Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 39,2.1926

Seite: 151
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mcrn muß schon eÜDas mehr dazu tun. Aber auch kosmetische Sorgsalt und gym-
nastische Übungen genügen nicht! Mehr: Schönheit ist ein Gut, das von innenher
erleuchtet sein muß, wenn es lebendig wlrken will: Jede Gler, jede Kleinheit, jede
Mißgunst, jede Trägheit trüben die Schönheit. Was immer in der Seele vorgeht,
es schreibt sich mit unerbittlichem Griffel in Gesrcht und Gestalt, in Haltung und
Gebärde ein. Es genügt plötzlich nicht mehr, stil! dahin zn lebech seine Pflicht und
nichts Böses zu tun. Man muß wachsen — auch am Geiste, aber ohne die Verbin-
dung mit dem Lebendigen dabei aus den Augen zu verlieren —, muß sich erneuern,
reinigen, sich fromm vertiesen in das Einfache: in Baum, Blume, Tler und Erde,
um mannigfalt, geläutert, harmonisch, unerschöpflich lebendig und reich sich dem
hinschenken zu können, den man liebt. Das erfordert viel zarte Mühsal, Religiosität,
Selbstzucht: — Arbeit.

Ja, eS erfordert Arbeit! Aber nicht mehr Erwerbsarbeit, deren Lohn sich prompt
in Geld auszahlt, sondern eine Arbeit, an der Seele, Geist und Wille gleicherweise
beteiligt sind, die, fern von Selbstsucht, mit ihrem Lohn nicht rechnen kann. Brelleicht
kommt er heute, vielleicht erst spät, vielleicht erst in den Kindern Freude, erweitertem
Blick stellk sich gewiß ein. Aber irgendein Gewinn an Harmonre. Sollte nicht solche
Bervollkommnung wichtiger sein als ein Linsengcricht?

Wenn eine Frau, die sich selber auf diese Weise erzieht, Kinder zur Welt bringt,
so werden sie sicherlich wohlgeboren sein und sie wird ihnen dadurch, daß sre sich
selber zur reifen und klaren Persönlichkeit formt, inniger und tieser dienen, als dadurch,
daß sie sich unnötige Arbeit an den Kleidern und Stuben ihrer Kinder macht.

Dies war ein kleines Beispicl dafür, daß es ekwas Wichtigeres auf der Welt glbt,
als Erwerbsarbcit, ein Beispiel für die Umlagerung des Lebensinhaltes aus der
Arbeit- in die Freizcit.

Jch fand in einem uralten italienischen Lesebuch den llbungsatz: Gottfried ist ein
tugendhafter Knabe: er spielt nie und arbeitet immer. Mit einem hellen Gelächter
der Entrüstung antwortet jeder, dem man den Satz heute vorliest, auf diese Moral.
Vor fünfzig Jahren war sie restlos gültig. Man sieht: Wir sind schon im Be-
griffe, die Kardinaltugend ihres angemaßten Purpurs zu entkleiden. Sport, Spiel
und Wandern, Schönheitspflege und Gymnastik werden bewußt eingeschoben „zur
Ertüchtigung". Möchte cs unS gclingen, die körperlichen llbungen so sehr zu durch-
seclen, daß sie zu jener Vcrvollkommnung beitragen, die uns so bitter notwendig ist,
wie dem Untergehenden das rettende Boot.

Es sei zum Schluß bemerkt, daß unter „Arbeit" hier nicht die Schöpferarbeit deS
Forschers, Künstlers oder Denkers gemeint war. Diese trägt ihre Gesetze in sich und
spannt sich notwendigerweise grenzenlos. Aber sie ist selber Leben und von ihr allein
ist die Bervollkommnung des Schöpsers abhängig. Sie gehört unter die echten
Tugenden, nicht unter die bitteren Nöte, die man, zu Tugenden gestempelt, in Um-
lauf bringt. Mar. BrunS

(^^>etzt haben wir auch in Deutschland — wenn man dem öffentlichen Lärm trauen
^darf — reichlich von dem, was wir wenige Jahrzehnte vorher herbeizurufen
'^^vnicht müde wurden: Sport und Sportbcgeisterung. Jst nun alles in Ordnung?
Sind wir ein gesundeS Volk gewordcn odcr doch auf dem Wege dazu? Oder ist es

* Wir t>rucken im solgrnk>cn die er>te Hälske einer gcißvollen 2lbhani>lung „Über Sport",
wclche in allernächstcr Zcik als Flugsrhrifk des Dürerbundes ersiheinen wird. Oer Schluß
der Arbeik, den wir auS Rauinrwk weglassen, handelt vom indioiduellen körperseelischen Werk
der Leibesübungen.
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