Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

Page: 123
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/sturm1914_1915/0125
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Enthüllungen

Bentsche Künstter, wie man es nennt, ohne Form
(nach Herrn Fritz StaM ist jetzt Form Uebersetzung
ftir Modc):

Herr Franz Werfei, der sehr geschätzte Lyri-
ker, enthiiHt sich so in; schiichter Prosa: „Ftir die
Erkennenden aber bieibt eins zu tun, sich nicht
uach dem Wind zu dreiien, sondern zu crwccken,
zu iehren, zu bessern!" Ja, wenn dic Erkennenden
erwacitt sein werden und zu ichren und zu bessern
anfangen, iiat sie der Wind sciion so gedreht, dai;i
sie aucl) fernerhin nichts erkcnnen könuen.

Herr Herbert Eutenberg, der sehr geschätzte
Dramatiker, enthiiitt sich so iir sciiticliter Prosa:
„Keiner hat, so übertrieben es ktingen mag, wäh-
rend Kriegszeiten einen schwcreren Stand ats der
Küiis.tier. Die Beschäftigung niit der Kunst ist ein
Luxus, den die Meiischheit in soichen eiserneu
Wochcn, wo um das Dasein der Einzeinen wie der
Vöiker gestritten wird, am ehesten eu'tbchren
kami." Der Stand der Künstier soiite sich diesen
Luxus aucii im Frieden nicht gestatten. „Es tut
aber auch namentiich bei den heutigen Kriegen mit
ihren nngeiieuren Anforderungen an die Kräfte des
Menschen garnicitt not, zu singen. Früher, ais man
gemächiich durch die Lande marschierte, da und
dort biwakierte und an einer Schiacht fiir Monate
gemtg hatte, da mag es schön gewesen sein, seine
Stimmen beim Wandern oder Lagern zum Gesang
zt: erheben. Aber heute, wo Schiacht auf Schlacht
foigt und ein Eiimarsch sich an den anderen reiht,
wird kaum einem noch zum Singen zu Mute sein,
ganz abgesehen davon, daß es meist aus Besorg-
ms vor Ueberfäiien vöiiig verboten ist." Im Frie-
den ist die Besorgnis vor Ueberfäiien ieider.nicht
vorhanden, man ist jedem Sänger ausgeiiefert, der
singt. wie anderen der Schnabei gewachsen war.
„die Kunst geht ja meist auf Erhöhung und Ver-
schönerung des Lebens . . ." Sie bieibt aiierdings
in diesen Fäiien sitzen. Herr Herbert Euienberg
iiat vor, nach dem Kriege u n s erhöhende und ver-
schönernde dramatische Kunst zu überiassen. Aber:
„Aber wir mtissen vortreffiiche Schauspieier in
Deutschiand züchten, wenn nicht die kommende
dramatische Kunst wirkungsios verpuffen so)i."
Die dramatische Kunst wird doch nicht vorbei-
schießen, wenn die vortreffiichen Schauspieler in
Reih und Giied gezüchtet vor einem Eulenberg
stehen.

Deutsche Künstler, wie man es nennt, mit Inhalt:

Herr Ludwig Fulda, der sehr geschätzte Kiassi-
ker, hat neue Inhaite gefuuden:

Trauriger Glanz

Der Dämon der Weltgeschichte
wird manchmal plötziich toli,
und noch seine besten Gedichte
sind wirr und widerspruchsvoH.

Wie man hingegen weiß und sieht, sind die
traurigen Gianzgediciite von Hcrrn Ludwig Fuida
klar und widerspruchslos. Er redet den deutschen
Frauen ins Gewissen, die Könige anderer Län-
der heirateten und ihnen nach Bibei und Recht
foigten:

Ihr armen fürstlichen Frauen
dünkt nicht euer Loos euch herb?
erfaßt euch kein Gruseln und Grauen
vor eurer Gatten Gewerb'?

