Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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Lhronik des Bayer. Kunstgewerbevereins.

Wonik M VilPrisUen Rüilstgkwcrßeverei^.

-Akkgenreme (Vereinsnachrichten.

Die Ausstellungshalle war während der letzten Weihnachts-
zeit sehr stark in Anspruch genommen; das Ergebniß ist, daß
die letzte Monatseinnahme mit Z^oooMk. den höchsten jemals
im Dezember dagewesenen Stand erreicht hat. Der Gesammt-
jahresumsatz betrug rund (80 000 Mk. (;8I8: ;S5 000 Mk.).

Programm der nächsten Vereinsversammlungen.
Dienstag den 6. Febr.: Geselliger Abend mit Ausstellung der
nach Paris gehenden Gegenstände.

„ „ \5. „ : Keramischer Fachabend.

„ „ 20. „ : Faschingskneipe.

s. März: Vortrag von vr. K. Trautmann.

: Generalversammlung.

: Archit. Zell über das Bauernhaus.

\5.

20.

Mochenverfammkungen.

November. Vortrag von
Architekt und Direktor der

Dritter Abend: Den 2;

Regierungsrath Lamillo Sitte,
k. k.Staatsgewerbeschule in Wien,
über „Die Architektur iu ihrem
verhältniß zu den übrigen Kün-
sten". Der mehr als anderthalb-
stündige Vortrag bot eine solche
Fülle tiefgründiger Gedanken,
philosophischer Betrachtungen,
geistvoller Parallelen, daß es un-
möglich ist, im Rahmen eines
kurzen Berichtes ein erschöpfendes
Bild des Ganzen zu geben, ob-
gleich der Redner der Zuhörer-
schaft zuliebe sich keineswegs in
unnahbaren Regionen des Den-
kens und Wissens bewegte, son-
dern stets auf dem Boden volks-
thümlicher Darstellung blieb und
dabei auch an passender Stelle
dem Humor sein Recht ließ.

Um die Beziehungen der Architektur zu den anderen Künsten
zu schildern, verbreitete sich der Redner über das Wesen der
verschiedenen Kunstäußerungen und stellte dabei im Laufe des
Vortrages eine Tabelle zusammen, aus welcher die Verwandt-
schaft der Künste untereinander sich am übersichtlichsten zeigt.

ein Name, ebenso wie für das Gesammtkunstwerk, das aus
einer Verbindung sämmtlicher Künste besteht. Die in die oberste
Reihe gesetzten Künste spielen in der Zeit und wenden sich an
das Ghr, die in der untersten spielen im Raum und wenden
sich an das Auge; die linke Kolumne umfaßt die Darstellung
des Seienden, die rechte die Darstellung der Empfindung.
Plastik und Malerei gehen hier unter dem Namen einer einzigen
Kunst, da die beiden Schwesterkünste nur verschiedene Aeußerungen
derselben Kunstabsicht darstellen; das geht schon daraus hervor,
daß die eine unmerkbar in die andere übergehen kann: frei-
stehende Figur — vollrunde Figur vor einer wand — Hoch-
relief — Flachrelief •— Malerei. Mit besonderer Vorliebe ver-
weilt Redner bei den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen
Architektur und Musik; die Gegensätze, welche in der Musik
zwischen einem Trauerniarsch und einem Tanz bestehen, finden
sich in der Architektur zwischen der Gruft und dem Tanzsaal;
— was iu der Musik die Instrumentation bedeutet, bedeutet
in der Architektur die Farbe. Das Gesammtkunstwerk, in dessen
Rahmen sich alle anderen Künste bewegen, hat dereinst eine be-
deutsame Rolle gespielt bei den großen Tempelprozessionen in

reine Musik

4

Tanz

t

Architektur und
Kunst-
handwerk.

Dichtkunst -> Gesang

I I '

Mimik -> Gesammtkunstwerk

t t

Plastik und -» Vereinigung

Malerei der sog.

bildenden Künste
Danach gehen die an den Eckpunkten dieser Tabelle
stehenden Künste — Dichtkunst, Plastik und Malerei, reine
Rlusik, Architektur und Kunsthandwerk — untereinander
Verbindungen ein, so daß daraus (siehe die Tabelle) die
Zwischenglieder der Tabelle entstehen: Mimik, Gesang, Tanz
und die Vereinigung von Plastik und Malerei mit Architektur
und Kunsthandmerk; für die letztgenannte Vereinigung fehlt

258 11. 259. Handtücher in Blaustickerei nach Entwürfen von Th. Fischer. p/g d. w. Gr.)

Aegypten; und auch heute kommt man — nach Ansicht des
Redners — dem Gesammtkunstwerke am nächsten im Gebiete
der Kirche und des Kirchendienstes. Das Streben nach Trennung
der Künste war für die Entwickelung der einzelnen Kunst ein
Segen; die starke Scheidung, ja Isolirung, hat aber jetzt das
Streben nach Wiedervereinigung wachgerufen. — Dem mit all-
gemeinem Beifall aufgenommenen vortrage Sitte's folgten am
darauffolgenden Donnerstag, bezw. Freitag, noch zwei weitere
Vorträge desselben, zu denen auch die Mitglieder unseres
Vereines eingeladen waren, und zwar im Architektenverein über
„Städtebau" und im Anthropologischen verein über „Lrfindungs-
mythen im Alterthum", von denen namentlich der erstere all-
seitige Zustimmung fand und viel Anregung gab. —

Vierter Abend: Den 28. November. Fachausstellung
vou Stickereien. Entsprechend dem Programm des Abends bot
der Versammlungssaal ein gegen sonst völlig verändertes Bild:
da, wo sonst nur das männliche Geschlecht die runden Marmor-
tische besetzt hält, waren heute die Vertreterinnen des zarten
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