Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 5.1914-1915

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Jawohl!

Aber ihre Mutter!

VieHeicht ist sie wirkiich noch da drinnen in
der Stadt!

Vieiieicht hat sich trotz aiiem der Eisenbahn-
assistent geirrt, nichtwahr, das ist doch denkbar!?

Er geht einen Schritt zurück aui das Haus zu,
dann fäilt ihm aber plötzlich ein, daß es vielleicht
nicht geht, an ihre Eltern zu telephonieren, denn
falls nun der Mann doch recht gesehen hat . . .
und übrigens nein ... er weiß jetzt klar und
deutlich, daß sie nicht in der Stadt geblieben sein
kann! Der Eisenbahnassistent hat ihr ja selbst
das Billet abgenommen! und also . . .

Er erwacht zu klarem und gewaltsamem Nach-
denken. AHe Unentschlossenheit ist verschwunden.
fn einem Nu ist er oben in seiner Stube. Blutige
Knöchel von dem schwergehenden Schloß der En-
treetür. Das Telephon —:

„Bitte!

Polizeistation!

Schnell — es eilt, eilt!"

Fieberheiß umklammert er den Hörer, der sich
in seiner Hand feucht anfühlte. Kann kaum still
stehen. Ueber seinem Kopf saust es dumpf. In
seiner Kehle sitzt eine Klaue!

Von Zeit zu Zeit ertönt da drinnen im schwar-
zen Trichter aus Ebonit ein feiner, klappernder
Laut. Seine Beine strammen sich steif unter ihm.
Du allmächtiger Qott, wie lange soll das währen.
Endlich —: eine schlaftrunkene Stimme: Werda?

„Hier Morton, Strandweg siebenundvierzig!

Es ist wohl kein Unglücksfall jetzt eben bei
Ihnen gemeldet?

Meine Frau ist nämlich vor gut zwanzig Mi-
nuten von der Eisenbahnstation hier oben fort-
gegangen und noch nicht hierher gekommen."

Ein Murmeln, ein Räuspern, dann plötzlich
Zug in der Stimme da drinnen, Qlaß sieht ihn
vor sich, diesen Polizeibeamten — wird selbst
kreideweiß, indem er dieses Antlitz ahnt, indem er
den veränderten Ton seine Stimme hört!

„Danke schön," — antwortet Qlaß gleich darauf

— „ich gehe selbst sogleich von hier fort!

Schicken Sie Ihre Leute aus — so schnell Sie

können!"

In einem Nu ist er unten im Garten, zur Pforte
hinaus, läuft in fliegender Eile ohne Qedanken, nur
vorwärts starrend, nach links am Wege entlang

— und kommt ungefähr fünfhundert Schritte ent-
fernt an die Ecke, wo der Bahnhofsweg in einem
rechten Winkel in den Strandweg mündet.

Er übersieht noch immer laufend mit einem ein-
zigen Blick diese lange, lange Pcihe von einsamen
Laternen! den asphaltierten, schnurgeraden Bahn-
hofsweg, der direkt wie eln Pfeil über diese noch
unbebauten Felder führt — die sich dunkel, finster
gegen das Licht des Weges abheben, hier und da
mit dem kohlschwarzen Schatten einzelner Bäume,
die aus ehemaligen Qärten stehen geblieben sind.

Er läuft beständig vorwärts, jetzt ein wenig
langsamer, weil er nach beiden Seiten spähen muß;
es sitzt ein pfriemspitzer Stich in seinem Nacken;
er ruft gedämpft —:

„Annie!

Hier bin ich!

Nun komme ich ja!" ^

Keinerlei Antwort. Nichts zu hören. Nichts
zu sehen.

Finsternis. Weg. Laternen. Bäume. Meine
Augen, mein Herz, Annie, ach Qott, was ist ge-
schehen!

Er läuft und läuft, strauchelt, richtet sich wie-
der auf, den Pfriem im Nacken, einen Spieß —
starrt mit allen Sinnen, Geliebte, hörst du, wo bist
du nur, nenne meinen Namen!

Wo bist du, ich komme, um dich nach Hause
zu tragen, sei ruhig, nun mußt du ja hören, daß ich
komme, das Qeräusch meines Laufens, bumm,
bumm, höre, ich kornme, so schnell ich kann, was
ist doch nur geschehen, mein Qott, ich kann es
nicht ertragen vor Angst, sag mir doch, was ge-
schehen ist!

