Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 50.1899-1900

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0.5
1 cm
facsimile
{■ „Die Musik


von W. 1? o 13 , München; in
(von der Münchener

Frittenmalerei auf Fliesen ausgeführt von villeroy & Loch in Dresden.
Glaspalastausstellung.) Wirkt. Größe: 2(9/;o2 cm.

(Wy: ApsidmschmucK der neuen
St. AnnaArehe in München. (Von
Dr. PH. M. Haem.

kenn wir die großen Gotteshäuser
des Mittelalters besuchen, so er-
freut uns, abgesehen von dein ar-
chitektonischen Bilde, die Mannig-
faltigkeit in der Innenausstattung,

, - - wie sie sich im Laufe der fort-

schreitenden Jahrhunderte ergab. In den stilistisch
oft ganz verschiedenen Werken fühlen wir den durch
alle ödeit gleichen Geist der Frömmigkeit und der
' wngel an 5tileinheit, den wir mit Recht an einer
neuerbanten Kirche tadeln würden, wirkt keineswegs
störend aus uns. Wir haben gelernt, voit jenen
purisikationen, in denen man noch vor wenigen
Jahrzehnten das peil unserer Dome erblickte, ab-
zustehen und suchen, wenn irgend möglich, das gute,
zu Recht Bestehende ohne allzu große Rücksicht ans
Stileinheit und Stilreinheit cm Ort und Stelle zu
erhalten. So wenig den wahrhaft Kunstliebenden
und Kunstverständigen dies wechselvolle Bild der
Innenausstattung einer älteren Kirche zum Tadel
reizen würde, so geschähe dies umsomehr, wenn
man bei dem Neubau eines Gotteshauses auf stil-
einheitliche Durchbildung verzichten würde. Und
-dennoch, dünkt mir, haben auch hier Zugeständnisse

zuAAbweichungen von der Stileinheit eine gewisse
Berechtigung; denn gar Manches —- und das gilt im
Besonderen von figürlichen Darstellungen der mittel-
alterlichen, nainentlich der frühmittelalterlichen Kunst —
erscheint der großen Masse des gläubigen Volkes
so fremd, so unverständlich und seiner Vorstellung
so zuwiderlausend, daß von Erheben und Erbauen
des Gemüthes keine Rede mehr fein kann, und das
ist doch schließlich pauptbedingung und Hauptzweck
eines neuen Werkes christlicher Kunst, und der Künstler
ist berechtigt und verpflichtet, von dem alten vorbilde
abzuweichen, wenn und soweit diese Punkte in Frage
kommen. Wie Treffliches so ein Künstler wie
Rudolph Seitz zu schaffen vermag, das lehrt uns
die Ausmalung der Apsis der neuen St. Annakirche
zu München.

Das Thema, das Rud. Seitz für seinen Apsiden-
schmuck wählte, ist ein altes, das in der altchristlichen
Kunst und in der Kunst des Mittelalters schon eine
so große Reihe von Lösungen gesunden hat, daß es
beinahe ausgeschlossen erscheinen möchte, demselben
neue Seiten abgewinnen und eine neue Ausdrucks-
weise für die an diesem Platze gewohnte bildliche
Darstellung finden zu können. Um so beachtens
weither erscheint uns denn dieses Meisterwerk moderner
christlicher Kunst, ganz abgesehen von seiner rein
künstlerischen Bedeutung, auch in historisch-ikono-
graphischer Einsicht, worauf wir im Verlaufe unserer
Betrachtung einige Rücksicht zu nehmen gedenken.
Als der bevorzugteste Platz der Kirche war es

«unst und Handwerk. 50. Zahrg. hef, ,.
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