Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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litz nach der Richtung um, wo er sich denkeu
konnte, daß das Bett stand — mit aiier Macht sei-
nen Wihen daraui konzentrierend zu sehen.

Und iür einen Moment iösten sich wirkiich die
Ncbel um ihn her.

Er sah in mächtigen, harten Konturen diesen
pyramidenförmigen, riesenhaften Kopf aus Granit,
mit Lehifwandbinden, die sich von dem schmalen
Schädei schräge über die miedrige und schmale
Stirn hinab kreuzend, das iinke Auge verdeckten ..
nud von dem enormen, geschwohenen Mund mitten
iu dem struppigen Bart ging gleichzeitig eine
schwere uud holprige, eine hohle und zermalmende
'Stimme aus —:

„Nun ja!

Fch bin es gewesen!

Ist es nun gut —- ich bin es gewesen!" -— uud
der steinerne Schädel erhebt sich mit einem Ruck,
dreht sich iäh ein wenig nach links, aus diesem ein-
zigen Auge da obeu unter dem Rande der Binde
bhtzt ptötzlich eisenbiank der Blick hervor, der
Mortons Pupille wie eine Stahlhacke trifft. tief da
hinabsaust, schimmernd und pfriemspitz da drinnen
steht — begraben bis an den Schaft in seinem Her-
zen, das darunter ächzt.

fm ersten Augenblick windet sich Glaß wild.
Runzelt gleich darauf seine Brauen und starrt steif
unct heiß zurück. Aber im nächsten Nu glättet sich
seine Stirn vou neuem, aus dieser sclimerzvollen
Wunde im tiefsten Innern quiht purpnrrot das Blut
lctzend iu alle seine Fibern hinaus. Sein Auge
dehnt sich im selben Moment heiß und klar. Sein
Sinn wird hoch, meilenhoch .— mid er vermag auf
einmal das Ganze zu überschauen, vermag den
Itickenlosen Zusammenhang zwischen aMem zu er-
kennen! Er sieht auf eiumal sich selbst und
Mumme — als winzig kleine Teile eines ungeheu-
rcn Qanzen. Siehe, Mumme und er sind auf der
Spanne Tag und auf der Spanne Nacht — unauf-
lösiicli verbunden durch Morgendämmerung und
durch Abend! Die beiden sind ein Bild von der Erde
zwiefachem Antlitz von Schmerz und von Lust!
Das Zwillingspaar Unglück-GIück — das kämpfende
Doppel-Ich der ganzen Welt, das ewig mit sich
selbst ringen muß — damit wir alle erreichen kön-
nen, was wir begehren! Mein Gott, ja,< jetzt sehe
ich es deutlich von dem Kleinsten bis zu dem Größ-
ten, jetzt gewann mein Herz eine Wonne und eine
Macht wie nie zuvor —: Lebe wohl, Karl Mumme,
meis Bruder, jetzt scheiden wir frei, du und ich —
die wir gebunden zusammengeführt wurden, um
zu ierneu! Lebe wohl, auch du wirst einstmais in
einem alles umfassenden Weitblick erkennen, daß
der Sieg der deine ward— der meine und Annies!..

AMe seine Nerven entzünden sich — von der
Hoifnung, die aus i h r e m Nameu herausschim-
mert. Er tritt lächeind einen kurzen Schritt vor,
hoch und brennend tiberzeugt, daß jetzt . . . ja, daß
jetzt, das Göttliche geschehen muß!

Und ganz recht . . . er hemmt auf einmal den
FuE und hebt seinen Kopf.

Lauscht sehnsuchtstrunken und reich.

S ti11!

Horch —:

Was ist das?

Bin ferner und sangheHer Ton, ein steigendes
Brausen von Fiöten nnd Geigen ans weiter Ferne ..

Einen Moment hat er ein unerkiärliches Gefühl,
daß seine Knie sein Gewicht nicht mehr zu tragen
vermögen. Er versucht lächelnd den Kopf darüber
zu schütteln, tastet in die Luft, um einen Halt zu
finden, schwankt, taumelt hintenüber, fällt... und
gleich darauf stößt er dort, auf dem Fußboden
liegeud, einen kurzen und gellenden Schrei aus —:
eine StaMzange beißt eiskalt um sein Kückenmark,
reiBt mit einem Ruck. einem brülienden Rütteln

sämtliche Nerven aus seinem Körper heraus. Er
stöhnt noch eiiimal. Es wird sofort nachher stock-
finster nm ihn. Kohlschwarz, bodenlos, stumm
tiberall. Er ist allein — und kennt nichts um sich
her.

Aber unmittelbar daraüf ist er wiederum frei,
wunderbar frei, stark und befreit, gewichtslos',
schimmernd froh — neu!

Er steht iu einem funkelnden Saai von Marmor
und Go!d, an sein Ohr strömt eine unsagbar große
Musik, er erkennnt gliickselig diese schwellende
Aielodie wieder .— ach, das glühendc Motiv von
dem aiierersten Mal, als er Annie erblickte!

Sein Hcrz lacht vor Verlangen und Gewißheit:

Ja!

Da ei!t sie ihm entgegen!

Annie, mit deiner Seligkeitswange und deines
Bltitenmnndes rotem Gltick!...

Er öffnet jubelnd die Armc —: Mein Lieb! Ist
mit einem Sprung dort, preßt sie wild an sich.

Den rechten Arm um ihre Htifte geschlungen,
ihre beiden Arme rings um seinen Hals, ihre Wange
an seiner Brust — bengt er langsam, enfzückt den
Kopf vornüber! trinkt in einein Nu den labenden
Duft ihres goldenen Haares, die Wollust ihrer
blonden und schönen Haut, die Zärtlichkeit aus der
Tiefe der großen, blauen Augen! sein Mund neigt
sich durstend auf die KüMe und Süße ihrer Lippen
herab, in einem unendlichen Kuß werden; ihre Her-
zen flammend vereint... in der Ferne gaukelt die
selige Symphonie der ekstatischen Instrnmente!

