Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 111
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trgend etwas, wovor auch sie ptötzhch sich äug-
stigt?!

Er hemmt einen Augenbhck seinen Qeisterfuß
dort hinter ihr — er vendet sich um, er späht —:

Ja!

Jetzt versteht er!

Mein Qott, was ist dies hier!

Jetzt hört sein Ohr, wahnsinnig gespannt, den
Laut, der auch sie erschreckt hat —:

StiH, horch, es ist das Geräusch von Schritten
in weiter Ferne, nein, es ist das Qeräusch eines
Laufens, eines angestrengten, schleichenden Lau-
fens dadrinnen über Qras —: ist es ein Tier da
drinnen in der Finsternis, oder wer schleicht denn
sonst aui soiche Weise herum?

Nein, nein, jetzt sieht er es deutiich, sowohl
Annie, ais auch er, sie sehen es auf einmal aiie
beide —: den vornüber gebeugten, jagenden Schat-
ten eines riesengroßen Mannes, der da draußen
vom Feide her kommt! kohischwarzes Haar und
Bart, weißgeibe Haut, die zu stramm über den
mächtigen Kopf gespannt ist, die Augen, die rot
biuten, der verzerrrte Mund, dessen Zähne schim-
mern, die Last der mächtigen Schuitern, die zu
langenArme mit den ungeheuren, den erschrecken-
den Fäusten . . . ach Qott, wie ein hungriger Tiger
auf der Jagd, wie ein kohischwarzer, biutdiirstiger
Panther gaioppiert er in eiieniangen Sätzen dahin
durch die Dunkeiheit, schräg vorwärts auf den
Weg zu, jetzt setzt er mit einem dröhnenden
Sprung iiber den tiefen Qraben einige Schritte vor
ihr — er häit mit einem Ruck an, macht kehrt,
steht mit einem grauenvoiien Qrinsen dicht vor ihr
und breitet jäh seine Qoriiiaarme aus: Komm her,
du bist schöner und jiinger ais die andern! komm
her — denn dich wiii ich totschiagen, um satt zu
werden!

Annie ist starr dort stehen gebiieben, mein
Qott, wie ihr die Knie unter dem Gianz der weißen
Seide schiottern — aber jetzt wirft sie auf einmai
ihren Nacken zurück, die Wonne eines Augen-
biicks schauert durch Mortons Brust, während er
schreit und schiuchzt, ohne einen Laut, um sicht-
bar werden zu können —: ja, eine wahnsinnige
Hoffnung wird für eine einzige Sekunde in ihm ge-
boren: weii sie ihr Antiitz aufrichtet, weii ihre tap-
feren, biauen Augen fiammen, weii sie ihre zarte
Hand erhebt und ihn wegfegen wiii, den schwar-
zen Koioß, mit einer Bewegung —:

Fort!

ich kenn Euch nicht!

Kommt zu mir nach Hause, wenn Ihr hungrig
seid! . . .

Aber da weicht sie im nächsteu Augenbiick
zurück.

Mit einem Schrei.

Siehe —:

In seiner Rechten biinkt im seiben Nu das
Alesser!

In seiner rechten Faust sprüht der eisige Stahi
so blau!

Hiif mir, Qiaß, komm zu Hiife, mein Qott, was
soii ich tun, zu Hiife . . .

Alit einem iautiosen Ruck hat sie sich zusam-
mengebeugt, fiiegt jetzt biitzschneii dahin mit
einem geschmeidigen Sprung, ist ihm unter dem
Arm hindurchgeschitipft, fort, dahin, auf den nahen
Strandweg zu, dort unten, wo Hiife zu haben ist!
in sausender Eiie, der Asphait fiieht unter ihren
Fußsohien, nur ein paar Minuten, höchstens noch
drei, dann ist sie sicher! sie ist jung, sie ist stark,
sie wird ihr Ziei schon erreichen, halte aus, ja,
haite aus, meine Annie, weiter, werde nicht müde,
lauf jetzt. wie du nie zuvor geiaufen bist, es giit

das Leben, es giit dich und mich, es gik aües in
der Welt!