Er läuft noch immer, alie Muskeln anspannend,
schneller, noch schneller — dreht den Kopf un-
aufhörlich von rechts nach links, aber nicht das
geringste, weder nah noch fern, vollkommen öde
nach allen Seiten, todesstill und leer! Ihn umfängt
jäh dies alles, diese voMständige Einsamkeit und
Finsternis — und da wird sein Nacken auf ein-
mal von einem Schlachtschwert zerschmettert, die
entsetzenerregenden Bilder stehen blutig vor ihm,
unmöglich, ihnen in die Augen zu sehen: denn sie
ist nicht mehr gefallen und hat sich verletzt oder
ist zu Schaden gekommen! nein, aus dem Dunkel
heraus ahnt er Gestalten, denen sie begegnet ist,
die sie mit einem Qebrüll an die Erde geworfen,
ihr ein Leid angetan haben, das nicht genannt wer-
den kann . . . seine Füße reißen ihn noch hastiger
dahin, das Feuer schäumt und heult, sein Qehirn
wird von Feuer verzehrt, ein Entsetzen über allen
Verstand hat ihn von Kopf bis zu Fuß eingehüllt,
er läuft in fliegender Fahrt, durch kohlschwarze
Finsternis, blind, mit gefletschten Zähnen, mit
Fäusten, die ihre Nägel in Fleisch eingraben, toll,
rasend, er will töten, zermalmen, morden! Annie,
mein Lieb, ach, komme ich zu spät, dann soll die
Welt sterben, beeile dich, sammle alle deine Kräfte
und flüstere mir bloß seinen Namen zu, oder wie
er aussieht, ach Gott, mit meinen Händen will ich
ihn Stück für Stück erdrosseln, von keiner Marter
der Erde soll er verschont bleiben . . . oder nein,
ich will ihm alles schenken, wenn nur du noch frei
gekauft werden kannst, alles, mich selbst, mein
Leben, alles, die ganze Welt soll er haben . . .

Er läuft.

Strauchelt von neuem.

Stürzt diesmäl platt an die Erde, liegt lang aus-
gestreckt auf dem Asphalt des Weges.

Fühlt einen Augenblick, dadurch beschwichtigt,
den Brand in seinen Händen, in seinem Kinn —
richtet sich wieder auf. Und da . . . mein Qott . . .
da sieht er, wie der Wind einen schaumweisen
Wimpel ganz da drinnen auf dem Felde in die
Höhe hebt —: Qeliebte, du!

Mit einem Qeheul setzt er sich in Galopp, er
rast dahin, durch Qras, über kleine Hügel, dahinten
steigt und senkt sich ihr stummer Ruf an sein
Auge, dahin, er wird von Flügeln getragen — ge-
langt endlich bis dahin, begreift es alles, er liegt
im selben Augenblick über ihren Körper geschleu-
dert, Erde, Qestank von Blut, schreit, mein Leben,
Jesus! zerreißt sein Qewand über der Brust, ahnt
die dunkle Wunde, die in ihrem Leib klafft, schlägt
sorgfältig ihre Kleider herunter, lauscht und tastet
an ihrem Herzen: nein, totenstill, kalt, sie ist un-
beweglich, steif, ihr Gesicht kann er jetzt in der
Dunkelheit unterscheiden: Hilfe, das Qrauen ihres
Antlitzes in diesem Tod! Mord, Blut überall, Annie,
Liebste, mein Qott, mein Qott, ist es denn mög-
lich, daß ich zu spät gekommen bin! sterben, laß
mich sterben, ich will sterben, sterben, sterben,
mein Qott, zerreiße mich in Stücke, so daß ich
gleich, sofort sterben kann! . . .

Er hat sich plötzlich, mit einem Ruck erhoben.

In seinem Ohr vernimmt er unsagbar feinhörig,
ferne Tritte.

Wendet mit einem Ruck den Kopf um, starrt
unter gerunzelten Brauen hervor; da drinnen, ja!

