Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 156
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Gesträubte) er ist tot, Du hast einen lebenden
Schatz, der m i c h wiH
F r !e u n d i n (geht auf): nein!

Sie (zerrt sie): ja! nein! (häit fest, ruhig neben
ihr, bannend): was ist wahr? sag was ist wahr?
Freundin (in Beben): warum haßt Du?

Sie: ich hasse, bassen? (iacht dumpf) sieh seinen
Mund, er küßt, o kiißt!

F r e u n d i n (sucht toszuwinden)

S i e (häit eisern fest): er hat geküßt, Männer küs-
sen, wir müssen dankbar sein. Dankbar! (packt
hinter ihr den andern Arm) Moder? die Lippen
modern (nimmt eisenfest die Hand auf ihr
Haupt und beugt die Schreiende) Du mußt nicht
schreien. Küssen! Küssen iacht! er hat so gern
geküßt, iachen! küssen! (stößt die Verstummende
auf die Lippen) ich weiß, küsse, küsse (wirft die
Ohnmächtige hin) pfui Du Metze, (stößt den Fuß
nach ihr) ktisset anderieuts Leichen (beugt über
sie) Leichenküsse (iauscht) Du hörst mich nicht,
(reißt sie an den Haaren hoch) höre höre, ich
habe viei zu sagcu (beugt über sie) schön Du!
unsagbar anmutig (betrachtet die Liegende, tritt
zum Spieget, wisciit iiber das Gesicht, tritt zu
ihr) nein, nicht bewußtios, Freuden wachen,
(gießt ihr Wein aus der Karaffe ins Gesicht) wach
auf! wach auf (springt hoch, steht die Fiasche
aus der Hand) ja ja (reißt die L-ade des Divan-
tisches auf und stockt im Denken, hebt einen Re-
vofver hoch) nicht doch! (iegt die Hand an die
Stirn) ich bin ia ich biu (iegt d-en Revoiver zu-
rück, iächeit bitter) nein ich hab ilim nie weiche
zugeführt, wahr! Lüge (sie spieit ein Messer) die
Augen, die Augen, Nacht. (sie kiappt das Messer
und nimmt es stichig. beugt und bewundert) o du
bist schön, unsagbar anmmtig, wirkiich, hörst
Du? und ich hin schön, er sagte es hundert Mai
(im wehen Aufschr-ei) ich hatte nie was ich be-
saß. Ich besaß niemais was ich hatte und was
ich hattc, besaßen itnmer di-e anderen (weint,
fährt der LiegendeH iiber Gesicht und Haar)
nein nein, Dtt soüst ieben, wirkhch ieben (woi-
iüstig tastend) Haut, Lippen, oh (beugt tief und
schneidet) nicht kiissen, niemais, niemais mehr
(wirft Schnitt und Messer durch die Vorhänge des
offenen Fensters) der andere, (beugt über sie)
D.u bist schön, o anmutig, (breitet ein Tucit über
das wimmernde Gesicht) Du soitst nicht sterben,
sterben (preßt das Tuc'h an) Du kannst Dich auch
im Spiegei sehn, er iiebt, er nimmt Dich doch
uüsagbar, Totenkopf (erhebt sich, biickt angst-
verzerrt umher, nimmt ein Gias, schenkt Wein
und schüttet Puiver die Augen weit in Fernen)
ein Tor, ein Tor (schrickt zum Park)

H tt n d e balgen

S i e (iacht): die 'Hunde baigen Lippen, (hebt das
Gias) hörst Du? warte eine Weife, (Gedanken
iiberfaüen) Wciie (schaut auf die Liegende, beugt
über und horcht) atmen, atmen, Du (steiit das
G!as fort und packt sie wiid in die Haare) Du
soüst nicht üegen hier, iiegen, ich treffe mit ihm,
treffe, (schieift in den Park)

Sie: (kommt w-ieder uud trocknet iächeind die
Hände) ja geiie Hunde (nihunt dic Hand des
Toten, sitzt und betrachtet)

H u n d e (heuien draußen)

S i e: (tacht greii, trinkt, wirft das Gias in Scher-
ben, greift stiirzend seine Hand; über ihn) Du,
Dich, fch.

Ende

Gedichte

Das erste Weib
Kurt Heynicke

Ich tue aHes Kindsein von mir ab
wnd decke stiH den tiefen Sarg

mit neuen Biicken zu.

In meine Augen

kommt der neue Gianz

zu fremden Städten und entf-ernten Wäidern,

Die reifen Tage werden dunkier
und schüttein Irrsai aus dem Mantel
sodaß ich iange in den Abend gehe
und mich verstecke
vor dem großen Aiiein bei Nacht.

Am Morgen sehen meine Tränen auf ein Wunder
und ringen sich Gebete aus dem zagen Herzen,
Ich trage die weiße Seide großer Sehnsucht
um meinen schmerzen Leib
und meine Händ-e tasten ieise an die Türen.

O wie ich meine Seide hüte!

Ich kann die Fratzen nicht besehn

die nächstens mit den bloßen Brüsten winken.

Dein Duft ist seiten wie ein Tag
zu dem man giücklich ist.

Mein Auge weiß nicht
biühst du weiß oder violett.

Deine Nächte sind Farben
die nur heüe Seelen sehen
und Töne

die in tausend Jahren kommen werden.

Du trägst die Krone des ErfüHens
'licbt im Haar

und meine Küsse salben deinen Scheite!.

Nun bist du Meer wie aüe.

Du schitl-erst bunt und unfaßbar
im Gruude

und auf der Fläche läßt du deine Stürme wohnen.
Noch fiihl ich deine Augen
tief in mir,

Ich friere

und ein dünnes Lächeln
reißt entzwei.

