Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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August Macke

Es gibt keinen WiHen und ebensowenig einen
WiHen zum Leben. Sonst hätte August Macke nicht
failen dürfen. Ein Mensch, der so wenig hätte ster-
ben können wie das Ewige, das aus seinen Biidern
in die Tage ieuchtet. Ein Künstier, der die Sonne
ausstrahite, so, daß es nie Nacht in ihm wurde und
fede Finsternis von dem Gianz seines beschwing-
ten Schrittes zurückwich. Er brauchte nicht zu
kämpien, nur die Augen aufzuschiagen und was er
sah, gestattete sich aus ihm zu Kunst. Und ais er
zu den Waffen griff, traf eine Kugei an ein Ge-
stirn. Doch kein Gestirn wird je verdunkeit. Der
Giaube stirbt nicht und der Künstier nicht. Seine
Biider biicken auf uns und verhteißen Leben, Leben.

Wenn seine Hand sich nicht mehr hebt, damit
das wachse, was noch Jugend war, so war seine
Jug&nd unverweikbare Biüte. SoHen wir kiagen,
wenn aiie Biüten duften. Dürfen wie es.

Die vieien Spiele umschlangen ihn und ihn mit
uns. Von der Weit herab spieit er mit uns die Erde.

Und aiie Biüten duften ihm zur Feier.

H. W.

August Macke wurde am 3. Januar 1887
in Meschede (Westfaien) geboren. Er veriebte
seine Kindheit in Köin und seine Jugend in Bonn.
Im Oktober 1904 ging er nach Düsseidorf und ar-
beitete dort in der Akademie, was ihm aber sehr
baid uicht mehr zusagte. Er besuchte dann einige
Zeit die Kunstgewerbeschuie und ging im Wtinter
1905/6 an das Schauspieihaus zu Düsseidorf, wo er
verschiedene Shakespeare-Dramen, aite Krippen-
spieie und Märchen inszenierte. Er erhielt trotz
seiner Jugend ein giänzendes Anerbieten auf die-
sem Gebiet, zog es aber vor, zur reinen Malerei
zurückzukehren. Von großer Bedeutung für Macke
war im Frühjahr 1907 eine vierwöchige Reise nach
Paris, wo er zum ersten Mal Manet, Monet, Degas,
Renoir und Deiacroix kennen iernte. Im Oktober
desselben Jahres ging er nach Berlin und arbeitete
bei Corinth, was ihm nicht sehr behagte. Er stu-
dierte meist für sich in den Museen. Macke verhei-
ratete sich 1909 und wohnte bis Winter 1910 in
Tegernsee, dann in Bern und in Bonn. Reisen be-
deuteten ihm die größte Anregung, sie führten ihn
nach Italien, Holiand, nach der Schweiz und nach
aüen wichtigen Großstädten. Er fiei am 26. Sep-
tember 1914 in Frankreich, nachdem er kurz zu-
vor das Eiserne Kreuz erhaiten hatte.

Gedichte

August Stramm
SturmangriH

Aus aiien Winkein geiien Fürchte Woiien

Kreisch

Peitscht

Das Leben

Vor

Sich

Her

Den keuchen Tod
Die Himmei fetzen.

Biinde schlächtert wildum das Entsetzen.

Abemd

Müde webt
Stumpfen dämmert
Beten iastet
Sonne wundet
Schmeichelt
Du.

Gefailen

Der Himmei flaumt das Auge

Die Erde kraiit die Hand

Die Lüfte sumsen

Weiuen

Und

Schniiren

Frauenkiage

Durch

Das strähne Flaar.

Frostfeuer

Die Zehen sterben

Atem schmiizt zu Biei

In den Fingern sielen heiße Nadein.

Der Riicken schneckt

Die Ohren summen Tee

Das Feuer

Kiotzt

Und

Hoch vom Himrnel
Schlürft

Dein kochig Herz
Verschrumpiig
Knistrig
Wohiig
Sieden Schiaf.

Hochzeit

Desider Kosztolänyi

„Mutter, Mütterchen . . ."

. . . Was wilist du, mein Sohn?

„Erzähle mir etwas."

. .. Was, mein Sohn?

„Irgend etwas. Ein Jahre, zwei Jahre lang
liege ich schon hier und langweile mich entsetz-
iich. Beeile dich, bevor es Abend wird. Dann
kommt das Fieber, dann flatterst du über den Fuß-
boden, fhegst auf den Kamin und deine Schwingen
sind so groß, so entsetzlich groß. Erzähie mir von
der Hochzeit, von deiner Hochzeit, von der du
schon so oft erzähitest. Von der großen, großen
Hochzeit."

. . . Wo soii ich beginnen?

„Mit dem frühen Morgen. Beginne zu erzählen,
wie du erwachtest und den Fliederstrauch an-
iächeltest, beginne damit, wie du die Augen ge-
öffnet hast und dein Gesichtchen mit kiihlem Was-
ser wuschest. Nicht wahr, damais war eine schöne
Zeit?"

. . . Eine herriiche, mein Seeichen. Es war
Palmsonntag und aiies lauter Goid und Biumen.
Wenn man an diesem Tag die, Hand zum Fenster
hinaussteckte, biieb sie den ganzen Tag goidüber-
gossen.

„An diesem Tag standest du zeitig auf?"

