Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Und während er die Hände aneinandergelegt
vor die Stirn hieit, kam ihm vor, ais ob sein Frosch
ars der Mnide zwischen ihnen hervorhüpfte, iaut
„Qtiak, quak" machte und behend vor die Füße der
Gottesmutter sprang. Die Enge! iachten fein, als
'wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße
Alarias bewegten sich wenig. Das rosige Woiken-
Heid über ihren Schenkein strich sie giatt, da
iiüpfte der kieine braune Frosch empor. Auf ihrem
Schoß saß er stii! mit seinen mächtigen Augenbäi-
ien und dnrfte stiii sitzen bleiben zwischen den
Engiein.

Der Weg
durch die Nacht

Rornan

Aage von Koh!

Fortsetzung

Er öffnete behutsam die Tür zu seinem Arbeits-
zimmer, iieß sie eintreten, foigte ihr_:

„Das ganze, iiebe Frau Briigge, ist übrigens
nur eine Bagateiie!

Und ich mache mir Vorwürfe, daß ich Ihnen
die Weisung nicht schon iängst erteiit habe; das
hätte ich an und fiir sich eigentiich tun können —
seibst in Professor von Geers Gegenwart!" —
sagte er hastig, indem er die Tür hinter sich zu-
zag^ Et trat darauf an deii Schreibtisch, iegte seine
beiden Hände fiacii auf das schwere, versiegeite
Paket, sah iächeind und mit in die Höhe gezogenen
Bnauen über seine Schuiter zu iiir hinüber —:

.-„Sehen. Sie hier!

'Da ist in erster Linie dieses dicke Inquarto —
mein ietztes Manuskript. Ein Poman von nicht we-
aiger als ungefähr fiinfhundert dicht gedruckten
Buchseiten! Mit anderen Worten eine sehr um-
fapgreiche Erzähiung, die ich nichtsdestoweniger
im Laufe eines Monäts ganz und gar konzipiert,
entworfen, dnrchgearbeitet und fertig geschrieben
habe!

Morgcn vormittag wird ejn Bote vom Verlag
'kommen, um es zn hoien —: dies mein Endwerk!

Wenn Sie es aiso nur dem betreffenden Mann
ausliefem woiien! —

Und endiich", — er fühite auf einmai seine Arme
zittern, konnte hören, daß seine Stimme anders
kiang ais eben noch —c

„Endiich," — wiederliotte er, bestrebt, seine
Siimme wieder ieicht und frei zu machen, seine
Augenbrauen sehr stark in die Höhe ziehend, und
sich den Anschein gebeud, ais ob er nachiässig
nach irgend etwas auf dem Tisch suchte — „end-
lich möchte ich Sie außerdem bitten, so gut zu
sein, mich morgen früh präzise acht Uhr zu wecken
— ich muß ausgehen!

Ein viertei vor neun können Sie mir eine Tasse
Kaffee bringen! . . .

Danke!

Weiter war da nichts — gute Nacht!"

Er hatte ihr zuietzt das Gesicht zugewendet,
hatte . seine Biicke mit frenndschaitHchem Woiii-
gefaiien auf diesem iängiiciien, ein wenig müden,
^iebenswürdigen Antiitz, das von scliönem, weißem
Haar umrahmt war, ruhen !assen; auf dem schma-
len, biendend weißen Toiienkragen um den Hais,
dem schwarzen Kieid, das anmutig die kieine, feste
Gestalt umschioß, der es im iibrigen weder an
Zartheit ndch an Eieganz fehite. Er hatte ietzt ein
GefüM,' äis wenn er sie in Wirklichkeit zmn aiier-
ersten Mät so recht geseheh hätte. Er lächelte,
strich sich mit der Hand iangsam über das
Kinn ....

„Ja!" sagte er dann, ohne selbst begreifen
.zu können, warum er sie niciit so schneil wie mög-

lich gehen iieß, so daß sie zu Bett kommen konnte

— „es ist aiierdings heute abend recht spät für
Sie geworden! Die Uhr ist jetzt . . . ja, sie ist weiß
Gott schon ein wenig über haib zwei — aber es
ist eine sehr wichtige Sache, weswegen ich mor-
gen zur Stadt muß, sie duidet ieider auch nicht
eine Stunde Anfschub!