Die schnelten Stunden töten Brände
und aus den letzten Geigenstrich
rinnt Sattheit
müde

in die Hände.

Gott

Ich trage Worte in den Händen
wie man Geschmeide trägt.

Ich kann es schöner
als die Priester tun
und schmücke meinen Gott
mit Liedern,

Ich finde ihn

in dunklen Stunden

wenn er die engen Gassen

mit den Augen schönt

und wenn er sacht die Dirnen streichelt

Die Liebe aus den heüen Fenstern hängen.

Ich fi.nd-e nie das Amen bei den Worten.

Ich bange mich

dem Endelosen Ende sagen.

Die schwarze Fahne

E!ne Dichtung
Adolf Knoblauch

Fortsetzung

Widerstand

Bran hat sich gelobt, zu Hause zu bleiben, wäh-
rend der durch steinen Brief heraufbeschworene
Streit mit der Leutnantsfamiiie zur Entscheidung
heranreift, und jeden Abend einen Spaziergang
durch erfrischenden Frost, nervenstärkenden Wind
und tiefe Waideinsamkeit zu machen.

Nach dem Schnee und dem bleichstarrenö'en
Frosttag, der kupfernen Abendsonne im eisgrünen
makeüosen Himmelsmeer ist an diesem Morgen der
warmhauchende Stidweststurm gekommen, dicke
metallene Wolken stehen über den Häusern und
dem Sanatorium gebalit, zu Stufen steigen sie über-
einander und erfüllen mit ihrem stählernen Dunkel
den stürmenden Erd-Morgen.

Der Schnee auf Dächern, Bürgersteigen, den
umwallten Fahrstraßen lockert sich, stürzt hinab,
schwere schmutzige Klumpen bedecken bald aüe
Straßen, Rinnsaie tropfeu . . . Mit dichten Stößen
dröhnt der Sturm gegen Haus und Dach uud
lockert den siebenfachen Frost.

In der Frühe besucht Herr Assessor den Jüng-
Iing, und indem er -den vom Waschen feuchten
Schnauzbart glättet, entledigt er sich des neuesten
Auftrags: „Nun, Sie Erleuchteter, geht es Ihnen an
den Kragen, soeben hat der Herr Leutnant die gnä-
dige Frau telegrafisch aus der Stadt zu sich ge-
rufen wegen eines gewissen Briefes, den der BrieL
träger dem Hernn Leutnant bekannt gab. Im Anf-
trage der Familie fordere ich Sie auf, Ihr wundcr-
bares Schriftstück gleich herauszugeben, nun keine
langen Geschichten . . ."

Da Herr Assessor alle seine Saucen mit der Zu-
tat der Moral einlegt, kann er auch seine neue Auf-
forderung zur Preisgabe des Briefes unmöglich so
ganz ohne Würze darbieten; Bran habe sich doch
so für die Frau Leutnant interessiert, nun solle er
der armen Frau, die er ungliicklich gemacht habe,
helfen, sich zu rechtfertigan, er müsse begreifen,
daß ihre Ehre, ihr Familienleben am seidenen Fa-
den schwebe . . . W-enn sein Qewissen rein sei, so
könne er den Brief ruhig herausgeben und dadurch
Frau Brosin von jedem Makel befreien. Brau schiit-
telt schweigend den Kopf, wie soll er auch den
Brief, in dem er die Partei d-er Frau gegen de.u
Alann nimmt, in die Hände jenes Menschen legen,
der seine Kindcr mißhandelt.

Auf seine Weigerung dringt der graue Kubus
mit seinen bösen tiefli-egenden A-ugen und den mes-
serscharfen Mundfaiten nahe gegen Bran an, der
ganze Assessor humpeit einen gewichtigeu Schritt
vorwärts: „SoII ich Sie noch einmal an Ihre PRicht
eritnnern, Mensch, haben Sie nicht soviel Ehre, um
eine tadeüose hochanständige Frau von dem
Schmutz, den Sie auf sie gebracht haben, zu reiui-
gen. Wenn Sie eine Ahnung haben würden vom
Ehrbegriffe jenes Gesellschaftskreises, in dem die
Frau Leutnant lebt, würden Sie sicli schämen.
Wäre der Leutnant gesund, seiner Glieder mäch-
tig, so hätte er sich längst Qenugtuung geholt, aber
äuf andere Art, als Sie vielleicht denken."

Bran erwidert gleichgültig auf Anpöbehmg:
„Frau Lise, die aüein das Recht über den Brief zu
verfügen hat, gab ihn mir zurück, und sie tat reckt
daran. Sie hat jeden Schein eiues Verdachtes iiber
iiloyaie Handiungsweise wideriegt, indem sie den
Brief abiehnte zu empfangen. Damit, denke ich, ist
die Angeiegenheit endiich eriedigt . . ."

Herr Assessor humpeit hinaus, um Frau Lise
weiter für die Sache des Herrn Leuinants zu bear-
beiten und nach einer Weiie kommt die unge-
schiachte Frau Hannah zu Bran, schiießt vorsichtig
die Tür hinter sich zu. Bran ist erstaunt über ihr
abgemagertes, graues Aitweibergesicht, die trübea
Augen, die „geschäftiich" vom Gatten beeinfiußte
kaite Stimme: „Es bieibt mir unbegreiitich, wie Sie
einer verheirateten Frau, die sich einig-e Maie -mit
Ihnen unterhaiten hat, einen Brief schreiben kona-
ten. Wir aiie haben Sie für einen aiizn harmlosen
Menscheu gehaiten, und nun zerstören Sie uns das
ganze Weihnachtsfest. Geben Sie wenigstens den
Brief heraus, damit wir die Frau Leutnant beruhi-
gen, geben Sie ihn mir in die Hand . . ."
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