Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Linderung und Hülfe meines Getunenen und

Unterlassenen,

das Gedanken, das zum Schlaie lindert.

Aile Tat verlöscht, ein edler Leuchtstreif,

Anmut versunkener Tage erblüht,

die Gewißheit, die im Traum sich darbietet.

Die Linien der Liebe sind ins Verborgene

geschrieben.

MakeHos sei das Herz, das durch Welt und Nacht

vor sie hintritt

AUes soii sie ausgieichen und an ihren eiwigen

Busem

ailes in sich verschränken.

Wem je in hoher Kraft ein Gedanke sich getaucht,
dem Säenden, der genügsam des Anderen

Fruchtbarkeit erweckt,
dem Liebenden, jünglingshaft, schwersinnend,
dem Bangenden, der überströmende Erwartung

nicht ausspricht

dem Einsamen, dessen Herz weißer glänzt als

Mond und See,

erschiießt sich unter dem dichten Nachthimmei
ein neues Leben mit unschuidigen Tränen.

Immer sei das hohe Licht um uns
gegliederter Raum oder edel werbendes Buch,
damit wir nie frei von Liebe sind. '

Milde sei das Tal, zu dem unser Pfad hinablenkt.
und von fern auf den 'Höhen
warte der Edlen gewappnete und ernste Schar,
die treu schauet auf unsere Welt.

Auf Peter Hilles Tod

Wenn du eine Stimme
in Lüften
über den Wäldern
gewaltig hörst,

so denke, mein frischer Jugendknabe,
däß du dich von mir abkehren sollst,
und nicht wissen des Schweifenden
Leben und Ende

Dem männlich-rauhen Schrei

des Reihers gehorche

des Seespiegels goldene Lanzen

lenke in dein Herz

Des Peihers rauhe Stimme

ist die Meine

des Seespiegels goldene Lanzen
sind meine Worte, die blitzenden ...

Aus Seelenfinsternis hob ich eine Welt —

Nächtens, das Rauschen

das überm Wanderer webt

Verwob ich ins Brausen

das ich dir sende

einsam, nach meinem Tod!

Im Buche bin ich nicht begraben —
Majestätisches Gedröhne,
das mit mir Verlorenen
einsam dahinzog,

Ha!I der Worte,

meine hinknieende Unruhe,

Einfältig Getast im hohen Welt-Atem:

Das aiies vernimm',

der du dich an mein Herz niederbückst,

den des friedlosen Wanderers

Bartgeäst umflicht,

um den in gewitternder Einsamkeit

Vielhundertjährige Kiefern

rot und hart sich recken.

Schau diese schmale, edle Hand,
des Genius Hand,
legt sich auf dein springendes Herz
und erhebt dich vom Tode.

Den Blauen Stern,

seine einsäme Bahn

empfängt der seelenstillbreitende See,

das goldene Rotlicht,

der Spiegel mit seiner unendlichen Tiefe . . .

Adoli Knoblauch

Der Weg
durch die Nacht

Roman

Aage von Kohl

Fortsetzuag

Ein tiefer und langsamer Schwindel geht durch
seinen Kopf.

Ein grenzenloser Ekel und ein Grauen steigten
aus seiner Brust auf — und er ist im Begriff, schäu-
mend zornig zu werden über diesen schrecklichen
Irrtum — rasend zornig: ja, auf sich selbst und
auf diese Fremde und Stumme!

Und zu gleicher Zeit hat er nichtsdestoweniger
im innersten Innern eine quälende Ahnung davon,
daß das Verkehrteste an dieser Sache an einem
ganz anderen Punkte liegt, als er vermutet: aber
wo denn, wo denn, wie, was ist denn so schnur-
stracks und fürchterlich verkehrt??

AHe seine Fibern spannen sich wahnsinnig an,
um diesem Mysterium auf den Grund zu gelangen,
um begreifen zu können, von wem oder woher das
GrauenvoIIe denn stammt.

Einen Augenblick ist es, a!s ob ein blutiges und
fernes, fernes Fassen im Begriff ist aufzuspringen,
in seinem Gehirn, in seinem Herzen, mit zerrei-
ßender Klaue — aber mit einer Handbewegung
jagt er dies viel, viel zu Gräßliche weg, zehntau-
send Meilen weit weg: gewiß nicht, murmelte er
und zwingt sich zu lächeln —: habe ich nicht in
allen meinen Büchern geschrieben, bin ich nicht
bestrebt gewesen zu beweisen, in jedem einzelnen
Antlitz, das ich geschaffen habe: daß, was wir
haben — gerade das ist, was wir begehrten!

