Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 134
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Betektive! JawoM, neben mir, vor mir, hinter mir,
iiberaü iauern Detektive.

Naciimittags schritt icii durch einen prachtvoiien
Garten, eine biendendweiße Mauer entiang, auf die
mein Schatten iiei. Piötziich rnerke ich, es ioigt
mir jemand. Ein gieichgüitiger Herr, der mit sei-
nem silberkrückigen Spazierstock im Gartenkies
wühite, einen steifen Hut und Gamaschen trug —
und nach biiiigem Parfiim roch. Eine Weiie konnte
ich seine Nähe ertragen. Dann veriangsamte ich
meiue Schritte. Biieb stehen. Der Unbekannte er-
reichte, iibereiite mich, schaute sich jedocii nicht
nach mir um. Und gerade diese Gieicitgüitigkeit
machte ihn mir verdächtig. Hätte er mich ange-
schaut, angeiächeit, würde ich mich nicht sehr ge-
fürchtet haben. Doch so sank ich mit stockendem
Puis an die Mauer, die von der Frühiingssonne
durchwärmt war und stand iange dort, biasser ais
die Mauer und keuchend im straiilenden Nach-
mittag, ich empfand, es könne gar keiu Verbrechen
geben, fiir das man eincn Meusc'mn cinzusperren
bcrechtigt ist. ifach die Leutc sind ltartberzig und
grausam.

Was hatte ich verbrochen? Ich weiß es nicht.
Und eben dies macht meine Angeiegenheit so haar-
sträubend geheimnisvoü. ich fühie, ich werde ver-
foigt und beobachtet. Ais ftinfiähriger Knabc stahi
ich meinem Vater eines Tages einen Bogen funkei-
nageineues Löschpapier und eine haibe Fiascite
rote Tinte, ich gestand es niemats. Außer mir kann
es niemand wissen. Gestern abend iiabc ich die
Voriadung bekommen./'Voriadung in Strafsachen. /
Ein schmutziggraues, grobes Papier. Ich muß ge-
gen den fnstaiiateur aussagen. Es kann sich bioß
darurn handein. Um nichts anderes. Steiden ist
ein Verbrechen. Aber ich werde doch nicht des-
haib ein Verbrecher sein. weii mir etwas gestohien
wurde? Und dennoch zittere ich.

Gestern abend biu ich abermais einem geheim-
nisvoüen Mann begegnet. fcii saß in der Straßen-
bahn. Er biickte mich nicht an, doch ich wußte,
iede seiner Bewegungen geite mir, und er übermit-
teie mir mit aiier Anstrengung seines ganzeu Ner-
vensystems teiegraphiscb krause Zeichen. Bei der
Haftesteiie stieg er aus. fch foigte ihm. Woiite der
Sache auf den Grund kommen. Er mag offen spre-
chen, mir die entsetziiche Ankiage, die jeder ver-
schweigt und vou der ich seibst keine Ahnung
habe, offen ins Gesicht scMeudern. Der Unbekannte
bog um eine Ecke, denn er fürchtete die Abrech-
nnng und fühite sich in meiner Nähe unbehagiich.

Ats ich ihm foigte, fragte er ängstlich:

„Was woüen Sie?"

Und ich antwortete nicht minder ängstiich:

„Nichts."

„Pardon!" sagte er.

„Pardon!" sagte ich.

Meine Feinde sind heimtiickisch. Wenn sie über
die Straßen gehen, iächein sie verstohien. Sie
stehen vor meinen Wohnungsfenstern, schieichen
aber fort, wenn ich heimkomme. Sie verfolgen mich
sehr unauffäilig. Tun eigentiich überhaupt nichts.

Aber ich bemerke sie dennoch. Weiß, daß sie
sich in finsteren Fcken verbergen, aus einem Fen-
ster des vierten Stockwerks auf mich iauern. Ihre
PupiHeti sind schwarz wie Gewehrmündungen,
jeder erkennt mich und spricht zu sich: dort geht
er, dort auf dem Asfait. der geheimnisvoHe Fiiicht-
Hng, der uns baid in die Hände faiien wird.

Ich habe mich schon in aiies gefügt. Wenn man
mich verhaftet, werde ich zu essen bekommen,
mein Herz wird nnbekiommen pochen, meine Lun-
gen tief und glücklich atmen können. Zwei Gen-
darme mit sehr iangen Bajonetten werden mich
einliefem, dann schert man mir die Haare und
steckt mich in einen erdfarbenen Sträfiingsanzug.
Es muß sich übrigens ganz gut im Kerker ieben.

In seiuer StiHe besser, ais in diesem ewigen Beben
und ScMeichen. Jetzt gehen die Alenschen auf
Gummiabsätzen um mich herum, schauen mich an,
wenn ich sie nicht sehe und erwürgen mich lang-
sam mit ihren sanften, be!]andschuhten Händeu.

StiHer Detektiv, der du auch jetzt hinter meinem
Rücken gehst, erbarme dich meiner und lege deine
Einger — ieise, sehr ieise — auf meine iinke
Schuiter.

Einzigatttorisierie Übertragung ans dem Magyatisehen von
Stefan L Kiein

Gedichte

Kurt HeyMcke
Verwundet

Unsere Augett sind schon tot

ehe sic ins Stroh der dunkien Wagen schauen

und unsre Lippen schmecken noch den gelben

Lehm

aus heuieuden, zerwirbeiten Gräben.

