommen „unter Menschen
zu sein", kann es uns woh! k!ar werden, daß die-
ser Vorgang eine Beziehung zum verstecktesten
Wesen unserer Sexualität hat. R o b i n s o n
C r u s o e, der nach langem, verzweifeüen Aüein-
sein p!ötz!ich den Abdruck eines menschüchen
Fußes im Sande fand, wird das verstanden haben;

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