Ja, ein paar leuchtende Punkte bewegen sich
Schritt für Schritt vorwärts, da hinten an dem
Strang des Weges entlang durch die Finsternis —
er weiß auf einmai, daß es die Polizei ist, die aus-

gegangen ist, um zu suchen —; aber nein, die haben
hier nichts zu tun, kein Mann in der Welt soll
seine Annie sehen, kein Blick auf Erden soü an
ihre Leiche rühren, mein Qott, ist das, was ge-
schehen ist, nicht zehntausendmal mehr als genug!

Und im selben Augenblick hält er sie fauchend
umschlungen. Hebt sie geifernd auf seinen Arm,
über sein Handgelenk fällt das goldene Haar sei-
denweich herab.

An seiner Schulter ruht ihre Wange, in die
Nacht hinaus starren die großen Augen, weit ge-
öffnet mit ihrem Qrauen!

Er preßt — während er dahintrabt, über die
Felder hinweg, in einem weiten, weiten Bogen
fort von diesen beiden Lichtern da unten, die lang-
sam vorwärts rücken, beide Seiten des Weges ab-
suchend, strauchelnd, mit zusammengebissenen
Zähnen, mit flammenden Blicken, knurrend preßt
er sie mit aller Macht gegen sein Herz, sein Qe-
hirn rast feuerrot, er ist unermeßlich stark, er ist
ein losgelassener Stier, eine gellende Lokomotive,
die durch gegangen ist, er trägt seine Qeliebte da-
hin wie eine Feder, ja, er kam gerade in der rech-
ten Sekunde, um sie zu erretten von denen, die
ihr Böses zufügen wollte, siehe, er ist so stark wie
ein Qott und ein Teufel — weil er seine Annie
trägt!

Noch sieht er wie in einem Blitz das weiße
Band des Strandweges — über das er atemlos in
einem einzigen Satz hinwegspringt. Er stürzt sich
daraui quer durch eine Hecke, durch noch eine
und noch eine, ist plötzlich in seinen Qarten hin-
eingelangt, steht einen Augenblick auf der Veran-
datreppe still — ist im nächsten Moment in seinem
Zimmer.

Mit einer Armbewegung fegt er alles vom
Schreibtisch herunter — Iegt sie sorgsam darauf;
ist in einem Sprung an den Fenstern, läßt die Qar-
dinen herunter; dann an den Türen: erst an der
zur Wohnstube, dann an der, die nach dem Entree
hinausführt, dreht die Schlüssei in beiden herum —:

Allein!

Qott sei gelobt!

Endlich in Sicherheit mit Annie! . . .

Da pocht es an die Tür dahinten — er antwortet
nicht, starrt nur mit schäumendem Mund und blu-
tigen Augen dahin.

Er hört ein Murmeln da draußen, ein gedämpf-
tes und eingeschüchtertes — gleich daräuf wird
wieder geklopft, aber diesmal von einer anderen,
festeren Hand als vorhin —:

„Herr Morton!

„Ist Herr Morton da? . . .

Hier ist Niels Hald, der Polizeiassistent!"

Lautlos hat währenddessen Qlaß den Kontakt
des elektrischen Lichts erreicht, er preßt seinen
ganzen Körper dagegen, um den Laut abzu-
schwächen, während er knipst — es wird stock-
finster im Zimmer, ich will niemänd hier drinnen
haben, niemand darf zu Annie hereinkommen!

Er steht noch dort an der Tür, zwinkert mit
den Augen in der kohlschwarzen Dunkelheit, reibt
sich die Hände auf einmal — er faßt von einem
plötzlichen und zitternden Verlangen, da hinaus zu
stürzen und diese Menschen weg zu jagen, zu
rufen und zu schlagen und mit den Fäusten zu
stoßen, ja, sie mit geballter Faust ins Qesicht zu
treffen, Blut, Schmerzensgeschrei, Totschlag und
Mord — soll er? Obschon, nein, äuf keinen Fall,
er darf um Qottes willen einem solchen Verlangen
nicht nachgeben, er darf sie nicht vergessen, die
er verteidigen muß, darf um keinen Preis von hier
fortgehen! Ach, aber sinnlos, dumm, rein lächer-
lich war es von ihm, daß er dahin telephonierte,
was sollte er wohl mit allen diesen Wildfremden,
hatten sie ihm vielleicht seine Annie zurück-
gegeben?!

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