Ich muß noch hinzufügen —: eine außerordent-
lich bedeutungsvoile Sache, di'e wahrscheinlich
besonders weit reichende Folgen haben wird!

Für verschiedene von den Impiizierten! . . . .

Oder auf aiie FäHe, richtiger gesagt, mögiicher-
weise fiir mich seibst!" — fiigte er schnell hiiizu,
stotternd — indem er infolge eines unruhigen, fast
ängstiichen Ausdruckes, der über Frau Brügges
Antiitz hingiitt, sich piötzlich bewußt wurde, daß
er hier stand und iiber Dinge redete, die einem
Fremden gegeniiber zu erwähnen keineswegs
seine Absicht war!

Er machte aiso schneii eine hastige Bewegung
mit der Hand, verneigte sich kurz und leicht,
streckte den Arm nach dem Schreibtischstuhl
aus, wie um sich hinzusetzen . . . aber da hörte er,
unerwartet, tief von da unten her, ais sei es die
Summe von aiiem, was er soeben gedacht, gesagt
und vorbereitet hatte, — oder ais koinme es gar
nicht ans ihm seibst, sondern aus dem Boden
unter seinen Fiißen, aus der Finsternis uiid Feuch-
tigkeit des Keiierraumes, aus dem kohischwarzen
und kaiten, sickernden Schoß der Erde seibst —:
diesen gedämpften, fern knurrenden Ruf: Kari
Mumme! . . Und er wandte sich dann, piötziich
iächeind, mit zitternden Knien, wieder nach der
Haushäiterin um, die schon dort au der Tür
stand —:

„Sagen Sie mir einmai, Frau Brügge" — be-
gann er fieberheiß, mit rauhen oder entzündeten
Nerven rings um sich her nach irgend einem
Thema schnappend, das er mit ihr bereden könnte,
wenn es auch uur für eine oder zwei Minuten
war —:

„Hören Sie einmal!

Was ich Ihnen noch sagen wolite, liebe Frau
Brügge!?

Ja —: das hätte ich ja beinahe vergessen,
Ihnen mitzuteilen, daß ich möglicherweise morgen
zu Tisch liicht nach Hause komme!

Ich komme ailer mensciilichen Wahrscheinlich-
keit nach morgen weder zu Tisch tioch zu Abend
nach Hause!

Sie sehen mich, mit andern Worten, vieileicht
erst übermorgen wieder!

Nehme ich wenigstens an! . . .

Ja —:

Ich erzäMe Hmen dies hier!" — beeiite er sich
fortzufahren, gieich sobaid er seibst voiler Stau-
nen und Unruhe gehört hatte, was er hier redete

— „um es Ihnen Mar zu machen, daß Sie morgen

— von dem Augenbiick an, wo Sie mich präzis
acht Uhr geweckt und mir darauf meinen Kaffee
gebracht haben (recht starken Kaffee, wenn ich
bitten darf!), ein Viertel vor neun — im vollen
Umfaitg den Tag zu Ihrer eigenen Verfügung
haben!

Ich darf vieileicht noch, ohne in irgend einer
Weise die Diskretion zu verietzen, die mir still-
sciiweigend auferlegt ist," — fuhr er fort, indem
er eine ernste, fast bekümmerte Miene aufsetzte,
und ein oder zweimai deu Kopf schütteite, —- „ich
darf Ihnen ferner woM verraten, daß ich even-
tueii gezwmigen sein werde, in der aiiernächsten
Zukunft eine Peise zu unternehmen! Ach, Sie
können seibstverständiich, was Sie selber anbe-
trifft, vöiiig ruhig sein — ich bin nach jeder Rich-
tung hin unbedingt mit Ihnen sehr zufrieden, ja,
mehr ais das! und beabsichtige aiso keineswegs
irgendeine Veränderung hier in diesem Hause ein-

zuführen, im Gegenteii . . . aber ich seibst werde
wohi sicher gezwungen sein, eine Reise zu unter-
nehmen, wohin, wie lange — das weiß ich noch
nicht so genau; aber ziemiich weit fort, giaube ich .
doch, geradeaus gesagt eine außerordentiich weit
führende Fahrt — nun äber, wir werden ja sehen!

