Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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Unsere Bilder von der pariser Weltausstellung.

(Unsere (Kikder von der Pariser
IVektausstekkung.

eber ’Kurj oder Lang werden die Tages-
wie die Fachpresse und nainentlich die
illustrirten Zeitungen mit Berichteit über
das Riesenunternehmen an der Leine
überschwemnrt werden; Gutes und
Lchleckites, Bedeutendes und Unbedeutendes, Gediegenes
und reklamenhaft protziges werden in bunter Reihen-
folge mit pilfe der Druckerschwärze ihren Platz in
den Blättern erobern — und der Leser wird schließ-
lich mit dem Faust-Lchüler sagen: „Mir wird von
alledem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im
Aopf herum." Das Aschenbrödel Aunstgewerbe wird
darunter ain Meisten zu leiden haben; denn erstens
ist es seinem ganzen Wesen nach nicht darauf erzogen,
sich vorzudrängen und die Aufmerksamkeit auf sich
zu lenken — und zweitens wird so gar Vieles als
„Aunstgewerbe" verzapft, was mit individueller,
schöpferischer Aunstthätigkeit nicht mehr Verwandt-
schaft hat als Gold mit Messing. Die Leute, denen
das feine Unterscheidungsvermögen mangelt, halten
sich dann an die Etiketts, unter der ihnen der Aunst-
trank geboten wird, und so werden sie Vieles als
ächten Göttertrank schlucken, was nur gefärbtes
Wasser ist.

Wie bekannt, ist die Ausstellung am April
offiziell eröffnet worden, — vorzeitiger und unfertiger
als irgend eine ihrer zahlreichen Vorgängerinnen;
es kann also auf lange Zeit hinaus nicht die Rede
fein von umfassenden Ueberblicken über das dort

w-

w.

vertretene Aunsthandwerk. Mit der Vorführung von
Ausstellungsgegenständen zu warten, bis solche fach-
lichen Berichte möglich sind, würde nur Ungeduld
erregen; darum bringen wir einstweilen das bis jetzt
vorliegende Material, das zwar nur Bruchstücke eines
großen Ganzen darstellt, aber das Dargestellte
wenigstens erschöpfend behandelt.

Nach langem Diplomatisiren war es den das
Aunsthandwerk vertretenden Gruppen Deutschlands
gelungen, der pariser Ausstellungsleitung, die ihrer
Fachgruppeneintheilung Alles und Jedes unterjochen
wollte, für ein kleines Fleckchen Ausstellungsfläche
das Recht abzuringen, eine künstlerisch in sich abge-
schlossene Raumgruppe zu schaffen; dem deutschen
Aunstgewerbe sollte danrit Gelegenheit geboten wer-
den, seine Leistungsfähigkeit in geschloffenen Einzel-
bildern vorzuführen. Daß die Münchener daran stark
betheiligt sind, ist selbstverständlich.

Eines dieser Einzelbilder ist das von Gabr.
5 ei dl, München, geschaffene und ausgestattete Ge-
mach (Abb. H28—439), ein Durchgangsraum, dessen
ursprünglich rechteckige Grundform sich durch Ab-
schrägung der einen Ecke und durch Einrundung der
gegenüberliegenden Ecke den Nachbarräumen anpassen
mußte; aber gerade die in dein Zwang der Ver-
hältnisse begründete Unregelmäßigkeit hat den An-
stoß zu malerischer Gestaltung gegeben. Der durch
die Einrundung führende Weg gab Anlaß zu einer
zierlichen Portalbildung, über welche Max v. Mann
in der Art gothischer Malereien ein Bild aus der
deutschen Märchenwelt an die Wand gezaubert; zu
dem hierin stark vorherrschenden stumpfen Roth bildet
das pellgrün der mit Ltoff bezogenen Wände einen
trefflichen Gegensatz. Lenkrechte Ltreifen aus schwarzem
Tuch mit reicher Litzenausschmückung in Goldgelb
begrenzen oder gliedern die Wände; in Lchwarz ist
auch im Wesentlichen die Gliederung des Gesimses
und der Decke gehalten, wo übrigens nur noch
Gold, Blau (letzteres in den runden bzw. rhombischen
Felderchen des Gesimses und als Grund für die
Pimmelszeichen auf der Decke) von Bedeutung sind.
Eins ganz köstliche Wirkung machen die von Otto

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