Und wieder weiten sich die Mauern donnernd,
sie zerspringen, fallen znsammen, verschwinden.

Die titanischeu Stürme des Himmelsraumes
sausen mit allmächtig tönentdem Lärm, die Sternen-
soharen stieben golden darin umher. In dem nnend-
lichen Azur rollen Sonnen Iodernd dahin — ftir
ewig, für ewig!

Ende

An die Gefährten

Fern von mir geht ihr, meine Gefährten!

Das Echo täuscht in dichter Nacht,

und ich weiß nicht, ob ich euer Antworten höre

oder mein unablässig Rufen nach euch.

Wie unerreichbar ihr dahinwandeit;

eure sehmaien, köstiichen Hände zu umfassen

Härte eurer Stirnen zu streichen,

den iangsamen Aufgang der groBen Sterne

in eureii Augen,

ihr stilles Niedertauchen,

erharre ich in dichter Nacht.

GeheimnisvoII ist die ganze Erde schlafen gegangen,
die Gestirne stehen mit weit aufgetanenen Lidern,
FrüMing, der lichtgold einherging
liegt schiafen unter seiner blaß durchsichtigen

Birkenseide.

In dieser Nacht schen-kt Gott aus edlem Becher

zu trinken ein

o, meine Gefährten,

das alierheüende Erdenblut, Leidensblut,
von Engeln geweint in eisern kettender Schmach.
Ueber die Wasser seiner vielgeliebten Erde
hebt Gott von Neuem die schwanke Brücke,
über die wir zu einander gehen werden.

Gefährten beisammen in dichter Nacht.

Harrend verwandelt, heüen eurer Wacht
friihe Himmel und Erde.

Eurer Macht und göttiichen Hebe

zerbrechen Gewalt, Erdzorn, Peststarre der Tiefe,
euren blassen Händen, die ich fühle,
begegnet das Krachen von wehe-eifrig

Gebrechlichem

enrem silberläutenden Wort schlagen dumpfe Armc

niedcr

zu Flöilenklage und finstrem Tod,

Heilig-Ferne, Flarrend-Verwandeite, Wachende:

Donner Schall birst zu euch aus den Wassern,

umbraust Sänlen, tiberspreitet Tempel,

die ihr enren Tag küsset

seine stnrmsiiigende Unsterblichkeit/

Die mächtigen Wblken bekränzen

euren feingliedrig gefügten Bund,

die Blnmen der Höhe fasset ihr an

und driickt sie nicht vergeblich an den Mnnd.

Froh hebe ich den göttlichen Becher
und trinke euch zu,
all-erhellendes Erdenblut, Leidensblut,
der Erdnacht, der Engel bitteres Blut
geweint unter eiserner Schmach,
sturmsingende Unsterblichkeit,
bekränzt mit solchen Rosen, die Bitternis

bedeckeii,

willig die Lippen zu solchen Kiissen, die Tränen

verstecken.

Adolf Knoblauch

Der lette Richter

Desider Kosztoiänyi

In der glänzcndeii Mittagsluft zittert der Sou-
nenstich wie ein spitzer grausamer Pfeil aus Gold.

Die kleine Stadt schläft. Ihre Häuser ringen mit
der Ohnmacht, werden von der tötlichen Hitze in
Agonie gestiirzt, die Fenster blinken im grünen
Licht — unfreundlich — irn Deiirium des Glanzes,
wie Augen von Säufern oder Wahnsinnigen, wenn
sie in den weißen blendenden Staub starren und
nichts sehen. Eine Reihe von Häusern schwankt
vor unseren Augen. Etwas weiter dehnt sich die
Reitschule der Husaren, deren Vordach ein klein
wenig Schatten wirft, und ein Rasen, auf dem
bunte Bltimen blühen, von Bienen und Drohnen
umschwirrt. Der Atem stockt, als kämen wir aus
einem heißen Bad. Unsere Körper schwitzen, un-
sere Augen sehen unscharf, die Hände beben.

Wir wareni vier oder fünf — zehn bis zwölf-
jährige Knaben — in Turnhemden, Tnrnschuhen,
ungewaschen, schmutzig, kampfbereit und unser
Opfer erwartend, den fetten Richter. Wir krankten
an den Freuden der Hundstage und die ganze Welt
war uns ein gelber Tanmel.

Unter dem Vordach der Reitschule steckten wir
die Köpfe zusammen und harrten mit pochenden
Schläfen. Sobald das Mittagsläuten ausklingt, wird
sich unter dem kühlen Tor des Rathauses — pünkt-
lich und verhängmfisvoll — des fetten Richters
Faßbauch hervorwölben. Dann läßt einer von uns,
meistens der schwarzverbrannte Paul Nagel, den
Schlachtruf durch die Luft zittern:

„Der fette Richter kommt !"

Wir pressen uns noch stärker unter dem Tor
der peitschule ztisammen. In der Stille des Ent-
setzens ist nichts hörbar als das Klopfen unserer
Herzen. Bald darauf erzittert der Asphalt, nnd
dies bedeutet, der fettte Richter werde in Kürze an
nns vorüberkommen. Noch einen- AugenbHck, und
er wird da sein. Er trägt einen erdfarbnen Anzug
ans Rohseide, über den gewölbten Bauch hängt ihm
eine dicke Goldkette hinab, auf dem Finger hat er
einen grünen Siegelring und ein Rohrstäbchen in
der Hand.

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