Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 132
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Er hatte wieder Schwung in den Musketn und
sein Riemen stand. O Aiaruscha!

Anch Jean hatte sich ba!d wieder auigereckt.
Stützte sich aui das Eisen und horchte. Schien-
kerte mit dem verwundeten Arm und sackte cin
bißchen in den Knien ein.

Ptötzhch janchzte er !aut: „Schiisse . . . hör . . .
Sprengschüsse!"

Severin tieß den Hammer iaüen und drückte sich
mit dem Kopf tiefer ;n das Gestein.

„Donner, ja, Jean, ganz deutiich. Wirkiich.
Schtisse!"

Nun hieben sie ahe beide wie verrückt. Körper
an Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem
Hieh. den er aushoite.

Ach. die Wand gab nicht nach. Und die Mi-
nuten zogen die Sekunden mehr und mehr in die
Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, wa!zten
sie wie Draht aus, der mit spinncndem K!ang in
die Ohpen hineintönte.

Jean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte:
„AHes ist wieder sti!! . . . Horch . . . ganz stiü. .

Severin Manpte z"sammen. Tastete biind nnd
grausaum in dcr Lvft herum. Dachte einen Augen-
blick: Hah ich w.irküch Schüsse gehört? Wie?
Hab ich Schüsse gehört?"

Jean fütdte sUh wie ins Gen'ck gestoßen. Ein
Knochengerüst k!apperte iiber seinen Pücken.

..Hu . . . Hu . . . Der Alte . . ." spie er frös-
ste!nd. Und spran.g wieder an die Wand.

Heües Eeuer bützM vem Eisen. Und dcr Staub
pfiff von eine!* fremden Schwingung weggestoßen,
ihm breit ins Mau!.

Snlitternd gab die Oesteinswand nach.

Eine handgroße Lticke klaffte und üeß eine wun-
derüch ka!te Luft hereinz'ehen.

Severin. der einen ha!ben Meter seitwärts
stand. bekam den Durchzug zu schnappen.

,.0 ihr Heüigen aü! Jean! Jean! Nun können
wir ba)d durchsch!üpfen."

Jean spürte, wie seine Adern heraufschwoüen:
Dieser Hund kann noch tachen? !n diesemUng!ück
noch iachen?

Und steüte sich vor das Loch: so, daß der an-
dere nich^ '^onnte und sch!ug in be-

sessener Wut in den Bruch.

Stück um Stück f'e! kürrend herab. Und das
Loch war schon so, daß nian den Kopf hindurch-
stecken konnte.

Und noch immm üeß er Severin nicht heran.
Eine wahnsinnige Ahnnng polterte durch sein Ge-

hirn.

Mit einem Buck hoh m* sieh in die Eüenbogen
und zwängte erst seinen Kopf und dann den Ober-
körner durch das Loch.

Enttäuscht !ieß er sich zuriickschneüen und fie!
binferrücks auf eine Steiukaute.

Severin sah. wie er die Beine hoch in die Luft
waU. JJnd daun auf einma! die Haud.

Die Hand mit den füuf Eingern,_die auf und zu
gingen. Sich haüten und wie ein üeischgewordener
Eluch standen.

Er hielt sich au einen Ee!szacken gepackt. Und
aus seinen Augen. die vor Ona! schimmerfen. schoß
wagerecht die Angst.

Da f!og er vor. Warf den Hammer wiitend !n
den Bruch und begann die Oeffnung weiter auszu-
brechen.

Jean konnte sich nicht riihren. Seine Augen
waren voü B!ut. Und durch dieses B!ut schwamm
das knarrende Oerippe des A!ten. Und immer hörte
er den anderen hämmern.

..Er wird durchkriechen und mich hie'* !iegen
lassen! Der Mörder wird mich hier verrecken !as-
sen ! Ei verüncbf!"

Und da kam ihm seiue Kraft zuriick und riß den
Wahnsinn aus den Augen.

Und sieh: Hciiige Mutter Alaria, Joseph! Der
andere steckte schon haib im Loch.

Wie eine Riesenschlange wä!zte sich Jean auf
den Knien vor und faßte Severins Beine.

„Rans da, Du Mörder!"

Severin stürzte ptatt zu Boden. Drehte sich
herum. Sein Gesicht gab ein wiistes Gebrüü. Er
schtug mit den Armen wüd um sich. Kam init einem
Puck wieder auf die Beine und rutschte nach der
Oeffnung.

Da kugelte sich Jean noch einma! auf ihn, biß

und kratzte.

„Was wiüst Du Lump? Hast Du einen E!apps?"
krächzte Severin.

Jean hatte Severins Kehie zu fassen bekommen.
Schraubte seine Finger fest herum.

Severin fiihite diese Kraüen wie Schüsse in;
Qehirn. Jeder Einger schoß hnndert K'weln. Das
Herz stand ihm bebend in der Keh!e. Einger ris-
sen es heraus. Fiinf Finger, die wie ein E!u.ch ge-
schlessen waren.

„Maruscha!"

Das war der einzige Laut. den die finger aus
dem 'zückerden Herzen quetschten.

Dann schneüten diese Finger zurück. und Jean
fuhr sich damit über den rauchenden Schäde!.

JJnd da befiel ihn naßka!t schweißiges Orauen.

AUf einem Satz war er aus dem Loch herans.
Taperte mit bünden Händen durch den Schacht.
Sein Kop^ f!og w!e ein Pende!. Ein ganz kfeines
Poudel. Bis er an ein Qerüst sch!ug und stehen
Mieb. Verdammt u.nd verftucht stehen hüeb.