Nicht wahr, und wie soilte es denkbar sein,
daß ich begehrt hätte, daß . . . daß . . . daß so
etwas geschehen sollte! Nein, keineswegs, es ist
ganz empörend verkehrt: niemals hat ein Mensch
mit größerer Zärtlichkeit und Seligkeit nach ewi-
gem Zusammenleben mit einem andern verlangt,
als ich nach Annie! Und also, ja, es ist kindisch
einleuchtend, dies alles! Aber ich habe sie nur
nicht richtig geweckt — und es ist außerordentlich
dumm von mir, mich davon einschüchtern zu las-
sen, wenn auch nur auf eine Minute mich davon
einschüchtern zu lassen! Selbstverständlich ist es
wirklich Annie, die da liegt und so süß schlum-
mert. Ich kenne ja einen jeden einzelnen ihrer
Züge mit Wonne wieder — aber sie muß jetzt er-
wachen, so schnell wie möglich, es gilt ihr Leben
und meins, daß ich ihre Stimme noch heute abend
höre, denn nun weiß ich in vollem Maße, was eine
Nacht bringen kann! . . .

Und also beugt er von neuem sein Antlitz wie-
der zu ihr hinab, er spitzt Iautlos seinen Mund,
seine Augen glänzen — er will gerade seine Lip-
pen auf die ihren pressen, um sie so mit einem
Kuß aus dem Schlaf zu rufen.

Aber da kommt es ihm unvermutet vor, als
höre er den Laut von sehr leisen Schritten draußen
die Treppe hinaufkommen —:

Ja!

Sie kommen!

Und es sind ihrer viele!

Du allmächtiger Gott — was soll er gegen sie
alle tun!? . . .

Mit einem Sprung ist er dort an der Tür, die
Oberlippe in die Höhe gehoben, er lächelt weiß
und rot, seine Pulse hämmern, tief drinnen in
seinem Kopf flammen seine Augen: Gut, es so!I sie
teuer zu stehen kommen, wenn sie versuchen,
gegen meinen Willen hier einzudringen! Ach, ich
schwöre es euch hoch und heilig zu, daß noch
kein Mensch in der Welt sein Leben so kostbar
verkauft haben soll — wie ich sie gegen euch aüe
verteidigen will, so viele ihr auch seid! Kommt
herauf, ja, kommt nur, wenn ihr es wagt!

Da machen die Schritte auf dem Gange da
draußen plötzlich Halt. Ein hastiges Murmeln. Ein
Räuspern — es wird gedämpft an die FüMung der
Tür hinter dem umgestürzten Schrank gepocht —:

„Herr Morton?

Ist Herr Morton hier?"

Ob Herr Morton hier ist, höhnt Glaß stumm
und mit einem Grinsen.

Aber im selben Nu preßt er wie verrückt seine
Hände gegen die Stirn.

Rätselhaft bemüht, irgend etwas zu begreifen,
von dem er nicht weiß, was es ist! irgend etwas,
das zu begreifen er noch vor einem Augenblick
zollnahe war!

Er lauscht mit ganzer Macht, wird sich plötz-
lich klar darüber: daß er auf alle Fälle diese
Stimme wiedererkennt— die eben seinen Namen
rief! diese leise, fast flehende Stimme — und ein
sonderbares, ein grauenerweckendes Zittern tief
drinnen in ihrem Klang!

Gewiß, er hat vor ein paar blitzkurzen Sekun-
den — oder nein, er hat vor einigen Wochen —
oder vielmehr vor vielen, vielen Jahren, hat er
diese Stimme einmal gehört! in einem Telephon hat
er diese Stimme gehört, die erst ganz anders klang
... und darauf auf einmal, niemand weiß wes-
halb, plötzlich diesen Unterton von Angst, von zit-
ternder Bewegtheit bekam —: oder war es ein
erstickendes Mitgefühl, das die Stimme dieses
Mannes zusammen preßte?!

Mitgefühl?

Wie so — mit wem denn?

Mit irgendeinem fremden Mann — dessen
Frau . . .?

Aufs neue läuft eine heftige Erschütterung durch
seine Brust; sie fliegt gleich einer Vibration durch
seine Lenden, durch seine Knie hinab, läßt den
Boden unter seinen Fußsohlen wogen. Er macht
eine gewaltsame Bewegung mit beiden Armen,
schlägt im nächsten Augenblick die Fäuste gegen
sein Herz, wirft den Nacken mit einem Stöhnen
hintenüber —:

Ja!

Jetzt weiß er!

Jetzt fängt er an sich zu entsinnen —:

Er erinnert sich der Straßenbahn, des Tele-
phons, der Stimme des Polizeibeamten dort auf
der Station, des Laufes den Bahnhofsweg hinab,
der Felder, der Finsternis . . . ja, ja, aber was hat
das alles mit Annie zu schaffen?! . . .

Ein tiefes BrüIIen steigt durch seine Kehle auf
und will durch seinen Mund hinaus, er beißt die
Zähne darüber zusammen, spürt plötzlich den
Schmerz in seiner Lippe, kann sich noch immer
nicht klar darüber werden, was für einen Zu-
sammenhang das, was geschehen ist, mit Annie
haben kann — entsinnt sich dahingegen nun auch
einer Menge anderer dunklen Dinge — die offen-
bar n a c h diesem Entscheidenden und Unverständ-
lichen vor sich gegangen sein müssen —: nämllch
des Weges hierher nach Hause mit Ihr in seinen
Armen, des kurzen Aufenthaltes im Arbeitszimmer,

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