Und sie läuft, Qiaß folgt ihr atemlos. Sie läuft,
so daß selbst er nur mit Aiühe folgen kann. Die
Eile löst ihr Haar, die Hast löst ihr goldenes, langes
Haar, es fliegt mit seinem Schimmer von Sonne
durch die Nacht, hinter ihren Schultern her. Sie
läuft, ja, weiter, nur noch einundeinehaibe Minute,
und du bist gerettet, höre den Laut seines Tram-
pelns hinter dir, du hast schon einen tüchtigen
Vorsprung genommen, mein Lieb, beständig wird
die Entfernung zwischen dir und ihm vergrößert
— beeile dich, sieh dich biitzschneii vor, wohin du
deinen Fuß setzst ach. wäre ich doch bei dir,
könnte ich dich doch auf meinen Armen forttragen,
könnte ich dich seinem Blick auf einmal forfsteh-
len, könnte ich wenigstens andere zum Beistand
herbeirufen, ach, könnte ich zwischen dir und ihm
stehen. ihn zum Fallen bringen, dich sicher
machen, indem ich ihn ein für allemal zu Boden
schlüge, indem ich ihn schonungslos unter meiner
Ferse und meinem Haß zermalmte!

Sie läuft, die Luft stürzt ihrer Stirn kühl ent-
gegen, sie sieht schon die lange Reihe heller La-
ternen, die dahinten die Straße schneiden, die Erde
saust dahin unter ihren Füßen, die Felder wirbeln
vorüb^, aus ihrer Brust strömt der Atem heraus,
heiser, mit einem Stöhnen! auf jeder Wange ist
ein Feuer des Entsetzens angezündet, in ihren Ner-
ven rast ein Fieber von Grauen und Tod und
Kraft, sie läuft, die wlnzig kleinen Füße jagen sinn-
los dahin, ja, ja, weifer, liebe Annie, halte dich
aufrecht, werde nicht rnüde, ja, ja, weiter — und
vergiß auf ale Fälle nicht, daß der Pächer dir
nahe ist!

Sie läuft!

Das Herz von Schreien durchstochen, keu-
chend, wild.

Sie läuft — wahnsinnig, beständig das Tempo
der dröhnenden Schritte hinter sich hörend; sie
läuft, kann aber fast nicht mehr!

Sie läuft, aber aus ihrer Brust ringt sich ein
kurzes und entsetzliches GebrüII, ihre Knie werden
auf einmal schlaff .— und da, ach Qott, da strau-
chelt sie im selben Augenblick, sie strauchelt und
stürzt kopfüber um, lang dahin auf den Bürger-
steig am Wege . . . ist aber mit einem einzigen
Satz wieder auf, das Haar flattert hinter ihr her
in der Dunkelheit.

Qlaß folgt schäumend ihren Fußspuren, zerrend
an dem Qewand seiner Körperlosigkeit, toll vor
Qrauen, verrückt . . . und da sieht er auf einmal,
daß ihre beiden Arme steif in der Luft dastehen, in
der Luft watet ihr Iinkes Bein einen Augenblick
leer, ihr Oberkörper knickt währenddessen hinten-
über, Hilfe —: siehe, der Fremde hat sie mit einem
Qriff an dem fliegenden Haar erfaßt, sie wird da-
durch hintenüber umgeschleudert, er hält sie im
selben Moment mit eineni BrüIIen in den Armen,
mit einem Sprung ist er mit ihr auf dem Felde, ver-
schwindet dort in der Dunkelheit, es loht gleich
darauf fern auf da drinnen, an Mortons Ohr dringt
die Qual ihres röchelnden Schreies, die wie ein
Blitz seine Nerven zerreißt, die das Gewand der
Unsichtbarkeit zersprengt . . . er ist auf einmal er
selber vom Scheitet bis zur Sohle, Fleisch und
Blut, das nach Pache kocht — und mit einem Sau-
sen ist er quer über den Qraben hintiber, stürzt
flammend vorwärts, dahin wo das Gräßliche ge-
schehen ist!

