Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Die Tauentzien-Girls

Die Unsittiichkeit soii besonders in Charlotten-
burg zn sehen sein. Die TauentzienstraHe vom
Kaufhaus des Westens bis zum Taufhaus des
Westens ist eine Stätte der wiidesten Lebens-
freude. Die Kreissynode Berlin und die Vossische
Zeitung sind darin einig. Romane werden über
diese StraSe geschrieben und konfisziert. Die Un-
tergrundbahn schreit beim Eintritt in diese Laster-
ahce zum Himmcl. Versteinert ragt sie über den
Boden, aber in wohlanstäudigen, soliden, künst-
lerischen Formen. Die Lästerallee des Zoologi-
schen Qartens speit ihre Girls in diese Lasterallee.
Auf der Terrasse des romanischen Cafes ktihlen
dicse erotischen Spätrömerinnen ihr heißes Blut
mit VaniHeeis. Iu richtig elektrisch beleuchteten
Läden werden die Gegenstände der Unzucht, Kor-
setts, Stiefel und Aufschuitt verkauft. Solide Ge-
schäftswagen trauen sich nicht durch diese Straße
und die Elektrischen bleiben stockend alle Minute
stehen. Die Girls sollen so gut wie unbekleidet
auf den breiten Steigen wandern, die für Bürger
bestimmt sind, die Hüte tragen sie in der Hand,
an jedem Laternenpfahl küssen sich die Paare. Die
jungen Bäume in ihren Baumtöpfen sehen entsetzt
auf dieses ganz entbundene Leben. Das ist alles
höchst betrübend. Aber diese Freudenwelt ist
allen verschlossen, deren Augen nicht in Unsitt-
lichkeit getibt sind. Der Fremde sieht nur gut-
gekleidete Mädchen, die zwar noch nicht alle. das
fünfzigste Lebensjahr überschritten haben, aber
dennoch schon mit Herren gehen. Zwar trageh
manche Tennisschläger bei sich, die man ja nicht
nur zu perversen Dingen, soudern auch zum Tennis-
spielen benutzen kann. Was haben die Tauentzien-
Girls der armen Welt getan? Nichts, aber sie sol-
len etwas tun. Denn Spazierengehen, Kinolaufen,
Cafehaussitzen genügt den- Anforderungen der hö-
heren sittlichen Welt nicht. Die eine Hälfte fordert
hausfrauliche Beschäftigung, die andere Kunst und
Wissenschaft. Aber die Tauentzien-Girls sind in
der Kunst viel praktischer und in der Praxis viel
künstlerischer als ihre Vorbeterinnen. Sic haben
mehr und nicht weniger davon, wenn sie ihre Her-
ren Jünglinge durch den Zoologischen Garten,
als wenn sie Herr Fritz Stahl durch die Penaissance
führt. Warum sollen die Mädchen sich von un-
künstlerischen Alenschen befruchten lassen? Was
sollen Mädchen mit der Wiedergeburt anfangen,
wo sie doch mit der Geburt nicht enden dürfen?
Warum solten sie iiir die Kunst ieben, da die
Kunst besser ohne sie lebt. Besser, sie sind in der
Praxis künstlerisch, indem sie sich so gut anziehen,
als es ihnen besser steht. Wenn sie allen gefallen,
ist es nicht so schlimm, als tvenu ihneu die Kunst
gefällig wird. Sie sollen sich lieber ftir künstle-
rische Photographie begeistern, als für photogra-
phierte Kunst. Sie sollen lieber mit der Melba die
Pfirsiche teiien, als den Gesang. Sie sollen lieber
für den Rudolf Herzog schwärmen, der die Kleider
macht, als für den, der Romane nachmacht. Sie
sollen lieber oberflächlich sein, als gebildet, lieber
Icichtsinnig, als tiefsinnig. Denn dabei kommt doch
nur Flachsinn heraus. Die Tauentzien-Girls sind,
was sie scheinen. Warum sollen sie so scheinen,
wie die andern auch nicht siud. Warum sollen
aus Mücken Flefanten gemacht werden, die zwar
trampeln wollen, aber doch Mticken sind.

H. W.

Gedichte

August Stramm

^ Dämnrerung

Hel! weckt Dunkel
Dunkel wehrt Schcin
Der Raum zersprengt cle Räume
Fetzen ertrinken in Einsamkeit!
Die Seele tanzt
Und

Schwingt und schwingt
Und

Bebt im Raum
Du!

AJeine Glieder suchen sich
Meine Glieder kosen sich
Meine Glieder

Schwingen sinkeu sinken ertrinken

In

Unermeßlichkeit
Du!

Hell wehrt Dunkel
Dunkel frißt Schein!

Der Raum ertrinkt in Einsamkeit
Die Seele
Strudelt
Sträubet
Halt!

Meine Glieder
Wirbeln
In

Unermeßlichkeit
Du!

Hell ist Schein!

Einsamkeit schlürft!

Unermeßlichkelt strömt
Mich
Zerreißt
Mich
In
Dir!

Du!

Mairegen

Der Himmel hängt auf dem Pferderücken
Tropfen um Tropfen
Blankt
Das Fell!

Die Hufe streichen Ungeduld
Das Maul fetzt Schaum!

Zack

Zackelt der Trott die flackrigen Sehnen
In Ziigel klammert die Nässe und stcmmt!
Hoch rammt der Kopf
Und stäubet Nebel!

Zack Zack
Zack Zack
Die Pfützen kreisen
Zack Zack
Zack Zack

Die Tropfen schleifen
Zack Zack
Zack Zack

Das Wittern streicht am Boden
Schritt um Schritt!

Die Erde schwült
Die Schwtile gleißt!

Mein Pferd und ich

Zerdampfen

In

Himmel und Düsen!

Gewittsr

Schwarz üetscht in Weiß
Die blauspielfrohen Dünste starrcn hagelgelb.
Helle flackert
Täubt zu Boden.

Wüten
Steinigt
Schlossen!

TottoII krallet um die Nacht.

Matt aufadert
Blau das Rccken
Bebet bäumet
Wuchtet
Hebt sich

Stemmt die Fäuste
Hartscharfkantig
Schellet Wolken
Hellet Aengste
Steht und streckt sich
Packt das.Gurgeln
Und zerwürgt es
Nach ihm stürzend
Sich verbeißend
KcIIernd rollend
In
Die
Leere!

Augen

Schleiern auf und schluchzen!

Tränen
Wellen
Lösen
Schrecken!

" Lichter
Grellen

Hoch im Bogen!

Klänge
Schwingen
Freie
Starke

Sonnsiegklänge!

Blüte

Diamanten wandern iibers Wasser!
Ausgereckte Arme
Spannt der falbe Staub zur Sonne!
Bliiten wiegen im Haar!

Geperlt
Verästelt
Spinnen Schleier!

Duften

Weiße matte bleiche
Schleier!

Rosa, scheu gedämpft, verschimmert

Zittern Flecken

Lippen, Lippen

Durstig, krause, heiße Lippen!

Blüten! Blüten!

Küsse! Wein!

Roter

Goldner

Rauscher

Wein!

Du und Ich!

Ich und Du!

Du?!

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