Die Stundeu kommeu knöchern uns besehn
und ängsten uns

mit den iächehiden Messern der Aerzte
und den weißen Verbänden
die unsere Leiber
zu B!ei verderben.

Wenn nicht am Rande utisrer Träume
ein Kiud stände

wir gäben uns seiber ein miides Sterben.

Schlacht-Fe!d-Nacht

Barmherzig
ist die Nacht

wenn ihr der Abend tausend Leichen
iu die samtnen Tücher !egt.

Die Sterne wehen kühi
iu stumpfe Biicke
und duniktes Biut
biüht zu Krouen.

Wenn dunkeiende

die gelben Feuer toter Dörfer abwärts gluten
ziehn in die Himmetstore
sübern die Tränen AfiHionen Mütter
die ihrem Gotte

stundstündüch wehe Seufzer beten.

Yormarsch

Dort

wo die Sterne aus den Wäidern kriechen
baut sich aus Feuern eine Sonne.

Dort

schreit die Frde unter Mutigen Fäustet).

Wir schreiten

und wir singen uns zur Knhe

denn aüe biuten

nach vorn

voran

dort

muß sich unser Schicksa! an uns pressen.

Wir haben !ängst

den Tod in uns versenkt

die ietzte Heimat haben wir vergessen

und nun brennt sich

der Schrei

in uns hinein:

Wir woüen
müssen
ieben
fiir uns
das ieben

was das gebärend kreisst
im Sterben vie!er Städte

Wo

Ich biu so müde
wenn der Abend ebbt.

Es steigen Fiammen aus der haiben Heile,

drin du. '

Icli darf nur in Gedanken mit dir gehu

du bist mir nur

Erscheinung.

Und in die Kindheit deiner Augen muß ich seho
die mir geschah
nur einmal.

O meine Arme betteiu ewig:

Wo? ^

Komm!

Weit tu ich meiner Hoffnung Türen auf.

.___ ü.. ?. ...___

Kunstvorsleher

Herr ScheiHer der Bilderireund

Und doch woüen wir den Faden des K'inst-
interesses nicht ganz abreißen iassen. Mür woüen,
wenn auch selbst mit Gewait ergriffen von dem
mächtig nur nach einer Seite jetzt fiießeuden Strom
der Empfindungen. sachte fortspinnen . . Der
Strom ergreift ihn. aber es v/ird sachte fcrtgespon-
nen. Die Strippe. an der Herr Scheffler hängt,
reißt nicht. Wenn ihn der füeßende Strom ergreift.
setzt er sich wie irnmer ins Trockene. Auf eine
selbstgezimmerte fnset der Kunstfremdheit. Die
Balken biegen sich, aber er beschreibt Kunstströ-
m))ngen. Sein abgestandenes Wasser trägt der
Strom nicht. Angstvoü klammert er sich an die
Säume seines sachten Gespinnstes, der Mnsen:
„Mars U!tor regiert die Stunde und die Musen
fiiehen, erschreckt von dem rauhen Lärm, der in
ihre tiefsinnigen Weisen von aHen Seiten bmein-
dringt." Einen tiefsinnigen Weisen veHassen die
Musen nie. abcr wer die Musen braucht. war schon
stets von der K'.uist ver!assen. „Dieser Krieg muß
eine Schule des Talentes werden. Denn indem der
Idealismtts sich erneuert, muß sich wie von selbst
die Kraft kiiust!erischer DarsteHung erneuern." Dic
Kraft ktinstlerischer Darsteüung hat sich bereits
wie von se!bst erneuert, auch der Ideaüsmus. und
zwar lange vor dem Kriege. Der tiefsinnige Ma-
teriaHst. Herr Kar! Scheff!er, hat es nicht bemerkt.
Er war sein ganzes Leben lang verreist, nach Grie-
cherdand. In Deutschland hat er den AnscMuB ver-
paßt. Und im Krieg wird er ihu nicht einbokn.
Manche Leute verpassen eben immer die Züge. und
mit griechischen Waffen wird kein Sicg der Gegen-
wart errungen.

Ber Küustlerpräsident

Die Münchener Künst!ergenossenschait hat* cine!)
nenen Präsidenten gewäh!t. Er hat, sagte er einer
Zeitung, kein eigentliches Programm. Auch kein ,
Kunstevangeüum. „Es gibt ftir mich nur Lente,
die etrwas können und solche. die ))ichts können."
Eür mich. Es fragt sich nur, ob der mich ein ich
ist, der weiß, ob Leute etwas können oder nichts
können. „Nur vor dem einen müssen wir uns. hü-
ten, vor dem Ueberhandnehmen der Mittelmäßig-
keit." Was der Künstierpräsident unter Ueberhand-
nehmen versteht, ist nicht so teicht von der Hand zu
weisen: „Mitteimäßigkeit wird immer sein und muß
sein, denn ohne K!eine werden die Großen nie
etv/as werden können." Das heißt auf Deutsch:
die Mitteimäßigen werden sich nie a!s groß auf-
spieten können, wenn nicht eine mögÜchst große
Zah! noch Mittetmäßigerer vorhanden ist. Diese
große Zahl macht München bedeutend: ,.Was die
Bedeutung Münchens ausmacht, ist die Gesamtheit
aüer Künst!er." Je mehr in einer Stadt gemaü wird,
desto künstierischer wird sie. Aber es darf nicnt

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