Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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Fritz Schumacher's „Im Kampfe um die Kunst" und „Studien".

hatten sich die bisher besprochenen Grabkreuze
in der Hauptsache mit Verzierungen des Umrisses
begnügt, die mit der Säge hergestellt werden können,
so zeigen uns Abb. \50 und fös interessante Bei-
spiele bäuerlicher polzschnitzerei. Sie stammen beide
von: Kirchhof in Possendorf bei Dippoldiswalde
und haben im Museum für sächsische Volkskunde
Aufnahme gefunden. Daß der obere Theil bei
erfterer sich nicht mehr an seinem ursprünglichen
Platz befindet, erkennt man ohne Blühe, ebenso wie
daß bei Abb. sös ein Theil, wahrscheinlich eilte Zu-
schrifttasel, fehlt. Trotz dieser kleinen Mängel sind
es aber werthvolle Beispiele einer abhanden ge-
kommenen Volkskunst und sinniger Symbolik: wäh-
rend unten am Kreuzesstamm das Gotteslantm zu-
sammen gesunken ist, verläßt oben der Auferstandene,
die Siegesfahne fchwingeitd, feine Gruft. Am unteren
Stamm des anderen Kreuzes ist ein nicht mehr genau
erkennbarer Gegenstand dargestellt, der an einen
stilisirten Baum erinnert, vielleicht der Baum des
Lebens (aus dein nach der Legende das Kreuz an-
gefertigt wurde).

Das Grabntal aus Lämmerswalde in Sachsen
(Abb. s52) besteht aus einem eigenthümlich gestalteteit
Polzkörper von 6 cm Dicke mit Flachreliefschnitzerei
uitd aufgebördelter Schwarzblech - Abdeckung mit
Schmiedeisen-Aufsatz. Dieser, sowie die Sterne,
Strahlen und der perzrand nebst Flamme find ver-
goldet, die übrige Schnitzerei und der perzgruud ist
maigrün. Der Grundton des ganzen Denkmals
ist weiß.

Auch bei den meisten andern der besprochenen Bei-
spiele war die Farbe, sei es als glatter Anstrich, sei es
als nachbildende Malerei, zu pilfe genommen worden
und es wird dies mit Rücksicht auf bessere Erhaltung
des Holzes auch immer geschehen müssen. Nur darf
damit nicht weiter gegangen werden, als sich mit der
Wahrheit der Konstruktion und mit dem Ernst des
Zweckes verträgt. Für ein hölzernes Grabmal wird
man sich immer am Besten möglichst der Kreuzes-
form anschließen und bei allen Zuthaten, seien es
Metallornamente, Schnitzerei oder Malerei, stets den
Ernst des Zweckes und entsprechende Einfachheit,
Wahrheit und möglichste Dauerhaftigkeit im Auge
behalten. Auf diesen: Wege kann es gelingen, dem
schlichten polzkreuz unsere Friedhöfe wieder zu öffnen
und wir sind sicher, daß ihr Eindruck in vielen
Fällen würdiger und stimmungsvoller werden wird,
als er es jetzt mit der prahlerischen Fabrik- und
Dutzendwaare aus Gips, Stein und Gußeisen ist.
Freilich wäre nichts gebessert, wenn auch die polz-
kreuze so schablonenmäßig, so billig wie nur mög- I
lich und ohne jede persönliche Zuthat angefertigt

würden. Wie zum Theil unsere Beispiele (sämmtlich
vom Verfasser nach alten Vorbildern ausgenommen),
namentlich Abb. \H<5, und sös zeigen, ist nicht
nur im Grundgedanken, sondern auch im Mrnament,
Symbol, insbesondere auch in der farbigen Behand-
lung allerlei Abwechslung möglich. Neben dem
ausgegründeten Flachrelief und der aus dem Vollen
geschnittenen Gliederung (nur nach vorn, nicht seitlich
profilirend), müßte auch der Kerbschuitt hier wieder
zu der Bedeutung gelangen, die er früher in der
Volkskunst hatte; eine taktvolle Anspielung auf Stand
und Beruf des Verstorbenen wäre dabei gar nicht
ausgeschlossen, so wenig wie auf den schönen Bronze-
Grabplatten des Nürnberger Johannis-Friedhofs.
Auch die Anwendung der Brandmalerei dürste mög-
lich sein. Nehmen wir noch dazu die sorgfältigste
Auswahl des Aiaterials, pünktlichste Bearbeitung
und Zusammensetzung und geschmackvolle Tönung
durch Beizen oder Lasirungen, so könnten unsere
polzarbeiter auf diesen: Gebiet mit Hellen: Kopf,
warmem Perzen und geschickter pand wieder kleine
Meisterstücke schaffen, die sich vortheilhaft von der
pandelswaare unterscheiden würden, mit deren Ver-
trieb sich jetzt die ineisten Grabstein-Verkäufer be-
gnügen.

Dresden. E). Grüner.

Lrih Schumachers „3™ (Kampfe
um die (Kunst" und „Studien"/)

verfallen

welche nebei: der Ausübung
ihrer Kunst noch Muse und Lust
finden, ihr Wollen und Streben
in Worte zu fassen und ihren
Nebenmenschcn und Fachgenossen
mitzutheilen, sind nicht allzuhäufig,
leicht den: Schicksal, von ihren
Zunftgenossen, die nur allzurasch mit dem ominösen
Wort „Kunstschreiber" bei der pand sind, nicht für
vollwerthig angesehen zu werden — sehr mit An-
recht. Wohl ist die künstlerische That in: Allgemeinen
von unmittelbarerer Wirkung als ein gutes Wort
darüber; aber es giebt stets einen großen Prozentsatz
von solchen, die einem Kunstwerk bei allem guten
willen so lange verständnißlos gegenüber stehen, bis

i) Im Kampfe um die Kunst, Beitrage zu architek»
tonischen Zeitfragen (I. Pest der Sammlung: Ueber Kunst der
Neuzeit). Straßburg *899. . Verlag von I. Ld. heitz (Peitz
und Mündel). Preis 2 M.

Studien; 20 Kohlezeichnungen. Leipzig *900. Baum»
gärtner's Buchhandlung. Preis in eleganter Mappe 20 M.

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