Alit einem gut Tei! Anstrengung war es Jean
dann gebmgeu. sich wieder zu fassen. Seiue
Einger griffen etwas Festes. Balken, die hochstei!-
ten. Ein widerÜcher Luftstrom brauste da von oben
herab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten.

Und dann stolperte Jean in den Korb. Piß an
das Zinkseü. Das Auffahrtssigna! schneüte nach
oben. Paokend schnappten dfe schweren Trag-
gesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wo!ke.
Die Luft pf'ff heiß und giftig.

Jean hatte eine Empfindung, a!s sei er erst ietzt
er se!bcr geworden, ganz und gar. Und jubelte: o
ihr Heüi^eu aüe' Qe!obt! Qelobt Jesus Christus!

Piötzüch stand der Korb mit einem Ruck.
Schieuderte Jean herauf, daß ihm die Bordkante
tief in die Brust schnitt.

Jäh grub er beide Fäuste wi)d in seinen Busen
hiueiu. Ki*äüenr! vm* Scbreck. Und suchte das Sei!.

Zog mit beiden Händen an das Tau und schrie
aüe Schutznat.rone hinauf. P'ß das Ta.u heruoter
"ud riß es tief in seinen Schädei. AAit den Armcn.
die in weißüchen. giatten Windnngen von seincm
Körper herabfie!en.

Und da! Wie ein geborsfeuer Aleteor, sausend,
noÜernd fegte der Korb wieder in die Tiefe hinab.
vou einer Satanskraüe wütend herabgezogen.

Jmmer tieier.

Orenzen!os durch Einsternis und Nächtc san-
send.

Bis anf den Grund durch Ateeriahre und Stern-
koraüen.

Abwärts.

End!os iu das torweit aufgesperrte Mau! des
A!ten. der einma! im Knochenrock über die Halde
tanzte.

Gedichie

Ernst Wi)he)m Lotz

QefaUen Ende September in Beigien
ich schteppe meine Stunden . . .

Laß mich meinte Hände um deine Qeienke spannen
Und meine Stirn an deine Schulter iehnen,

O du umträumte Geiiebte!

Ich schieppe meine Stunden durcii Straken,

Kontore und windige Treppenhäuser,

Und aüe Augen dic mir begegnen sind behauchte

Scheibeu,

Hinter dencn, in Pechen-Foüanten geduckt,

Ein Seeien-Jemand vor griin verdeckter Lampe

dämmert.

Mädchen, wenn ich meine Augen in üeime warmen

H^ide presse,

Dann steigt so dunkei und weich um mich auf.
Daß ic!; iränme, ich sei bei meiner Mutter,

'ilef bei meiu.er Mutter in der B!utnacht.

Licht

Licht nmzieht mich, uinsingt mich, umftießt mich,
Spieiend !asse ich meine Giieder im Füeßenden

piätschern,

Ein b!ankes Bassin umspannt mich die Straße,
Weit, weich, wiegend.

Ich wasche mich ganz rein.

Aus euren Köpfen, iitr schwimmenden StraSen-

wauderer,

Die ihr nicht von mir wißt,

Gebrauche ich schimmerndes Augenweiß, meinen

Leib zu bedccken,

Heü zu beschäumen,

AAeinen iung sich hinbiegenden Schwimünerieib.

O wie ich hittfüeße im Licht,

O wie ich zergehe,

Wie ich mich durchsichtig singe im Licht!

Eine Französün

im sächsischen Schwarme,

Küh!e Friihünge züngeü ihr Biick,

Leichte Gewässer

Spie!en die F-inger iiber den Tisch,

Träumen die Winde von ihrem Gelächter.

Doclt das Kaffee, die Musike und wir und mein

fiackerader Stift

Kreisen beÜchtet. verebben mit Bücküngen füeßend
Und tassen gekräuselt
Im Lächeln AJadonna zurück.

Der Detektiv

Desider Koszto!änyi

Zwischen zwei und drei Uhr, aües giänzte ini
gützernden Sonnenscheit'. verschwand p!ötz!ich
nteine Go!''niu* vom Schrcibtisch.

Einen Augenhitck stand ich mit schwttidehidem
Kopfe da, starrte mit nteinen sch!äfrigen Augen den
Tisch an, den !eeren Piatz der Uhr. wo in k!einen
GoMpfiitzen G!anz und V/ärme brode!ten. In der
starken Naciunittagsbeieuchtung schien aü dtes un-
g!aubüch, wie iiberhaupt jeder Diebstah! etwas
gewaütätig, jäit wirkt. Nachher aber tritt tiefe
Stiüe etti.

In der Stube befand sich niemand. Keine ver-
räterische Spur.

Ich !iatte mich kurz vorher in der Stube nebenan
ein paar Minuten auf das Sofa geiegt, und während
ein Instaüateur in diesem Zimmer die Krone repa-
rierte, war ich eingesciüafen. Der Instaüateur
mußfe die Uhr erb'ickt haben, steckte sie ein un<d
verschwaud. Schlug hiuter sich die Ttir zu.

Sonst war ntemand in der Stube gewesen, nur
er konnte der Täter sein.

Verwundert blickte ich vor mich. Es erfaßte
tnich ekelerregende und wiirgende Beschämung.
A!s würde mir ein Messer in den Leib gestoßen und

_rasch und bruta! — der ha!be Arm abgeschnit-

ten. Ein Attentat war gegen mich verübt worden!
Es geschah ein Wunder, das ich mit meinen Sinnen
nicht erfassen kann. Etwas war hier und ist nicht
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