Das Gewerb' war diesen Damen ja schon iäng-
stens bestens bekannt. Herrr Lndwig Fulda hätte
sie mit dem Grauen allein schon erschüttert, wenn
nicht das Gruseln zum Gewerb' des Versfußdich-

tens gehört iiätte. Dieses Cewerb ist besonders
gruseiig, es kann einen das Grauen erfassen, wenn
man bedenkt, daß dieses Gewerb's wegen die Miit-
ter der fiirstiichen Fraueu eigens in die Gruft ge-
iegt werden müssen:

Ihr armeu fiirstiichen Frauen
geschieden durch ewige Kh'ft
von eurer Väter Gatien,
von curcr Mtitter Oruft.

Vieiieicht üätte iierr Ludwig Fulda, um dieses
'Ungh'ick zu crsparen, auch die ewige Kiuft über-
briicken könneu. Aber die ewige Kluft wird sich
stets zwsichen Dichtung tind Fulda auftun. Dafiir
ist er aber der anerkannte Freigeist, der es den
fiirstiichen Fratien einmai nach Herzensitist gibt:

Entartet sind eure Herzen,
und euer Gewissen ist iahm,
wenn nicht unter giiihenden Kcrzen
eticii anhaucht giühcnde Scltam . . .

Es miissen eigens gliihende Kerzen angezündet
werden, damit sie die giühende Scham nicht aus-
hauciit. Die Kerzen sind zwar in besseren Häusern
schon abgeschafft und die Saiben auch, aber was
tut man nicht dem Versfußgewerb' zu Liebe:

Mag Purptir iippig rauschen
um euren gesaiben Leib,
es möchte doch mit euch tauschen

nicht etwa Herr Ludwig Ftiida, sondern
kein deutsches Bettelweib.

Ich tausche dann schon lieber mit dem Dämon
der Weitgeschichte, der manchmai plötzlich toll
wird.

Herr Fritz von Unrruh, auch ein sehr geschätz-
ter Lyriker, sendet dem Beriiner Tageblatt ein Ge-
dicht, demseiben Beriiner Tageblatt, das die Ge-
dichte des Herru Liidwig Fuida hochachtungsvoii
veröffentlichte:

Meinen deutschen Meistern
O Meister, die ihr still dem Schwertsang iauscht
der hell aus unserm jungen Siegesfeuer
hinbrcnnt zum Atem Eurer Götterieyer,

0 hört es wohi, was uns die Heere rauscht —

Dieser Gedankenstrich ist begründet, was uns
die Heere rauscht kann nur durch Schwertsang
'lauscht klar werden. Es ist nicht wirr, aber wüder-
spruchsvoli. Vielieicht klingt die Götterleyer so
gramatikaHsch verstimmt.

Vertreibt unwürd'ge Jünger ernster Kunst,
die unser Blut sich zum Gewerbe machen,
o hütet wohl in dreimal heil'gen Wachen
das reine Antiitz wahrer Heidenbrunst.

Da muß man drei'mal wachen, um das Antlitz
der wahren Heidenbrunst zu sehen, es scheint sich
sonst in Rauch aufzulösen. Und dem Berliner Tag'-
biatt wird man es wohi, sogar drei'mal sag'n müs-
sen, daß es die unwürd'gen Jünger ernster Kunst
vertreiben soli, die Biut sich zum G'werbe mach'n.
Kunst ist nämiich erstaunlicher Weise kein G'werbe,
nicht einmal ein Handwerk. Aber auf das Handwerk
verstehen sich Gewerbetreibende nicht. So kann
es vorkommen, daß sie für Kunst ein Handwerk
halten, was sie verstehend nicht verstehen.

Herr Richard Schaukai, ein sehr geschätzter
Sonetterich:

Doch Du, mein Oesterreich, darfst Dich erkühnen,
So alt Du bist, Dich trotz dem vielen Schlamme,
Drin schlechte Gärtner Dich, die Gott verdamme,
Bestehen ließen, recken unter Hühnen
Die starken Wurzeln, die Dich tragen, breiten
Sich dauerhaft durch unerschöpfte Zeiten,

Und mag's von Deinen Aesten noch so splittern

Mag seibst Dein ganzer großer Bau erzittern:

Du wirst, was hnmer Widersacher sagen,

Noch in Aeonen frische Blüten tragen.