. . . Während ich mich kämmte, woben die
Sonnenstrahien ihren goidigen Mantei um mich.
Marienkäferchen umschwirr'ten mein Haar. Ich
iachte in den Spiegel hinein, machte mir Locken
und eine Turmfrisur.

„Ich sah dein Biid. Es steckt in einem Siiber-
rahmen. Du bist darauf wie eine kleine Taube.
Trugst du das Brokatkieid, in dem dich das Biid
zeigt?"

. . . Ich trugs. Und später nähte ich deine Win-
deln daraus.

„Gab es viele Hochzeiitsgäste?"

. . . Neunundneunzig an der Zahi. Sie waren
schon eine Woche vorher eingetroffen. Deine
Großmutter brachte sie im Gartenfiügei des Hau-
ses unter, jene, für die kein Platz mehr war, wur-
den in aiien Hoteis der Stadt einquartiert. In un-
serm Haus war aiies auf den Kopf gesteiit. Sieben

Köcirinnen buken Tag und Nacht. Von überaH, aus
aiien Teiien des Landes und auch aus dem Aus-
lande kamen Gäste und Bekannte und weinten vor
Freude. Die Augen unserer FamÜienmitglieder —
wir haben aiie biaue Augen — ieuchteten in den
halbdunkien Stuben auf, wenn von meinem Glücke
gesprochen wurde, und sie schauten auf den Myr-
thenkranz, mit dem ich verträumt spielte. Meine
Augen, meine biauen Augen aber glänzten wie
blaue Diamanten.

„Wer war anwesend?"

. . . Aile. Dem Bischof in der vioieitten Soutane,
sein Haar war ergraut, vor den klugen Augen trug
er eine goidgefaßte BriHe, wurde das Gastzimmer
zugewiesen, wo das Himmelbett stand. Er bekam
die Seidendecke und die schönen Spitzenpolster.
Mit vieien Koffern !trafen die Verwandten aus dem
Norden ein, staubig und von Reise und Miidigkeit
schiaff. Herausfordernd stoiz waren die reichen
unter ihnen. Die aus dem Süden waren schon eine
Woche früher aus den benachbarten Dörfern gc-
kommen und beneideten jene aus dem Norden. Ich
kann dir wahriich nicht sagen, wieviele ihrer
waren. Advokaten, Aerzte, Nottare und Offiziere,
vieie, vieie Kranzeidamen, ganz in Weiß, mit Biu-
men geschmtickt, und vieie vornehme Herrschaf-
ten, die nach dem Speisen den Bediensteten fürst-
iiche Trinkgeider verabreichten.

„Wo deckte man zum Abendessen?"

. . . Auf dem Hof, mein Söhnchen. Unter den
Summachbäumen, in ieinem Zeit, unter dessen
Leinwand hufeisenförmige weiße Tische standen,
die unter der Last der Torten und Blumen ächzten.
Die städtischen Haiduken, in weiß verschnürte At-
tilas gekieidet, trugen die Teller auf. Die weit und
breit berühmten Braten und Krapfen deiner Groß-
muttter hatten noch nie wie an diesem Abend ge-
prunkt.

„Wie saßet ihr?"

. . . Ich saß neben deinem Vater, der sehr blaß
war. Fächelte mir mit dem Schleier Wangen,
Hände, die brennenden Ohren. Bloß mein Hals
war eiskalt. Neben uns saßen die Beistände und
der Bischof. Weiter unten, in iangen Reihen, die
Mädchen und neben ihnen tanzbereit die Kranzei-
herren. Ein Verwandter hatte einen lustigen
Trinkspruch ersonnen und räusperte sich. Dein
kahlköpfiger Onkei aber, über den du jetzt soviel
lachst, fuhr sich damals mit den Fingern durch die
krausen Locken und machte den Mädchen feurig
den Hof. Damais iebten auch deine beiden Qroß-
väter noch.

„Alir scheint dieesr Abend so bekannt."

. . . Ja, ja. Die Zigeuner waren auf zwei Wagen
aus der benachbarten Stadt gekommen und hatten
niemais schöner gespieit. Seibst dem Primas ran-
nen Tränen über die Wangen. Sie fiedelten uraite
magyarische Weisen, bei denen die Greise an ihre
Jugend dachten, an junge Mädchen, die seither atf
geworden und jetzt neben ihnen mit sübergrauen
Haar saßen. Häubchen trugen und mit ihren wei-
ken kieinen Mündchen die Rührung schlürften, und
sich an den Tränen ebenso berauschten wie die
Herren am Wein. Ich weiß nicht mehr, wie es
kam, doch alie waren auch ein wenig traurig. Aus
dem Nachbargarten sandten Oliven ihren schmerz-
lichen Duft herüber.

„Mutter ich fühie den Duft der Oliven."

. . . Bieib ruhig, mein Kind, ich wiii dir aHes er-
zähien.

„Nein, jetzt werde ich fortsetzen. Du hast es
mir schon so oft erzählt. Ich weiß es auswendig
und erinnere mich ganz genau daran. Ich sehe, wie
ihr gegen sieben Uhr im Zelte sitzet. Es ist noch
ganz heli. Die Mägde tun geschäftig. Das ganze
Haus ist aus seiner Ordnung gerüttelt. Man sieht
durch die Zeltwand, wie die Stuben für die Gäste

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