Doch", — schloß er, piötziich totmüde und
entnervt, nur mit Mühe diese ietzten Sätze for-
mend —:

„ich wiii Sie jetzt nicht iänger aufhaiten!

Machen Sie, daß Sie zu Bett kommen, iiebe
Frau Brügge — und eine gute, ruhige Nacht!

Sie entsinnen sich ja: um acht Uhr, ein Vier-
tei vor iieun, der Bote voin Veriag ungefähr geged
zehn Uhr — und mich haben Sie weder zu Mit-
tag noch zu Abend hier! —

ich dankeIhnen!

ScMafen Sie recht gut!"

Er wandte sich gewaitsam um, von ihr ab —
hörte das ieise Rascheln ihres Kieides, während
sie die Tür öffnete und mit einem Knicks ver-
schwand; ward unmittelbar darauf von einem
wahnsinnigen Grauen vor dem AHeinsein erfaßt,
machte einen lautlosen Sprung auf das Entree zu,
konrite noch mit angespanntem Lauschen den Laut
ihres leisen trippelnden Schrittes verfolgen,
streckte die Hand nach dem Türgriff aus, sinnlos
vor Schrecken — unterschied aber da. im selben
Augenbiick eine außerordentlich gedämpfte
Stimme, die, dicht neben seinem Ohr, sowohl
dieses, a!s auch seine Wangen, seinen Hals und
seinen Nacken mit einem brennend heißen Atem-
hauch traf, indem sie iimi zufiüsterte: Karl
Mumme!

Alit einem Stöhnen drehte er sich auf seinem,
Absatz herum, die Arme wiid vor sich ausge-
streckt, erbieichend, zurücktaumelnd —:

Wer . . .

Wer da!?

Wer war es, der sprach?! . . .

Seine Zähne scMossen sich gleich darauf mit
einein hörbaren Laut zusammen. Ein Zittern rann
dabei durch seine Glieder. Noch eine Sekunde flo-
gen seine Blicke wie toll iiach alien Seiten.

Aber einen Moment später erkannte er, nach
und nach, mit noch keuchendem Atem, daß es
seibstredend eine Sinnentäuschung gewesen sein
mußte, diese Stimme! Ganz einfach ein halluzi-
natorischer oder vieimehr schiecht und recht ein
lächeriicher Nerveneinfaii, natüriich, nur verur-
sacht durch aii das, was er heute abend erlebt
hatte! wer in aiier Weit, außer ihm seiber, soiite
woM diesen Namen hier in diesem Hause kennen,
Unsinu, unmögiich!

Er entsann sich jäh darauf Frau Brügges
schmaieu und iiebenswiirdigsten Gesichts, mit dem
ruhigen Lächein, den schönen Zähnen und den
dunkien und kiaren Augen unter dem dichten, wei-
ßen Haar — und begann im Anschiuß hieran, ohne
sich jedoch seibst dadurch ganz hinters Licht
führen zu könen, eine Reihe von Vorwürfen gegen
sich seiber zu richten: Freiiich, es war höchst un-
freundiich, geradezu unpassend von ihm gewesen,
däß er niciit den Augenbiick eben, ais sie hier
drinnen war, benutzt hatte, um sie ein kiein wenig
auszufragen, wie es denn ihrem Solin gehe, der
auf den tropischen AJeeren fuhr, irgendwo, ais
dritter Steuermann! Offen gestanden, das einzig
Korrekte wiirde sein, wenn er jetzt spornstreichs
zu ihr hineiite und versuciite, diese Unterlassungs-
siinde wieder gut zu rnachen, iiidem er vernünf-
tig und iieb eine Vierteistimde oder so mit ihr
piauderte — mein Gbtt, diese alte, einsame Person,
die so rediich, so gütig ünd iiebevoi), so unermüd-
iich, während dieser zwei iaugen Jahre für ihn
gesorgt hatte,, .seit jenem Tage. . . . . seit jenem.

I age, ais Kari Mumme .... Fortsetzung fotgt

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