Manchmal giaubt man ganncht, was ei:i B ch-
stabe bedeuten kanu. Hätte Heri Schaukal dem
Bau noch ein m zugegeben, so wäre es dem Baum
sicher leichter geworden nocit in Aeonen frische
Blüten zu tragen, als dem ganzcn großen Bau. Dcm
wird es trotz der dauerhaftcn Oualität de* Wur-
zeln schwer werdeu, von seineu Aesten zu spht-
tern. Die Gärtner, die Gott verdamme, könüen doch
nicht so schlecht gewesen sein, wenn sie mein
Oesterreich trotz dem vielen Schlainme bestehen
ließen. Oder soilte Herr Schaukal nur wegen der
Kunst das Be stehen gelassen haben.

Lissauer schafft

Es interessiert immer, wie so ein Künstier so
schafft. Lissauer, der schon immer mehr überaus
geschätzte Lyriker, der sich nunmehr schon das
Leitwort Nachdruck verboten erlauben kann, ist
sässig, friediich, gelahrt. Man ist überzeugt, daß er
breit im Armstuhl sitzt — das Kinn stiitzt (daran
erkenne ich meine Dichter) — meditiert. Bisweilen
schnellt er vom Sessel, — rennt. Hart aus sich
bricht er Sprache. Breit breitet er beide Arme. Er
brauchte sich nur auf die Wartbtirg zu versetzen
und bisweilen zu verrennen und schon ist Lnther
fertig:

LutheraufderWartburg ^

Breit sitzt er im ArmstuM — stiitzt das Kinn —

meditiert:

Vor ihm liegt die Vulgata, alt und neu Testament.
Bisweileu schnellt er vom Sessel, — rennt;

Hart aus sich bricht er Sprache und wirft anf den

Bogen das Wort.

Horcht, feilt, hämmert, lugt, zielt, trifft —

AIso, bohrend und bosselnd, schreibt Luther

deutsch die Qeschrift.
Das Dichten ist nicht so einfach. Man braucht
cine Menge Werkzeug, um sein Geschriftsei zu-
rechtzubosseln. Der einzige Unterschied zwischen
Luther und Lissaner ist weniger das Aussehen
(von Luther heißt es: sässig, friediich, gelahrt) als
die Aussicht. Lissauer wohnt zwar in der Eise-
nacherstraße, aber bei Eisenach sieht es doch an-
ders aus. Nämlich:

Rund um die Stube öffnet sich Wandung und

Mauer;

Wiesen und Wässer, Wald bei Wald, Berg an

Berg

— Ein Fuhrmamn rasselt vorüber, znrufend ackert

ein Bauer —

sitzen, ratend und helfend um Luthers Werk.

Welch ein Dlchter! Von seiner Stube aus hat er
nur den rasselnden Fuhrmann zur Verfügung und
er kann sich die ganze Natur mit Naturtreue vor-
stellen. Wiesen und Wässer, Wald bei Wald, Berg
an Berg. Wer sollte da nicht an die Wartburg
denken. Bei diesem impressionistischeu Bilde ist
ein Nichterkennenkönnen völlig ausgescMossen.
Schwieriger fiir den Laien wird es schon, Wiesen,
Wässer, Wald und Berg ratend und helfend um
Luthers Werk sitzen zu sehen. Hoffentlich haben
sich die Wiesen nicht in die Nässe und die Wälder
in die Tinte gesetzt. Und man glaube ja nicht, daß
der vorüberrasselnde Fuhrmann und der ackernde
Bauer um Luthers Werk ratend und helfend sitzen.
Diese beiden Herren sind ausschließlich wegen des
Reims auf Mauer hiuzugezogen, sonst aber gänz-
lich unbeteiligt.

Manchmal am Fenster hält er ein, sinnend in Rast;
Breit breitet er beide Arme und faßt.

Lissauer schafft. H. W.

123
loading ...