Fortsetzung tolgt

Rausch des Künstlers
und des Nichtkünstlers

Jemand meinte, der Autor müsse ein Franzose
sein, das Stück spielt in Paris. Ein anderer be-
stritt es, es kämen doch zuviel Gedanken für einen
Franzosen vor, das Stück sei sicher von einem
Norweger geschrieben. Paul Schlenther, der Thea-
terkritiker des Berliner Tageblattes, der es nämlich
besser weiß, schrieb: „Vielleicht wird es von jetzt
ab auch nicht mehr vorkommen, daß ein bedeu-
tender germanischer Dichter ein Stück, welches
ebenso gut in Stockholm oder anderswo spielen
könnte, nach Paris verlegt und Ausgeburten seines
Hirnes als Pariser vorspiegelt." Ebensogut ist guh
Und es zeugt von der Wissenschaft des Herrn
Schlenther, daß das Stück eben so gut in Stock-
holm hätte sipelen können, weil der Verfasser ein
Schwede ist. Jeder germanische Autor verlege in
Zukunft seine Stücke in die Stadt, in der er gebo*
ren ist. Er kann vielleicht sogar die Ausgeburten
seines Hirnes als Berliner vorspiegeln, kaum dürfte
es ihm aber glücken, sie als Berliner Theater-Kri-
tiker vorzuspiegeln. Das gäbe eine zu wilde Aus-
geburt. „Auf alle Fälle war es interessant, ein
solches Stück in unseren jetzigen Zuständen wie-
derzusehen . . . Man lachte nicht, obgleich . .
Man lachte nicht. „Man hatte das Qefühl, daß hier
Zustände der menschlichen Seele vorkommen, die
im Begriff sind, überwunden zu werden, um ande-
ren Problemen Platz zu machen." Warum soM
auch nicht die menschliche Seele, die für Herrn
Schienther ein Begrif ist, überwunden werden, um
ihm selbst Platz zu machen. Jedes Theater hat
für ihn einen Platz. Und wenn die menschliche
Seele als Ausgeburt eines Hirnes erst einmal über-
wunden sein wird, kann man für Herrn Schlenther
auf der Bühne selbst noch einen besonderen Platz
machen. Herr Schlenther irrt sich, wenn er glaubt,
von seinem Schreibtisch die Kunst lenken zu kön-
nen. Etwas näher an der Front befindet sich denn
doch der Qeneralstab. Er kennt, was er leitet
Aber was Herr Schlenther leiten möchte, erkennt
er nicht. Er richtet Qeschütze gegen ein Qenie,
das über der Zeit steht. Daran werden auch dfe
jetzigen Zustände nichts ändern. Daß seine Qe-
schosse nicht treffen, ist sein Verdienst. Im Krieg,
Herr Schlenther, kann man solche Leute nicht ge-
brauchen. Und wir, Herr Schlenther, führen
i m m e r Krieg. „Wenn einmal der Krieg wird be-
endigt werden können, so werden, wie die Natur
nach einem schweren Qewitter, auch alle Kultur-
zweige erquickt, erfrischt, ergrünt wieder auf-
atmen und das Losungswort unserer harten Zeit
wird dann auch noch für die neubeginnende Frie-
densarbeit zu gelten haben, das Losungswort:
Herz und Mut und Kraft und Tat." Wir kennen
dieses Losungswort, ais Sie noch beim friedlichen
Biere träumten. Strindberg kannte es, bevor Sie
nicht lachten. Sein Herz liebte die Menschen, be-
vor sie sterben mußten. Sein Mut verkündete das
Ewige, woran Sie noch heute Ihren Unmut aus-
lassen dtirfen. Seine Kraft traf, ehe Ihr Stimmchen
im Kriegsgeheu! mit schreien wollte. Seine Tat
war die Kunst und Ihre Tat die Empfehlung eines
Umzugs von Paris nach Stockholm. Sie wollen
nach dem Krieg als Kulturzweig wieder aufatmen.
Der Baum steht im Qewitter. Geknickte Zweige
werden verbrannt. Unsere Sonne scheint im Qe-
witter. Aber unser Donner ist kein Blech und
unser Blitz kein Magnesium. Unser Spiel ist unser
Leben und unser Sterben. Und nicht einmal Ihr
Leben kann uns das Spiel verderben. H. W.

Zur Aufführung des Dramas Rausch von August Strind-
berg zu Berfin / Theater in der Königgrätzer Straße
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